„Sehr geehrte Damen und Herren“ galt lange Zeit als Anrede in Briefen als höflich. Doch wer geschlechtersensibel ist, schreibt lieber „Hallo“ und dann den Namen. Was einige allerdings auch wieder ablehnen. Wie soll man sich da noch vernünftig verständigen?
Früher war alles anders, wenn auch nicht unbedingt besser. Nehmen wir einmal den ersten Brief Friedrich Schillers an Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Als Geschichtsprofessor im nahen Jena lebend, bittet Schiller den Dichterkollegen Goethe im Juni 1794, dem Herausgeberkreis einer von ihm geplanten Zeitschrift für Kultur und Kunst beizutreten. Einer der berühmtesten Briefe der deutschen Kulturgeschichte beginnt mit der Anrede: „Hochwohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rat.“ Der Name findet sich damals auf dem Kuvert, selten in der Anrede.
Anerkennung des dritten Geschlechts
Heute müsste ein geschlechtersensibler Friedrich Schiller auf das „Herr“ in der Anrede verzichten, da er zu diesem Zeitpunkt kein Freund von Goethe ist und daher auch nicht wissen kann, welches Geschlecht Johann Wolfgang von Goethe tatsächlich besitzt. Der Vorname ist heute kein eindeutiger Hinweis auf das gewählte Geschlecht, Johann Wolfgang könnte auch eine Transgender-Schriftstellerin sein.
„Sehr geehrte Damen und Herren“ gilt als Anrede im Schriftverkehr deswegen auch nicht mehr als zeitgemäß, schließlich lasse diese Formel Teile der Gesellschaft außen vor, argumentieren die Verfechter des Genderns, einer geschlechtersensiblen Sprache. Die Anrede könne nach der gesetzlichen Anerkennung des dritten Geschlechts als diskriminierend empfunden werden, heißt es. Und das ist nachvollziehbar.
Aufwallungen ums Gendern
Wer also in einem Brief oder einer E-Mail allein durch eine formale Anrede nicht plötzlich als Sexist desavouiert werden möchte, sollte sich genau überlegen, wer dieses Schreiben lesen wird. Was nicht einfach ist, wenn man bedenkt, welche Aufwallungen die Genderdiskussion öffentlich hervorruft, und wenn man beispielsweise aus beruflichen Gründen täglich viele Briefe und Mails verschickt. Ein falsches Wort – schon verliert man einen Auftrag, riskiert seinen guten Ruf.
Norm für korrekte Sprache
Glücklicherweise ist Deutschland bekannt für seine Gründlichkeit, also existieren Normen für fast alles. Die DIN 5008 beispielsweise beinhaltet die Schreibregeln für die geschäftliche Korrespondenz, sie wird vom Deutschen Institut für Normung mit Sitz in Berlin erlassen. Kürzlich erschien die aktualisierte Fassung mit einem Absatz zur gendergerechten Sprache. Für die gängige Anrede schlägt das Regelwerk die geschlechtsneutrale Formulierung „Sehr geehrte Persönlichkeiten“ vor.
Sehr Geehrte
Immer mehr Institutionen folgen solchen Empfehlungen, manche überbieten sich sogar beim Versuch der geschlechtsneutralen Ansprache. Die „Hinweise zur Umsetzung der geschlechtersensiblen Sprache für die Verwaltung der Landeshauptstadt Stuttgart“ enthalten die Anrede „Liebe Menschen“, während der Leitfaden „Geschlechtersensible Sprache“ der Technischen Universität Berlin das bisher übliche „Sehr geehrte Damen und Herren“ in „Sehr Geehrte“ abwandelt.
Generisches Maskulinum
Ob mit solchen Bezeichnungen überhaupt gerechter gesprochen wird, darf zumindest bezweifelt werden. Wenn wir über Gruppen sprechen, die aus Frauen und Männern bestehen oder bei denen das Geschlecht unbekannt ist, dann wählen wir oft männliche Formen, das sogenannte generische Maskulinum. Eine Bezeichnung, die für alle stehen soll. Gehört möglicherweise auch „der Mensch“ in diese Kategorie, die von vielen abgelehnt wird, weil er einen männlichen Artikel hat? Linguisten sagen: Nein, es sei kein generisches Maskulinum, eben weil keine weibliche Entsprechung wie „Die Menschinnen“ existiert.
He, du da!
Und doch ist die Verunsicherung mittlerweile groß, die Abwehrreaktion noch größer. Die Mehrheit der Deutschen lehnt das Gendernin der Sprache ohnehin ab. Das zeigt eine repräsentative Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen aus dem vergangenen Jahr. Und nicht wenige aus der kleinen Gruppe der Befürworter wählen selbst in wichtigen Briefen und Mails flapsige Anreden. Oft heißt es da „Hallo Max Mustermann“ oder „Guten Tag, Martina Musterfrau“.
„Hallo“ ist aber unpassend, es ist ein Zuruf, eine Interjektion, die gebraucht wird, um auf sich aufmerksam zu machen, etwa am Telefon wie in der Frage: „Hallo, ist da jemand?“ Dann kann man gleich „He, du da!“ schreiben. „Liebe/r“ wiederum suggeriert womöglich eine aufdringlich wirkende Nähe und Zugewandtheit. Auch die Grußformel mit der Tageszeit mutet bemüht an, eben weil der gut meinende Wunsch „Guten Tag“ als Phrase in der zwischenmenschlichen Begegnung ihren Platz hat.
Diskriminierende Grußformeln
Es mag sein, dass sich durch die Verwendung geschlechtsneutraler Anreden einige Gruppen nicht mehr ausgeschlossen fühlen, doch es kommen leider neue hinzu, die das als Diskriminierung empfinden. Sprachästheten verachten die inflationäre Verwendung von Gendersternen und sprechen von Sprachverhunzung. Andere erkennen im Gendern die Sprache einer Bildungselite. Und ob jedes Personalbüro auf die Bewerbung mit der Anrede „Moin, Moin“ oder „Servus“ positiv reagiert, sei dahingestellt.
Auf die geschlechtersensibel gemeinte Beantwortung eines Briefes an die Redaktion mit der Anrede „Hallo“ kam prompt die Antwort: „Freche Anreden dieser Art verbitte ich mir!“ Kurzum, neue Grußformeln braucht das Land!