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Georges Perec (1936-1982) hat Kreuzworträtsel erfunden, Kochbücher und einen Roman ohne den Buchstaben E geschrieben. Jetzt wurde im Nachlass noch ein Text des Autors gefunden.

Stuttgart - Georges Perec (1936-1982) hat Kreuzworträtsel erfunden, Kochbücher und einen Roman ohne den Buchstaben E geschrieben. Jetzt wurde im Nachlass noch ein Text gefunden. Perec lässt den Leser an einem auch in diesen Tagen aberwitzigen Versuch teilhaben: dem Versuch, seinen Chef um mehr Geld zu bitten.

Dies ist, um es gleich zu sagen, kein Ratgeber in dem Sinn, dass er um Taktiken und Argumentationshilfen bei Verhandlungen kreist. Am Ende von "Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten" heißt es für den Angestellten: zurück an den Start. Und das selbst, wenn der Chef ihn nicht mit finanzieller Krise abfertigt, ihn nicht beschimpft, er argumentiere wie ein Stück Holz, und ihn sogar bemerkenswert intelligent finden sollte. Dieses Buch ist ein lakonischer Ratgeber fürs Leben und eine Etüde des französischen Sprachspielers.

 

Georges Perec schreibt das Organigramm zu den Möglichkeiten, seinen Chef anzusprechen, in Prosa nach: 22 zweispaltige, klein bedruckte Seiten waren es im Original. 1968 entstand der Text, er wurde als Hörspiel ("Wucherungen") und als Theaterstück ("Die Gehaltserhöhung") bearbeitet. Vierzig Jahre später ist im Nachlass das Originalmanuskript aufgetaucht. Jetzt erscheint es im Stuttgarter Verlag Klett-Cotta erstmals auf Deutsch.

81 Seiten, in Kleinbuchstaben, ohne Punkt, ohne Komma. Keine Absätze. Monsieur treibt einen schier in den Wahnsinn, mit seinen Bedenken, seinen wiederholten Anläufen, beim Chef vorzusprechen. Denn nicht nur die Alternative "da/nicht da" entscheidet. Ein faules Ei, eine verschluckte Gräte, Masern der Töchter, nahender Ferienbeginn, schlechte Laune, Überlastung - all diese Eventualitäten müssen bedacht werden, wenn man den richtigen Moment für die Mission erwischen will.

Das grafische Modell bestimmt die Struktur des Textes. Perec, wie Raymond Queneau Mitglied der mit literarischen Formen experimentierenden Gruppe Oulipo, hat auch mit anderen Modellen gespielt. Das Modell eines Hauses zum Beispiel und komplizierte mathematische Formeln bilden den Formzwang für den extrem unterhaltsamen Roman "Das Leben - Gebrauchsanweisung".

Mit "La Disparition" hat er einen Roman ohne den Buchstaben E geschrieben. Ein Roman über das Verschwinden. Die Widmung, "pour E" bekommt eine politische und biografische Bedeutung, gesprochen bedeutet "pour e" im Französischen auch "für sie". Sie, die verschwunden sind. Georges Perecs gesamte Familie wurde in Auschwitz umgebracht. Die Ordnung eines Textes nach strengen Regeln - und das Brechen eben dieser Regeln, die Leerstellen, sind damit auch eine Reaktion auf die Gräuel des 20. Jahrhunderts, die Erkenntnis, dass das Leben grundsätzlich nicht verstehbar, sinnvoll oder zu ordnen ist.

Experimente und Listen, die ihrem Prinzip nach vollständige Erfassbarkeit behaupten und natürlich bei Perec unvollständig bleiben, dokumentieren auch die Lust am Wort. Um einen Roman ohne den im Französischen am häufigsten vorkommenden Vokal E zu schreiben, kamen altertümliche Worte, Slang, Dialekte ins Spiel.

Wie reich die Sprache bei Georges Perec ist, wie man in seinem Buch auf ein Spiel mit Original und Fälschung stößt und was die Freiheit der Kunst bei Georges Perec ausmacht, lesen Sie in unserer Printausgabe (25. September).

Georges Perec: Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Nachworte von Bernard Magné und Tobias Scheffel. Klett-Cotta, Stuttgart. 110 Seiten, 14,90 Euro. Der Übersetzer Tobias Scheffel ist zum Finale der Baden-Württembergischen Übersetzertage am 25. September um 20 Uhr im Wilhelmspalais in Stuttgart zu Gast.