Die Gemeinschaftsschule in Weilimdorf setzt sich für eine eigene gymnasiale Oberstufe ein. (Symbolbild) Foto: dpa/Silas Stein

Alles deutet darauf hin, dass in Stuttgart bald an einer zweiten Gemeinschaftsschule eine gymnasiale Oberstufe eingerichtet wird – in Weilimdorf. Die Fraktionen im Gemeinderat sind dafür, das Staatliche Schulamt und die Schule selbst auch. Was sind die weiteren Schritte?

Die Gemeinschaftsschule (GMS) in Weilimdorf wünscht sich seit Jahren eine gymnasiale Oberstufe am eigenen Standort. Noch nie standen die Zeichen so günstig wie jetzt. In einem interfraktionellen Antrag wird die Einrichtung nun gefordert: „Die zeitnahe Einrichtung einer zweiten gymnasialen Oberstufe unterstützen wir insbesondere im Hinblick auf die Stärkung der Schulart Gemeinschaftsschule ausdrücklich und sehen gute Gründe für den Standort Weilimdorf“, heißt es in dem Antrag von Grünen, CDU, SPD, Linksbündnis, FDP, Freie Wähler und PULS.

 

Die Unterzeichner fordern das Schulverwaltungsamt auf, die nötigen Schritte vorzubereiten und aufzuzeigen, welche Kosten und Ressourcen mit der Einführung verbunden wären. Die GMS in Weilimdorf wäre die zweite von insgesamt acht Stuttgarter Gemeinschaftsschulen mit gymnasialer Oberstufe. Pionierin ist die Schickhardt-GMS, die im Schuljahr 2021/22 mit der elften Klasse gestartet war.

Deutlicher Zulauf in Klasse 5

Am Standort Weilimdorf freut man sich über den Antrag: Für seine Schule, aber auch für Weilimdorf wäre die Oberstufe eine große Chance, so der GMS-Schulleiter Nikolaus Arndt. Dann könnten die Jugendlichen im Stadtbezirk bis zum Abschluss verbleiben und so manchem könne das Ganze einen zusätzlichen Motivationsschub geben. Er erhofft sich von einer gymnasialen Oberstufe zudem „eine stärkere Durchmischung der Schülerschaft“. Schließlich wäre die GMS dann eine Alternative – und zwar auch zu einem G9-Gymnasium. Bei diesem müsse das Kind von Klasse 5 an in allen Fächern das gymnasiale Niveau erfüllen. Gerade für Eltern, die sich unsicher seien, weil sie merken, dass ihr Kind noch Zeit braucht, sich zu entwickeln, könne die Gemeinschaftsschule attraktiv sein. Nach neun Jahren stehe dann ebenfalls das Abitur. „Wir können E-Niveau“, betont Arndt. Sie hätten vom nächsten Schuljahr an vier weitere und damit dann zehn Gymnasiallehrer – bei insgesamt 40 Lehrkräften im Kollegium.

Dass es zu einer Erweiterung kommen könnte, hat sich offenbar im Bezirk herumgesprochen. Arndt berichtet von einem deutlich größeren Zulauf in Klasse 5. Statt zweizügig seien sie im nächsten Schuljahr dreizügig. Die räumlichen Voraussetzungen für die Erweiterung erfülle seine Schule zudem bereits, sagt Arndt, der betont, dass schon sein Vorgänger Claus Schneider für die Sekundarstufe II gekämpft habe.

Geforderte Schülerzahl kann die Schickhardt-GMS aus eigener Kraft stemmen

Aber besteht nicht die Gefahr, dass eine zweite Oberstufe zulasten der Schickhardt-GMS geht? Arndt glaubt das nicht. Der Bedarf für die zweite Sek II sei in Stuttgart gegeben, ist er sich sicher und weiß bei dieser Einschätzung das Staatliche Schulamt hinter sich. 60 Schülerinnen und Schüler sind vom Land langfristig für eine Oberstufe gefordert. Diese Zahl übertrifft die Schickhardt-Gemeinschaftsschule deutlich. Entsprechend gelassen blickt man dort auf die Entwicklung in Weilimdorf. „Alles, was unsere Schulart stärkt, kann man nur begrüßen“, sagt Sandra Vöhringer, die Schulleiterin der Schickhardt-Gemeinschaftsschule auf Anfrage. Eine weitere Oberstufe zählt für sie dazu. 82 Schülerinnen und Schüler besuchen aktuell bei ihr die Klasse 11, darunter seien 61 „eigene“, sagt Vöhringer nicht ohne Stolz. Zum einen dürften die allermeisten nicht mit gymnasialer Empfehlung in Klasse 5 gestartet sein. Zum anderen konnte die Schule die geforderte Schülerzahl auf E-Niveau also komplett aus eigener Kraft stemmen.

Auch fürs nächste Schuljahr sieht es an der Schickhardt-GMS gut aus: Man habe 111 Interessenten für die elfte Klasse, die Nachfrage sei also hoch. Teils kämen die Schülerinnen auch aus umliegenden Landkreisen wie Leonberg zu ihnen. Sandra Vöhringer rechnet letztlich mit 80 bis 90 Anmeldungen, weil erfahrungsgemäß mehrgleisig gefahren werde. Bliebe es bei 111, wäre das sogar ein Problem. Darauf weist die zuständige Schulrätin Birgit Popp-Kreckel hin. Dann wäre die Oberstufe an der Schickhardt-GMS nicht mehr drei- sondern vierzügig, erklärt die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts. Auch Popp-Kreckel leitet von den Zahlen ab, dass in Stuttgart der Bedarf für eine weitere Oberstufe gegeben ist. Im Schulamt würde man es „begrüßen“, wenn es zu einem positiven Entscheid bezüglich der Weilimdorfer Pläne käme. „Das stärkt die Gemeinschaftsschule, und das stärkt den Schulstandort Stuttgart“, so Popp-Kreckel.

Mit Gymnasien wird kooperiert

Im Schulbeirat am 18. Juli soll das Thema auf die Agenda kommen. Folgt der Beschluss des Gemeinderats, könnte die Stadt den Antrag beim Regierungspräsidium stellen. Die Entscheidung liegt letztlich beim Kultusministerium, wie schon bei der Schickhardt-GMS. Letztere kooperiert inzwischen mit drei Gymnasien beim Kursangebot: mit dem Mörike, dem Schickhardtgymnasium und dem Königin-Katharina-Stift. Für einen Geschichtsleistungskurs kämen zum Beispiel Gymnasiasten zu ihnen an die Schule, erläutert der Abteilungsleiter Oberstufe, Sascha Müller.

In Weilimdorf würde man gerne mit dem Solitude-Gymnasium kooperieren. „Gemeinsam könnten wir Kurse anbieten, die sonst nicht möglich wären“, sagt Arndt. Man wolle das eigene Profil Richtung Kunst ausweiten, ein gemeinsamer Leistungskurs wäre möglich. „Das ist eine Chance für beide Schularten“, betont er. Außerdem soll bei ihnen die berufliche Orientierung in der Oberstufe eine starke Rolle spielen. Zu welchem Schuljahr wäre ein Start möglich? „Wir sind mit jedem Start einverstanden“, sagt Arndt.

Acht Gemeinschaftsschulen in Stuttgart

Hintergrund
In Stuttgart gibt es aktuell acht Gemeinschaftsschulen, die zwei größten sind die Weilimdorfer und die Schickhardt-Gemeinschaftsschule. Außerdem gibt es 15 Realschulen in der Stadt. Deren Absolventen zählen ebenfalls zur potenziellen Zielgruppe einer GMS-Oberstufe. Im Bezirk Weilimdorf gibt es nur zwei Schulen mit Sek-1-Angebot: das Solitude-Gymnasium und die Gemeinschaftsschule.

Konzept
An einer Gemeinschaftsschule können Schülerinnen und Schüler auf allen drei Niveaus lernen. Wenn es eine Oberstufe gibt, können auch alle drei Schulabschlüsse abgelegt werden. Zum Konzept gehört zudem das Lerncoaching – jeder Schülerin und jedem Schüler steht eine Lehrkraft als Coach zur Seite, der seine Lernentwicklung begleitet. Es werden keine Zeugnisse mit Noten ausgegeben, sondern Lernentwicklungsberichte über die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Die Schulen sind Ganztagsschulen, Sitzenbleiben ist nicht vorgesehen. vv