Gemma Bovery Wenn das Leben die Kunst imitiert

Von Wolfram Hannemann 

Anne Fontaine, mit Filmen wie „Coco Chanel“ (2009) oder „Tage am Strand“ (2013) auch einem deutschen Publikum als Regisseurin bekannt geworden, ist mit „Gemma Bovery“ eine melancholische Komödie gelungen, die dank der beiden großartigen Hauptdarsteller hervorragend funktioniert.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Gemma Bovery"

 

Seine blühende Fantasie und die Leidenschaft für große Weltliteratur sind Martin geblieben von seiner Zeit als Pariser ­Bohemien. Jetzt verdingt sich der Familienvater mittleren Alters als Bäcker in der elterlichen Backstube in einem kleinen Dorf ­irgendwo in der Normandie. Alles ändert sich für ihn, als ein junges Ehepaar aus England in das leerstehende Haus direkt gegenüber von seinem Wohnhaus einzieht. Denn nicht nur die Namen der beiden Briten – Gemma und Charles Bovery – erinnern den Literaturbegeisterten sofort an Gustave Flauberts großes Werk „Madame Bovary“, sondern auch alles, was die neuen Nachbarn machen. Gemma wird für Martin zur Obsession, und schon bald sieht er nur noch die große Romanheldin in ihr. Und die gilt es natürlich vor ihrem Schicksal zu bewahren: dem Suizid. Doch Gemma entpuppt sich als alles ­andere als eine Flaubert’sche Madame Bovary . . .

» Trailer zum Kinofilm „Gemma Bovery

Christophe Beaucarnes Kameraarbeit schafft gleich von Anfang an die perfekte Stimmung für Anne Fontaines Filmadaptation der Graphic Novel von Posy Simmonds, die sich von Flauberts „Madame ­Bovary“ hat inspirieren lassen. Das weiche Licht, mit etwas Schmelz versetzt, suggeriert viel Sinnlichkeit. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die herrlich leichten Sommerkleider, die die Britin Gemma Arterton als Martins Muse immer wieder zur Schau stellen darf. Sie tut das ziemlich sexy, aber niemals vulgär und dürfte damit zumindest dem Geiste nach Flauberts Romanheldin Emma Bovary entsprechen. Diese steht als Arztgattin im Mittelpunkt des 1856 veröffentlichten Gesellschaftsromans, leidet ­zunehmend unter Stimmungsschwankungen und Luxussucht, stürzt sich in Liebes­affären und nimmt sich am Ende ob ihrer hoffnungslosen Lage schließlich das Leben.

„Das Leben imitiert die Kunst“, stellt ­Bäcker Martin im Verlauf des Films einmal fest. Und er bemerkt dabei überhaupt nicht, dass er wirklich alles dafür tut, dass es auch so kommt. Als selbsterfüllende Prophezeiung könnte man sein Tun bezeichnen. ­Der großartige Fabrice Luchini („Das Schmuckstück“, „Molière auf dem Fahrrad“) spielt die Rolle des in Wallung geratenden Bäckermeisters und versteht es bravourös, sie mit Leben zu füllen. Wenn er einmal ­Gemma in seiner kleinen Backstube den Brotteig kneten lässt und dabei nur ehrfürchtig zusehen kann, so spürt man förmlich sein Verlangen, diese sinnlich-schöne Engländerin zu berühren.

Mit Gemma Arterton hat Fontaine die ­perfekte Besetzung der in die Neuzeit projizierten Inkarnation der Madame Bovary ­gefunden. In Anlehnung an ihre Rolle in „Immer Drama um Tamara“ (2010) führt die 28-jährige Britin einmal mehr vor, wie Schauspielkunst und Schönheit zueinander finden können.

Anne Fontaine, mit Filmen wie „Coco Chanel“ (2009) oder „Tage am Strand“ (2013) auch einem deutschen Publikum als Regisseurin bekannt geworden, ist hier eine melancholische Komödie gelungen, die dank der beiden großartigen Hauptdarsteller hervorragend funktioniert. Und die am Ende Lust darauf macht, sich mit Flaubert auseinanderzusetzen.

 

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