Generalinspekteur Carsten Breuer spricht im Interview über die Bedrohung durch Russland, die Zukunft der Bundeswehr – und das schwierige Verhältnis zu den USA.
Carsten Breuer kennt alle drei großen Kapitel der Bundeswehr aus eigenem Erleben. Er trat noch im Kalten Krieg in die Truppe ein und erlebte dann die Zeit der großen Auslandseinsätze. Breuer selbst war im Kosovo und in Afghanistan im Einsatz. Nun zum Höhepunkt seiner Laufbahn muss er als Generalinspekteur nach der „Zeitenwende“ die Rückorientierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung organisieren.
Herr Breuer, Sie warnen in drastischen Worten vor der Gefahr aus Russland, doch hierzulande scheint man die Gefahr immer noch nicht allzu ernst zu nehmen. Verzweifeln Sie manchmal an Ihren Landsleuten?
Nein, überhaupt nicht. Wir befinden uns in der Tat in einer Bedrohungssituation, die uns viel abverlangt und es braucht eine geraume Zeit, sich mit den Folgen auseinanderzusetzen. Wir kommen schließlich aus einer langen Phase des Friedens. Jetzt merken wir, dass die letzten 30 Jahre leider die Ausnahme und nicht der Normalzustand waren. So gerne wir dieses hätten. Es gibt aber keinen Grund zu verzweifeln, wir müssen die Situation richtig analysieren und konsequent handeln.
Sie sagen, bis 2029 müssen wir „kriegstüchtig“ sein. Wenn wir uns das als Marathon vorstellen, wie viele Kilometer der Strecke haben wir schon hinter uns gebracht?
Ich sehe das weniger als Marathon, sondern als Gewichtheben. Wir wissen genau, was wir tun müssen. Jetzt kommt es darauf an, in kurzer Zeit und mit größter Kraftanstrengung, bis 2029 kriegstüchtig zu werden. Nur wenn wir uns verteidigen können, schrecken wir glaubhaft ab und bewahren den Frieden. Und wir haben schon einiges gestemmt, auch wenn noch viel Arbeit vor uns liegt. Schauen wir über 2029 hinaus, liegt noch ein Marathon vor uns. Stichwort ist ein möglicher „Krieg der Zukunft“. Ich rede da über die Nutzung von KI, Quantencomputern und ähnlichem. Gewichtheben und Marathon zeitgleich: Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.
Reichen die Anstrengungen aktuell?
In den kommenden ein, zwei Jahren werden wir den großen Zulauf neuer Ausrüstung sehen. Auch beim Gewinnen von Personal haben wir viele Dinge gestrafft und dezentralisiert, haben mehr Verantwortung in die Fläche gegeben. Wir sind auf einem guten Weg und wir haben auch keine andere Wahl: Kriegstüchtig zu werden ist kein Wunschzustand, sondern es ist eine absolute Notwendigkeit. Diese wird uns von außen, wird uns von Russland aufgezwungen.
Was bedeutet das für das Thema Wehrdienst?
Wenn ich mir die Nato-Pläne anschaue, dann sehe ich, dass wir mit unserer aktiven Truppe nicht auskommen. Deutschland ist nicht erst im Verteidigungsfall die logistische Drehscheibe für Nato-Verbündete. Soldaten und Material müssen durch Deutschland in Richtung Ostflanke gebracht werden. Dieses ist zusätzlich zu unseren Verpflichtungen in der Verteidigung an der Nato-Ostflanke zu sehen. Insgesamt werden wir hierzu rund 460 000 Männer und Frauen brauchen. In der Truppe haben wir derzeit das Ziel von rund aktiven 200 000 Soldatinnen und Soldaten. Alles darüber hinaus muss durch die Reserve erfüllt werden – also von Menschen, die vorher ihren Wehrdienst geleistet haben.
Welches Modell schwebt Ihnen vor?
Welche Wehrform und welches Modell zum Gewinnen der Menschen dazu genutzt wird, ist eine politische Entscheidung. In der Bundeswehr müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass wir mehr Menschen unterbringen und ausbilden können und gleichzeitig auch die Einsatzbereitschaft der Truppe auf einem hohen Niveau halten. Ein praktisches Beispiel: Ein Hauptfeldwebel kann in seinem Panzer üben und damit die Nato-Vorgaben mit Blick auf die Einsatzbereitschaft erfüllen. Er kann dann aber nicht gleichzeitig neue Rekruten ausbilden. Das müssen wir kontinuierlich abwägen. Klar ist aber, dass wir Jahr für Jahr wieder mehr Menschen ausbilden müssen – schrittweise, ohne unsere Einsatzbereitschaft herabzusetzen.
Reden wir über Geld. Die Grundgesetzänderung zur Schuldenbremse ermöglicht es – wenn es hart auf hart kommt – im Zweifel unbegrenzt Kredit für die Verteidigung aufzunehmen. Wie viel Prozent des Bruttoinlandsprodukts müsste Deutschland aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren investieren?
„Unbegrenzt“ ist das nicht. Wir werden auch weiterhin jedes Vorhaben, das wir planen und das mehr als 25 Mio. Euro kostet, gegenüber dem Parlament begründen. Daran hat sich nichts geändert. Im vergangenen Jahr waren das knapp 100 Vorhaben. Wie viel wir ausgeben müssen, hängt auch von den Planungen der Nato ab. Diese werden im Sommer aktualisiert. Schon jetzt ist absehbar: Wir werden künftig deutlich mehr für die Verteidigung ausgeben als die aktuellen rund zwei Prozent des BIP. Unser Bedarf erfordert es vermutlich auch, über die drei Prozent hinauszugehen.
General Bodemann vom Operativen Führungskommando der Bundeswehr spricht davon, dass wir uns „nicht mehr im Frieden mit Russland befinden“. Kann man das schon Krieg nennen?
Russland denkt über diese Dinge völlig anders als wir in der westlichen Welt. Wir denken an eine Abfolge von Frieden, Krise und Krieg. In der russischen Denkart des „hybriden Krieges“ ist das alles ein Graubereich ohne klare Grenzen. Russland denkt Krieg in einem Kontinuum.
Im Klartext: Russland sieht sich im Krieg mit uns?
Ich glaube, dass sich Russland im Krieg mit uns sieht – wenn auch in einem nicht militärisch geführten Krieg. Die Aktionen, die wir sehen, bleiben immer unter einer bestimmten Schwelle. Wir sehen Drohnen über Chemiewerken und Kasernen in Deutschland, Sabotageaktionen in Werften, Cyber-Angriffe gegen Unternehmen. Man testet unsere Grenzen aus – und beim nächsten Mal geht man dann vielleicht noch etwas weiter. Erst vor dem Wochenende versuchten Drohnen mehrere Schiffe und Boote der Bundeswehr in der Ostsee zu überfliegen. Mit Hilfe elektronischer Gegenmaßnahmen konnte das aber verhindert werden.
Wir bekommen viele Leserbriefe, in denen es heißt: Man rüstet gegen Russland auf und hat diplomatische Lösungen aus dem Blick verloren. Was sagen Sie dazu?“
Militär und Diplomatie sind Elemente der Politik. Beide ergänzen sich. Mit gut gerüsteten Streitkräften wird die Voraussetzung für diplomatische Verhandlungen geschaffen. Denn ein Land kann besser aus einer Position der Stärke als aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln. Dass Deutschland die Bundeswehr stärkt, legt also eine wichtige Grundlage dafür, dass es auch erfolgreich diplomatische Lösungen vorantreiben kann. Wer nicht die Voraussetzungen für eigene militärische Stärke schafft, ist immer abhängig von einer stärkeren Macht. Wenn Deutschland jetzt nicht seine Streitkräfte stärken würde, wären wir ein Spielball von Wladimir Putin.
Schauen wir nach Westen: Manche sprechen nach Abkehr der USA von Europa von einer „zweiten Zeitenwende“. Sie haben Ihren Generalstabslehrgang in Kansas in den USA absolviert. Was hören Sie zur Partnerschaft, wenn Sie mit amerikanischen Kameraden sprechen?
Ich war gerade erst wieder in den USA. Die Botschaft, die ich aus den Gesprächen mitgenommen habe, war eindeutig. Sie deckt sich auch mit der, die mir hochrangige US-Militärs in Europa immer wieder mitgegeben haben. Sie sagen: „Das Engagement der USA in der Nato und für gute Beziehungen zu Europa ist unverbrüchlich.“ Das US-Militär weiß, wie wichtig das transatlantische Bündnis ist.
Hat Sie die Schärfe des außen- und sicherheitspolitischen Kurswechsels der USA überrascht?
Es war klar, dass die USA uns Deutschen, aber auch uns Europäern immer wieder den Spiegel vorhalten und sagen würden: „Ihr müsst euch mehr um eure eigene Sicherheit kümmern.“ Das war schon der Tenor früherer US-Regierungen – und nur selten haben wir es hören wollen. Überraschend ist, mit welcher disruptiven Geschwindigkeit die USA in außen- und sicherheitspolitischen Prozessen zu Veränderungen kommen. Für mich bedeutet dies: wir müssen schneller werden.
Die USA zeigen jeden Tag mehr, dass sie kein verlässlicher Partner sind. Ist es nicht leichtsinnig, weiter amerikanische Rüstungsprodukte zu kaufen?
Ich habe keinen Anlass, an der Verlässlichkeit der USA zu zweifeln. Natürlich ist Rüstung aber immer ein Abwägungsprozess. Wenn Deutschland bis 2029 kriegstüchtig sein soll, braucht es bestimmte Rüstungsgüter. Diese sind in Europa oft so schnell nicht verfügbar. Die Zeit, in der wir zu wenig in Verteidigung investiert haben, hinterlässt weiter Spuren. Jetzt müssen wir bis 2029 verteidigungsbereit sein. Für mich geht da Geschwindigkeit vor. Im Moment müssen wir Rüstungsgüter beschaffen, die auf dem Markt verfügbar sind. Künftig werden wir uns hier wieder vermehrt auf europäische Lösungen stützen können.
Wenn Sie nur einen Satz hätten, um einen 18-Jährigen als Soldat für die Bundeswehr zu gewinnen, wie würde er lauten?
Es ist ein Beruf, in dem man sehr früh Verantwortung auch für andere Menschen übernehmen und führen kann. Das hat mich immer begeistert und begeistert mich bis heute. Ich möchte keinen einzigen Tag meiner 40 Dienstjahre missen.
Ranghöchster Soldat
Berater
Carsten Breuer, Jahrgang 1964, ist Generalinspekteur der Bundeswehr und damit der ranghöchste Soldat in Deutschland. Außerdem ist er der oberste militärische Berater des Verteidigungsministers und der Bundesregierung. Breuer trat 1984 in die Bundeswehr ein und absolvierte die Offiziersausbildung an der Heeresflugabwehrschule in Rendsburg. Anschließend studierte er Pädagogik an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.
Lehrgang
Nach Stationen als Jugendoffizier und als Truppenfachlehrer an der Panzertruppenschule in Munster absolvierte er ab 1997 nicht nur den deutschen Generalstabslehrgang, sondern 2001 auch den amerikanischen am Command and General Staff College in Fort Leavenworth, Kansas.
Leiter
Es folgten Verwendungen im Verteidigungsministerium und im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Von 2018 bis 2021 war er Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin. Im November 2021 machte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ihn zum Leiter des Corona-Krisenstabs im Bundeskanzleramt. Seit März 2023 ist Breuer Generalinspekteur.