Sobald gentechnisch veränderte Pflanzen in der Natur wachsen, breiten sie sich unkontrollierbar aus. So sammeln beispielsweise Bienen überall ihre Pollen für den Honig. Foto: dapd

Die EU will die Regelungen für Gentechnik in Lebensmitteln lockern – auf Kosten der Verbraucher.

Stuttgart - Sonnenblumen, Raps, Kastanien: Bienen auf Nahrungssuche bedienen sich an den Pflanzen, die rund um ihren Bienenstock wachsen. Und wenn dort die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft Genmais anbaut, trägt sie diese Pollen in ihre Waben, von wo sie dann im Honig von Karl Heinz Bablok landen.

Weil der Imker aber etwas gegen Gentechnik in seinem Honig hatte, ließ er sich im September 2011 vor dem Europäischen Gerichtshof das Prinzip der Nulltoleranz bekräftigen: Sobald gentechnisch verändertes Material auch nur in geringsten Spuren in einem Lebensmittel vorkommt, darf dieses nicht verkauft werden – es sei denn, die Europäische Union (EU) hat diese Spuren zugelassen oder das Produkt trägt eine ­entsprechende Kennzeichnung.

Während die EU-Kommission die Regelung nun lockern möchte, hält Verbraucherministerin Ilse Aigner wie Imker Karl Heinz Bablok am Nulltoleranz-Prinzip fest. Warum, verdeutlichen die folgenden Antworten.

Was ist Gentechnik überhaupt?
Das Erbgut wird isoliert, verändert, neu kombiniert und von einem Lebewesen auf ein anderes übertragen. So erhalten beispielsweise Pflanzen Gene mit nützlichen Eigenschaften von Bakterien. Angewandt wird Gentechnik beispielsweise bei der Herstellung von Medikamenten, etwa Insulin, und bei der Züchtung von Pflanzen.

Sind Lebensmittel bislang frei von Gentechnik?
Nein, zwischen 50 und 80 Prozent der verarbeiteten Lebensmittel, die es im Supermarkt gibt, sind bei der Herstellung mit Gentechnik in Berührung gekommen: Über das Futter der Tiere, über Medikamente oder weil gentechnisch hergestellte Enzyme oder Vitamine verwendet wurden. Den sichtbaren Hinweis „genetisch verändert . . .“ oder „aus genetisch verändert . . . hergestellt“ müssen aber nur sehr wenige Lebensmittel tragen, beispielsweise die Anti-Matsch-Tomate oder Joghurt, der gentechnisch veränderte Bakterien enthält. In Deutschland finden sich solche Produkte kaum im Supermarkt.

Wann kann Gentechnik auch ohne Kennzeichnung im Lebensmittel stecken?
Zum einen indirekt über gentechnisch verändertes Futtermittel. Eingeschränkt dürfen das selbst solche Rinder oder Schweine fressen, deren Fleisch später mit dem Siegel „Ohne Gentechnik“ verkauft wird.

Ähnlich wie im Beispiel mit den Bienen kann Gentechnik auch zufällig in Lebensmitteln landen. Und bei der Käseherstellung braucht man heute so viele Enzyme, die ursprünglich aus dem Labferment in Kälbermägen stammen, dass die Industrie bei 80 Prozent des Käses auf die gentechnische Herstellung des Enzyms angewiesen ist.

Für diese beiden Fälle (Zufall oder technische Unvermeidbarkeit) dürfen Lebensmittel-Unternehmen seit 2004 Produkte mit genmanipuliertem Material bis zu einem Schwellenwert von 0,9 Prozent verkaufen, ohne sie extra zu kennzeichnen. Voraussetzung ist, dass die EU die gentechnisch veränderten Organismen (GVO) als sicher bewertet und zugelassen hat.

Für die Zulassung müssen die Unternehmen ein Dokument einreichen, das nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand gesundheitliche Unbedenklichkeit bescheinigt. Kritiker wie Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk bemängeln, dass es keine unabhängige Bewertung gibt, weil die Unternehmen die Wissenschaftler selbst beauftragen.

Sind Risiken von Gentechnik in Lebensmitteln bekannt?

Sind Risiken von Gentechnik in Lebensmitteln bekannt?
Auffälligkeiten wie Entzündungen innerer Organe oder ein verändertes Blutbild wurden bislang nur in Tierversuchen beobachtet – und sind damit wenig aussagekräftig für den Menschen. Über Langzeitwirkungen für die Gesundheit weiß man noch gar nichts. „Weil das so ist, sind wir in Europa mit dem Vorsorgeprinzip bislang sehr gut gefahren: Solange sich die Ungefährlichkeit nicht nachweisen lässt, bleibt man besser vorsichtig“, sagt Jutta Jaksche, Referentin für Ernährungspolitik und Lebensmittelsicherheit bei der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV).

Deutlich kritischer werden die unkalkulierbaren Auswirkungen auf die Umwelt gesehen. Denn einmal in der Natur angebaut, verbreitet sich eine gentechnisch veränderte Pflanze oder kreuzt sich mit anderen. „Auch hier weiß man nichts über die Auswirkungen“, sagt Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk.

Warum will die EU-Kommission die ­Regelungen für Gentechnik in Lebensmitteln jetzt lockern?
Bereits letztes Jahr hat die Futtermittelindustrie erreicht, dass die Nulltoleranz-Regelung für gentechnisch veränderte Futter-Pflanzen gelockert wurde. Seither darf beispielsweise Soja bis zu 0,1 Prozent einer gentechnisch veränderten Sorte enthalten. Die Begründung: Eine solch geringe Verunreinigung kann leicht passieren, wenn etwa im gleichen Container zuvor gentechnisch verändertes Soja transportiert wurde. Außerdem seien die Messmethoden inzwischen so genau, dass geringe Spuren fast immer gefunden würden. „Letztlich wurden die strengen Regelungen auch einfach als Benachteiligung im globalen Handel gesehen“, sagt Jaksche vom VZBV.

Dieses Argument führt jetzt auch die ­Lebensmittelindustrie an. Denn in Europa sind andere gentechnisch veränderte Organismen zugelassen als in den USA oder in Asien. Für die Hersteller ist dies kompliziert – und auch teuer, wenn sie unterschiedliche Zulassungen brauchen. „Auch hinter dieser Aufweichung stecken allein handelspolitische Motive“, sagt Jaksche, „und dafür will man ein bewährtes Sicherheitskonzept für den Verbraucher aufweichen.“

Stefan Leible, Direktor der Forschungsstelle für deutsches und europäisches ­Lebensmittelrecht an der Universität ­Bayreuth, sieht bereits bei der geltenden Nulltoleranz-Regel Schwachstellen. „Sie hat schon jetzt nur eine beschränkte Aussagekraft, weil sie sich auf den derzeitigen Stand der Technik bezieht. Es ist vorstellbar, dass wir heute schon Produkte konsumieren, die nicht zugelassene gentechnisch veränderte Organismen enthalten – in Kleinstspuren, die sich noch nicht nachweisen lassen.“

Braucht man überhaupt Gentechnik in Lebensmittel?
Als eher unbedenklich und teilweise sinnvoll wird der Einsatz von Enzymen, Vitaminen oder Aromen gesehen, die gentechnisch hergestellt werden. Anders sieht es mit Pflanzen aus, die beispielsweise so verändert werden, dass starke Pestizide zwar alles Unkraut, nicht aber die Pflanze selbst schädigen. „Kurzfristig kann das für den Bauern tatsächlich günstiger sein“, sagt Jaksche. Nach ein paar Jahren jedoch entwickelt das Unkraut auch gegen diese Pestizide eine Resistenz, der Bauer braucht neues Saatgut und andere Pestizide. „Damit macht er sich sehr abhängig von den riesigen Saatgutherstellern und deren Preispolitik“, sagt Jaksche. Diese Unternehmen sind es auch, die hauptsächlich von Gentechnik in Pflanzen ­profitieren.

Für den Verbraucher hingegen gibt es ­bislang keine Vorteile, darin sind sich Jutta ­Jaksche und Christof Potthof einig. „Es ­wurde gesünderes, besseres Essen für mehr Menschen versprochen, das die Umwelt ­weniger mit Pestiziden belastet. Erfüllt hat sich das bisher nicht“, sagt Potthof.

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