Andreas Fritz zeigt Kerner-Bildnisse. Der Armenarzt starb, nachdem er sich mit Flecktyphus angesteckt hatte. Foto: factum/Simon Granville

Nicht mal 42 Jahre war Georg Kerner, als er sich als rastloser Armenarzt während einer Flecktyphus-Epidemie selbst infizierte und starb. Heute ist der Mediziner, Publizist und Revolutionsteilnehmer aus Ludwigsburg längst nicht so bekannt wie sein Bruder Justinus. Zu Unrecht, wie sein Biograf Andreas Fritz zeigt.

Ludwigsburg - Eloquentes Energiebündel, scharfgeistiger Publizist, aufrechter Verfechter der Ideale von Aufklärung und Französischer Revolution, selbstloser Arzt: Georg Kerner war all das in Personalunion. In seiner Geburtsstadt Ludwigsburg und der Region ist er wenig bekannt, eine kleine Geburtstags-Gedenkfeier von Kerner-Freunden am 9. April fiel Corona-bedingt aus. Zeit also, Abhilfe zu schaffen.

Herr Fritz, Georg Kerner trat kompromisslos wie wenige Zeitgenossen für die Ideale der Französischen Revolution ein und rieb sich als Armenarzt auf. Warum ist er heute trotzdem so wenig bekannt?

Er stand und steht immer noch im Schatten seines Bruders, des Schriftstellers und Arztes Justinus Kerner. Ohne dessen Verdienste schmälern zu wollen: Sein Bruder Georg führte unter politischen und historischen Gesichtspunkten das deutlich aufregendere Leben. Es würde jedem Abenteuerroman zur Ehre gereichen.

Was macht seine Biografie so besonders?

Er beließ es als großer Freiheitsverfechter nicht dabei, für die Ideale der Französischen Revolution nur zu schwärmen. Er nahm, unter anderem als Nationalgardist und als Soldat, selbst an ihr teil, er kannte Politiker wie Sieyès, Talleyrand und Napoleon persönlich und schrieb als Berichterstatter für namhafte Journale über die Geschehnisse in Paris. Beeindruckend finde ich, wie konsequent er versuchte, nach diesen Idealen zu leben. Am besten gelungen ist ihm das in puncto Brüderlichkeit. Das zeigt sich auch in seiner Arbeit als Arzt. Nach seinen Jahren in Frankreich und einigen Nachbarländern setzte er sich in Hamburg für die Ärmsten ein, arbeitete als einer der Ersten mit Pockenschutzimpfungen und bildete Hebammen aus, weil er sah, wie groß damals die Not der Frauen beim Thema Geburt war.

Was führte dazu, dass sich ein junger Schwabe aus obrigkeitstreuem Elternhaus ins Pariser Revolutionsgeschehen stürzte?

Als Sohn des Oberamtmanns in Ludwigsburg, der ein ergebener Diener des absolutistischen Herrschers Carl Eugen war, konnte Georg die Prunk- und Verschwendungssucht des Herzogs live miterleben. Zum Beispiel wenn direkt unter den Fenstern des Kerner-Wohnhauses am Marktplatz rauschende Feste gefeiert wurden, für die sogar venezianische Gondeln über die Alpen herangeschafft wurden. Georg Kerner traute sich schon früh, Widerspruch gegenüber Autoritätspersonen zu formulieren. Als Medizinstudent der Hohen Karlsschule in Stuttgart beteiligte er sich an revolutionsfreundlichen Aktionen. Die Studenten feierten zum Beispiel nachts heimlich den ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille. Wäre Kerner erwischt worden, wäre es böse für ihn ausgegangen. Nach dem Studium hat ihn nichts mehr hier gehalten. Er ging nach Straßburg und Ende 1791 nach Paris.

Als die Revolution in den Terror kippte, landete Kerner auf einer Proskriptionsliste und musste mit gefälschtem Pass Hals über Kopf das Land verlassen. Trotzdem hielt er Frankreich die Treue. Warum?

Während sich andere ab 1793 von der Revolution abwendeten, bewertete er die politischen Entwicklungen, weil er ja die Innensicht hatte, viel differenzierter. Die Terrorzeit hielt er wohl für einen Ausrutscher. Als Napoleons Aufstieg begann, hoffte Kerner, der erfolgreiche Feldherr werde die Ideale der Revolution in die Schwesterstaaten bringen. Aber seine Enttäuschung wuchs, als er sah, dass es Frankreich nicht darum ging, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu exportieren, sondern vor allem darum, die besetzten Länder wirtschaftlich auszubeuten. Einen Eindruck von Kerners Empörung darüber bekommt man in seinem Gedicht „Das blaue Fieber“.

Trotzdem engagierte sich Kerner noch jahrelang für Frankreich.

Er stand in Diensten des französischen Gesandten Karl Friedrich Reinhard und war unter anderem in den Hansestädten Hamburg und Bremen, in Italien und in der Schweiz im Einsatz. 1801 war er aber an dem Punkt angelangt, an dem er politisch enttäuscht kündigte. Er wollte sich in Hamburg eine neue Existenz als Kaufmann aufbauen, scheiterte aber schnell. Sein Ruf und sein Temperament waren nicht gerade die ideale Basis für eine solide Kaufmannskarriere.

Für die Schwächsten in der Stadt war das im Nachhinein ein Glück.

Das kann man so sagen. Kerner frischte in Dänemark sein medizinisches Wissen auf, wurde Armenarzt mit Schwerpunkt Geburtshilfe und kümmerte sich bis zur Selbstaufgabe um seine Patienten. Außerdem heiratete er und bekam mit seiner Frau Johanna Friederike vier Kinder, trat also doch noch in eine Art bürgerliches Leben ein. Rastlos blieb er aber immer. Und er blieb ein scharfer Beobachter und Kommentator der politischen und gesellschaftlichen Zustände. Seine publizistische Tätigkeit gab er nicht auf.

Wie brachte er all das unter einen Hut?

Er hatte unglaublich viel Energie. Und alles, was er tat, tat er mit ganzem Herzen.

Als in Hamburg 1812 eine Flecktyphus-Epidemie grassierte, behandelte er Kranke, steckte sich an und starb mit 41 Jahren.

Auch das ist ein Charakteristikum seines Lebens: Für seine Ideale nahm er keine Rücksicht auf sich und persönliche Nachteile in Kauf. Nicht zuletzt deshalb machte er in französischen Diensten keine Karriere und bekam nach seiner Tätigkeit für Karl Friedrich Reinhard dort auch nur eine untergeordnete Aufgabe angeboten. Ein Nachruf bringt treffend auf den Punkt, was ihn auszeichnete: „Eine sich selbst vergessende Uneigennützigkeit, eine seltene Genialität und eine nichts verhehlende Offenheit machten ihn seinen Freunden besonders teuer. Er scheint in seinem kurzen, gehaltvollen Leben die Summe eines längeren Daseins erschöpft und dessen Zweck erfüllt zu haben.“

Sie haben sich Kerner so intensiv wie kein Wissenschaftler zuvor gewidmet, trugen in zig Archiven Dokumente zusammen, haben entdeckt, dass er eine Geliebte in Italien hatte und trafen sogar Kerners Ur-Ur-Enkel. Wie lange haben Sie recherchiert?

Rund drei Jahre. Georg Kerner hat viel, schnell und manchmal ungestüm geschrieben. Einer der Höhepunkte meiner Promotionszeit war, als sich sozusagen der Schleier lüftete und ich seine Handschrift auf einmal flüssig lesen konnte. Es war ein Eintauchen in ein Leben, das einzigartig war, aber andererseits auch charakteristisch für diese idealistische, tatkräftige, kreative 1770er-Generation, aus der ja auch Hegel, Hölderlin und Beethoven hervorgingen.

Was können wir in der heutigen Zeit von Georg Kerner lernen?

Er trennte Theorie nicht von Praxis. Und er war ein Vorbild für Selbstlosigkeit, für Menschlichkeit und für Solidarität. Das sind gerade wieder sehr aktuelle Werte, wie ich finde.

Hintergrund:
Andreas Fritz, Jahrgang 1966, wurde in Stuttgart geboren und lebt in Ludwigsburg. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Geschichte, Politik und Kunstgeschichte. Nach einem journalistischen Volontariat arbeitete er bis 2006 als Zeitungsredakteur und Ressortleiter, seit 2007 ist er Pressereferent des Landratsamts Ludwigsburg. Die knapp 700 Seiten zählende politische Biografie „Georg Kerner – Fürstenfeind und Menschenfreund“, mit der Fritz in Geschichte promovierte, ist nur noch antiquarisch erhältlich. Auf der neuen Homepage www.georg-kerner.de, die einige Ludwigsburger Kerner-Kenner zu dessen 250. Geburtstag konzipiert haben, hält Andreas Fritz eine Rede für Georg Kerner.