Gentests wie die der US-Firma 23andme bewerten, wie hoch das Risiko ihrer Kunden für eine ­bestimmte Erkrankung wie Gluten­unverträglichkeit, Alzheimer oder Parkinson ist.  Foto: Oleksandr/AdobeStock

Besteht das Riskio, an Alzheimer zu erkranken? In den USA kann jeder Fragen wie diese per Gentest klären. Experten warnen jedoch vor diesen Analysen, die in Deutschland ohnhein verboten sind.

Stuttgart - Der vermeintliche Blick in die Zukunft kostet 199 US-Dollar (umgerechnet 169 Euro). Das ist der Preis für eine Gen-Analyse bei der Firma 23andme. Das Prinzip ist ganz einfach: Der Kunde benötigt weder Arzt noch Apotheker. Der Test kommt ganz einfach via Internet. Die Firma schickt lediglich ein Wattestäbchen, mit dem der Kunde eine Speichelprobe und Zellen der Mundschleimhaut entnehmen kann. Zudem enthält das Päckchen noch Informationsmaterial und die Verpackung für die Rücksendung des Stäbchens zum Labor in Kalifornien. Nach ein paar Wochen bekommt der Kunde dann wieder Post oder eine E-Mail: ein Brief mit dem Analyseergebnis, begleitet von Erläuterungen und Handlungsempfehlungen.

Die Auswirkungen des Schreibens können gravierend sein. 23andme bewertet, wie hoch das Risiko ihrer Kunden für eine bestimmte Erkrankung ist. Das Angebot der US-Firma umfasst bisher zehn Krankheiten. Die meisten davon sind sehr selten, aber auch Glutenunverträglichkeit, Alzheimer und Parkinson gehören dazu. Seit April 2017 besitzt 23andme die Zulassung für ihr Produkt durch die amerikanische Genehmigungsbehörde FDA. Es ist der erste medizinische Gentest, der ohne Arzt direkt an den Kunden verkauft werden darf.

In Deutschland gilt: Einen Gentest gibt es erst nach ärztlicher Beratung

In Deutschland ist diese Variante durch das Gendiagnostikgesetz verboten. Vor einem Gentest zu medizinischen Zwecken muss ein spezialisierter Arzt den Patienten beraten. 23andme blockiert deshalb den direkten Verkauf seines Produkts, wenn die Anfrage nicht aus den USA oder Großbritannien stammt. Hierzulande dienen Gentests meistens zur Absicherung einer Diagnose. Oder sie werden von Angehörigen beauftragt, die mehr über ihr Risiko wissen wollen, nachdem jemand anders aus der Familie schwer erkrankt ist. Der vorausschauende Blick ins Erbgut ohne konkreten Anlass, wie ihn 23andme anbietet, stellt in Deutschland bisher noch die Ausnahme dar. Aber es gibt bereits Labors, die den kompletten Service inklusive Beratung meist sehr teuer anbieten.

Aber der Gentest aus dem Internet könnte diese Praxis verändern. Denn der Auftrag für eine DNA-Analyse ist für viele Menschen eine Kombination aus Neugierde und einer weitverbreiteten Angst – nämlich die Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob der Betroffene mit schweren Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislaufleiden, Alzheimer oder Parkinson rechnen muss. Denkbar, dass deshalb Verkaufsverbote im Internet ausgetrickst werden. Und das Angebot an Gentests wird in den USA rasant wachsen, denn die FDA hat Anfang November eine Änderung ihrer Genehmigungspraxis angekündigt: In Zukunft soll nicht mehr jeder einzelne Test überprüft werden. Stattdessen werden die Firmen quasi generell als Anbieter für Gentests zertifiziert und sind dann frei in der Erstellung ihrer Produkte.

Was derzeit in Deutschland als Gentest frei verfügbar gekauft werden kann, ist meist belanglos oder bestenfalls lustig. Beliebt sind Tests, die Auskunft über Vorfahren geben. In den Genen lassen sich natürlich auch europäische, afrikanische oder asiatische Einflüsse erkennen. Meistens liefern die Anbieter zusätzlich ein paar Sätze, wie groß der Anteil des Neandertalers an der eigenen DNA ist. Auch das ist nicht überraschend, denn viele Gene haben sich seit der Entwicklung des Frühmenschen nicht wesentlich verändert.

Andere Tests machen Vorschläge, welche Sportart zur eigenen DNA passt. Selbst für die Partnersuche werden Gentests angeboten. So soll die genetische Kompatibilität zweier Menschen ein Garant für eine langfristige Beziehung sein. Vieles von dem, was angeboten wird, ist unseriös, weil die Zusammenhänge zwischen Erbgut und der gewünschten Aussage nur unzureichend untersucht sind. „Bei den meisten Eigenschaften eines Menschen, die uns im Alltag interessieren, kommen mehrere Faktoren zusammen“, erklärt Markus Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik der Uni Bonn. Gene spielten zwar eine gewisse Rolle, aber auch die Sozialisation und die Interaktion mit der Umgebung hätten einen großen Einfluss.

Trotz genetischem Risiko muss man nicht zwingend krank werden

Schwerwiegender sind die Schwächen der medizinischen Gentests, die derzeit nicht nur bei 23andme zu finden sind. Oft bleibt die Aussagefähigkeit des Ergebnisses vage: Bei Alzheimer etwa untersucht 23andme Veränderungen am Gen ApoE4, die viele Patienten haben. Doch gleichzeitig gibt es auch Menschen, die trotz dieser Mutation im Genom kein Alzheimer entwickeln. Und häufig ist das untersuchte Spektrum schlicht zu schmal. Für die Entwicklung von Parkinson testet 23andme beispielsweise nur eine sehr kleine Zahl von Genen, über die zwar ein relativ großes Wissen besteht, dass sie mit der Erkrankung in Verbindung stehen. Aber es gibt noch viel mehr Gene, die vermutlich an der Entstehung von Parkinson beteiligt sind. Wer also durch einen Test bei 23andme bestätigt bekommt, dass er kein erhöhtes Parkinsonrisiko hat, darf sich keineswegs sicher wähnen. Hinter komplexen Erkrankungen stehen häufig mehrere genetische Muster. Die US-Firma verschweigt dies nicht – fraglich ist nur, ob ihre Kunden das alles verstehen.

Die FDA hatte bis 2013 schon einmal Gentests für den Verkauf im Internet zugelassen. Damals bekamen die Kunden teilweise je nach Anbieter eine unterschiedliche Bewertung ihres Krankheitsrisikos. Der Grund lag darin, dass die Firmen verschiedene Gene für ihre Analyse verwendeten. Wissenschaftlich gesehen, müsste man die verschiedenen Tests zu einem einzigen kombinieren – das wird mit der Zeit auch kommen. Die Auswertung wird dadurch komplizierter, weil die Modelle, mit denen der Einfluss einzelner Gene bestimmt wird, noch verbessert werden müssen.

Doch selbst, wenn diese Probleme nach einer Übergangsphase gelöst sind, sollten die Anwender eines Gentests wenigstens zwei Faustregeln kennen: Zum einen kann man auch trotz eines genetischen Risikos für eine Krankheit gesund bleiben. Zum anderen kann man auch ohne Vorbelastung im Erbgut erkranken. Trotzdem sehen alle Experten gewaltige Wachstumsraten für den Verkauf von medizinischen Gentests über das Internet direkt an die Kunden. Sie rechnen damit, dass viele Menschen den Service allein aus Neugierde nutzen werden, wenn der Preis stimmt. Jeder muss selbst entscheiden, was er wissen will.

Gentests für jeden

Technik

In der Regel verzichten die Anbieter in den USA auf die vollständige Entschlüsselung des Genoms. Sie sammeln die für sie interessanten Gene und DNA-Abschnitte auf einem Chip und testen damit die DNA-Probe der Kunden. Die Auswahl der Gene für den Chip bestimmt dann die Leistungsfähigkeit des Tests.

Datenbanken

Die Gen-Daten werden anonymisiert in Großrechnern gespeichert. Private Anbieter wie 23andme aber auch staatliche Organisationen in Island, Großbritannien und anderen Ländern bauen große Datenbanken auf, in die auch Fragebögen ihrer Kunden einfließen. Ziel ist es, durch Computeranalysen bisher unbekannten Zusammenhänge zwischen Genen und Krankheiten zu finden. Auch 23andme bringt seine Daten in solche Studien ein.

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