Hannah Rauch, eine der beiden Initiatorinnen des Generationenprojektes, mit einigen Briefen von Grundschülern und dem Info-Plakat der Aktion. Foto: Elke Hauptmann

Brieffreundschaften im digitalen Zeitalter hören sich im ersten Moment vielleicht etwas veraltet an. Dass es sie gibt, zeigt ein besonderes Projekt im Kreis Esslingen.

Eigentlich, erzählt Hannah Rauch, geht alles auf einen Luftballon zurück, den sie als Kind im Garten der Familie fand. Daran war an einer Schnur ein Kärtchen befestigt. „Von einer Bewohnerin eines Pflegeheims in Kirchheim.“ Sie antwortete der Frau, daraufhin gingen ein paar Briefe hin und her. „Ich fand das richtig toll, der Austausch mit der älteren Dame hat mich bereichert.“ Daran erinnerte sich die inzwischen 18-Jährige, als das Esslinger Landratsamt im Herbst vergangenen Jahres bei der Jugendkonferenz ein Förderprogramm vorstellte, mit dem Projekte von und mit Jugendlichen finanziell unterstützt werden.

 

„Diese schöne Erfahrung wollte ich an andere weitergeben“, sagt Hannah Rauch schmunzelnd. So entstand die Idee zum „Generationenprojekt Brieffreundschaft“, das sie im letzten Jahr ihrer Schulzeit am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium zusammen mit ihrer Freundin Ronja Stein initiierte. Beide finden es nämlich schade, dass die Kommunikation zwischen Jung und Alt abnimmt, weil die Enkelgeneration viel Zeit online auf sozialen Medien verbringt – wo Senioren eher selten unterwegs sind. Mit ihrem Projekt wollen sie eine Brücke schlagen, das Verständnis füreinander fördern, Erfahrungen, Werte und Perspektiven austauschen, fügt Ronja Stein hinzu. „Wir können viel voneinander lernen und dürfen nie vergessen, dass das Miteinander zählt.“

Doch lassen sich junge Menschen im digitalen Zeitalter überhaupt dazu bewegen, auf fast schon antiquierte Medien zurückzugreifen? Anfangs seien sie skeptisch gewesen, ob Briefeschreiben bei den Kindern ankommt. „Für viele ist das ja Neuland“, berichtet Hannah Rauch. „Und es ist sicher nicht einfach, jemandem zu schreiben, den man gar nicht kennt.“ Doch die Sorgen sind schnell verflogen: Nachdem die beiden ihre Idee in der Eduard-Mörike-Grundschule und der Freihofgrundschule in Kirchheim vorgestellt haben, war die Motivation der Dritt- und Viertklässler so groß, dass mit Unterstützung der Lehrkräfte zwischen Januar und August insgesamt 94 handgeschriebene Briefe und Postkarten verfasst wurden.

„Sie waren zum Teil sehr bunt und individuell gestaltet“, zeigt Hannah Rauch auf eine kleine Auswahl. Annely zum Beispiel hat eine Seekuh gemalt, weil das ihr Lieblingstier sei, wie sie ihrem Brieffreund verrät. Und Elea teilt auf ihrer Karte stolz mit, sie lese gerne. Um Lieblingstiere, Hobbys und das Lieblingsessen ist es in den meisten Briefen der Kinder gegangen, es wurde aber auch über das vergangene Fußballturnier oder das Thema des Naturkundeunterrichts geschrieben. „Auf den Umschlägen wurde die Adresse der Klasse vermerkt, sodass auch eine Antwort geschickt werden konnte. Und in den allermeisten Fällen wurde sehr schnell geantwortet.“

Den Rückmeldungen entgegengefiebert

Die Briefe haben Hannah Rauch und Ronja Stein regelmäßig in den Schulen abgeholt und an sechs Pflegeeinrichtungen im Kreis geschickt, die sich auf eine Anfrage der beiden gemeldet hatten. Zum Beispiel an die Asklepia Seniorenzentren in Notzingen und Kirchheim. Bereits das Info-Plakat, das die Initiatorinnen des Projektes in den Einrichtungen aufgehängt hatten, sei auf großes Interesse bei den Bewohnern und ihren Angehörigen gestoßen, erinnert sich Frauke Bauer, die Leiterin der Häuser. „Mehrere Bewohner kamen gleich auf mich zu und sagten, dass sie hier unbedingt mitmachen wollen.“ Jenen, die nicht mehr selbst schreiben können, habe man Unterstützung angeboten. Als die ersten Briefe dann eintrudelten, seien die Freude und die Aufregung groß gewesen. Der eine oder andere Brief habe ein großes Schmunzeln hervorgerufen. „Eine Bewohnerin, die von Anfang an Feuer und Flamme war, hat gleich mehrere Briefe beantwortet. Sie wurden mit unheimlich viel Liebe gestaltet. Zum Teil wurden auch getrocknete Blumen beigefügt. Und jeder Rückmeldung wurde entgegengefiebert“, erzählt Frauke Bauer.

Das Projekt endete offiziell zum 1. August. Die beiden jungen Frauen können es nicht mehr fortführen, denn inzwischen hat Hannah Rauch ein Jura-Studium in Heidelberg und Ronja Stein ein Praktikum in Österreich begonnen. Doch sie blicken stolz auf das Erreichte zurück: „Es hat Freude gemacht, sowohl mit den Schülern als auch mit den Pflegeeinrichtungen zusammenzuarbeiten. Unsere Projektidee ist meist offen und voll Begeisterung aufgenommen worden. Tatsächlich hat sich bis heute in nicht wenigen Fällen eine feste Brieffreundschaft ganz im klassischen Sinn entwickelt. Das freut uns sehr.“

Frauke Bauer bedauert das Ende der Aktion, stellt aber zugleich fest: „Es wurde erreicht, was erreicht werden sollte: die Generationen zu verbinden. Das Projekt war und ist eine wahre Bereicherung für uns alle.“ Noch immer bestehe Kontakt zwischen einzelnen Bewohnern und Kindern, „es kamen schon Postkarten aus dem Urlaub der Kinder an und das wird mir jedes Mal persönlich freudestrahlend zugetragen“.

Projektförderung des Landkreises

Verfahren
Das Kreisjugendreferat des Landratsamtes Esslingen unterstützt Initiativen von und für Jugendliche im Kreis seit dem Jahr 2019 finanziell. Für innovative Vorhaben stehen jährlich 50 000 Euro zur Verfügung. Welche Idee mit wie viel Geld bedacht wird, darüber entscheidet ein Projektbeirat, der aus sechs Experten der Jugendarbeit besteht. Für das Generationenprojekt Brieffreundschaften beispielsweise gab es 1000 Euro zur Deckung von Sachkosten.

Anträge
Um eine Förderung können sich Jugendgruppen, freie Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit sowie Vereine und Organisationen bewerben. Bedingung ist, dass das Projekt offen ist für alle und die Teilnahme freiwillig. Anträge können beim Kreisjugendreferat gestellt werden, pro Jahr gibt es drei Fristen: 30. März, 30. Juni, 31. Oktober.