Genrekino Was die Mutter eines Amokläufers denkt

Von Wolfram Hannemann 

  Foto: Verleih
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Fantasy-Filmfest-Nights zeigten am Wochenende im Metropol Horror, Thriller und Science-Fiction.

Stuttgart - Erst rückt die Kamera Vermissten-Steckbriefe ins Bild, die an der Glasscheibe einer Bushaltestelle kleben, bevor sie den Blick freigibt auf die junge Frau, die dort sitzt; dann ihre faszinierenden Augen in Großaufnahme. Sofort ist klar: Dieser jungen Dame stehen 90 schweißtreibende ­Minuten bevor. So beginnt der französische Horrorfilm „Livid“, mit dem das Regie-Gespann Alexandre Bustillo und Julien Maury („Inside“) einem Meisterregisseur des Horrorkinos seine Ehrerbietung erweist: Dario Argento.

Zu sehen war das Werk zusammen mit neun weiteren Filmen am Wochenende im Stuttgarter Metropol-Kino bei den Fantasy-Filmfest-Nights, dem kleinen Bruder des Fantasy-Filmfests. Beide sind zu einer Art letztem Refugium für fantastische Stoffe geworden, zur Bestätigung genügt ein Blick auf das aktuelle Kinoprogramm.

Angst - ein menschliches Urgefühl

Besonders hart trifft es Freunde des ­Horrors, der von den deutschen Filmverleihern seit Jahren stiefmütterlich behandelt wird und sein Dasein fast ausschließlich in den ­Regalen der Videotheken fristet. Dieses Schicksal teilt er mit vielen exzellenten Thriller, Fantasy-Filmen und Science-Fiction-Geschichten. Wichtige Filmgenres werden so ins Abseits ­gedrängt – dabei sind es gerade sie, die enorm von der Vorführung im dunklen Kinosaal profitieren. Nur dort, auf der großen Leinwand und mit adrenalintreibenden Toneffekten, können diese Filme ihre volle Wirkung entfalten. Filme, die es dem Betrachter ermöglichen, in der sicheren Umgebung des Kinosaals ein menschliches Urgefühl auszuleben: Angst. Es gibt nichts Schöneres, als nach 90-minütigem Bangen das Kino mit dem erleichterten Gefühl zu verlassen: Es war ja nur ein Film!

Gäbe es nicht das Fantasy-Filmfest und die zugehörigen Nights, es wäre zappenduster in Sachen Genre-Film in der deutschen Kinolandschaft. Kein Wunder also, dass die Veranstaltung trotz frühlingshafter Temperaturen viele Fans ins Metropol lockte. Dort ­beeindruckte William Eubank in Sachen ­Science-Fiction mit seinem beeindruckenden Debütfilm „Love“, in dem ein Astronaut als einziger Insasse einer Weltraumstation viele Jahre lang die Erde umkreist. Seine Einsamkeit droht ihn um den Verstand zu bringen. Mit einem Minimalbudget hat Eubank ein Maximum an Film geschaffen, mit dem er Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ huldigt. Als netter kleiner Absacker am Samstag wurde „Juan Of The Dead“ im Spätprogramm präsentiert, eine Zombie-Persiflage aus Kuba – mit Seitenhieben auf die Politik des Landes und literweise Blut.

Brillant: Tilda Swinton

Ein Film des kleinen Festivals dürfte sich nachhaltig ins Gedächtnis der Zuschauer eingebrannt haben: „We Need To Talk About Kevin“. In gewohnt perfekter Manier mimt Tilda Swinton darin die von Selbstzweifeln und Erinnerungen geplagte Mutter eines Amokläufers. Schnitt-, Bild- und Tongestaltung sowie die eindringliche Farbdramaturgie machten diesen Film zum unangefochtenen Höhepunkt des Wochenendes.

Gleichzeitig drängt sich auch hier wieder die Frage auf, warum dieses kleine Meisterwerk noch keinen deutschen Filmverleiher gefunden hat.

www.fantasyfilmfest.com

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