Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg Warum die Anmeldezahlen für die neuen Oberstufen geringer als erwartet sind

Von Nils Mayer 

Die Starken helfen den Schwachen: an der Gemeinschaftsschule ist das üblich. Foto: dpa
Die Starken helfen den Schwachen: an der Gemeinschaftsschule ist das üblich. Foto: dpa

Die Anmeldezahlen für die neu eingerichteten Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen in Tübingen und Konstanz sind geringer als erwartet. Jetzt fordert eine Rektorin „mehr Spielraum“ für die Schulen bei den Regeln für den Übergang.

Stuttgart - Die Grünen im baden-württembergischen Landtag sehen es gelassen, dass sich weniger Jugendliche als erwartet für die nach den Sommerferien neu startende gymnasiale Oberstufe an den Gemeinschaftsschulen (GMS) angemeldet haben. „Gerade neue Schulformen benötigen etwas Geduld, bis sie sich nach und nach in den Köpfen etabliert haben“, sagte ihre bildungspolitische Sprecherin Sandra Boser.

Unsere Zeitung hatte exklusiv berichtet, dass nur 38 Schüler in Tübingen und 50 Schüler in Konstanz aufgenommen wurden. Die GMS West in Tübingen und die Gebhardschule in Konstanz sind bislang die einzigen Standorte in Baden-Württemberg, an denen eine Oberstufe eingerichtet wurde. Sie gelten als Leuchttürme.

Kultusministerin Eisenmann ist überrascht

Anhand bestimmter Prognosekriterien war das Land davon ausgegangen, dass 70 Jugendliche in Tübingen und 61 Jugendliche in Konstanz das Abitur 2021 anstreben würden. Eigentlich sind 60 Schüler nötig, damit eine Oberstufe an einer Gemeinschaftsschule überhaupt genehmigt wird.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) zeigte sich „überrascht“ von den Anmeldezahlen an den starken Standorten. Der Vorsitzende des Vereins für Gemeinschaftsschulen, Matthias Wagner-Uhl, machte derweil die „geringe Unterstützung“ der Ministerin verantwortlich. Angesichts dessen könne man mit den Zahlen zufrieden sein.

Wie die Schulleiterin der GMS West, Angela Keppel-Allgaier, unserer Zeitung sagte, hätten sich manche Schüler fürs berufliche Gymnasium entschieden. 29 Schüler, mit denen gerechnet worden war, hätten zudem die Notenhürde in der Realschul-Abschlussprüfung nicht geschafft. Darunter sei auch die vorige Jahrgangsbeste. Keppel-Allgaier regte an, den Schulen für solche Fälle „mehr Spielraum zu geben“. Die Regeln für den Übergang zur Oberstufe seien „zu starr“.

In Konkurrenz: Gemeinschaftsschule und berufliches Gymi

Um den Weg zum Abitur an einer GMS oder an einem allgemeinbildenden Gymnasium antreten zu dürfen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Entweder ein Schüler erbringt in der zehnten Klasse die Leistungen auf dem sogenannten erweiterten Niveau. Oder er lernt auf mittlerem Niveau. Dann benötigt er aber in der Prüfung für die mittlere Reife in Deutsch, Mathe und Englisch zweimal mindestens die Note „gut“ und im dritten dieser Fächer mindestens die Note „befriedigend“.

Die Hürde für die Oberstufe an beruflichen Gymnasien, zu denen die zwei Gemeinschaftsschulen beim G9-Abi in Konkurrenz stehen, liegt bei 3,0.

Kein Sitzenbleiben an Gemeinschaftsschulen

Vertreter anderer Schularten hatten die Oberstufe an Gemeinschaftsschulen zuvor als kostspieliges Experiment kritisiert. Sie dürften sich angesichts der Anmeldezahlen bestätigt sehen. Die GMS ist vor fünf Jahren als neue Schulart im Land eingeführt worden. Sie soll allen Kindern dieselben Bildungschancen ermöglichen. Schüler unterschiedlichen Niveaus, sollen gemeinsam lernen, sich gegenseitig helfen.

Im Südwesten gibt es rund 300 dieser Schulen. Es können der Haupt- und der Realschulabschluss abgelegt werden. Nur in Tübingen und Konstanz gibt es auch gymnasiale Oberstufen. In der Regel gibt es an einer GMS keine Zeugnisse mit Noten, sondern einen Lernentwicklungsberichte. Schüler können nicht sitzenbleiben.

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