Bisher gab es erst einmal einen gesamtkoreanischen Einmarsch der Teams: bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang 2018. Bisher gab es erst einmal einen gesamtkoreanischen Einmarsch der Teams: bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang 2018. Foto: imago//Kevin Dietsch

Süd- und Nordkorea wollen sich gemeinsam für das Austragungsrecht der Frauenfußball-WM 2023 und der Olympischen Spiele 2032 bewerben. Internationale Sportevents sollen politische Eintracht bringen – doch wie gelingt das ohne Kommunikation?

Seoul - In Seoul müsste dieser Tage Hektik herrschen. Der Veranstaltungsplan wird noch einmal durchgegangen, die Evakuationsrouten erneut durchdacht, die Werbestrategie ein weiteres Mal besprochen. Die letzten Entwürfe werden auf Fehler überprüft, das Design der Mappe wird kritisch beäugt. Es geht schließlich um viel: Ist die am 13. Dezember fällige Bewerbung erfolgreich, dann kommt schon in vier Jahren die Welt zu Gast. Dann würde hier und in einigen anderen koreanischen Städten die Frauenfußball-WM 2023 stattfinden. Für das patriotische Südkorea wäre es ein Riesenereignis, seit 2002 die erste Fußball-WM auf heimischem Boden. Doch in der Öffentlichkeit ist davon kaum etwas zu spüren. Koreanische Zeitungen schreiben nur wenig, TV-Sender rücken das Thema nicht in den Fokus. Eine Verbandsoffizielle will im November nichts dazu sagen: „Wir können leider keine Interviews zum Thema geben.“ Ende des Gesprächs.

 

Es ist eine für den Vorlauf eines Sportgroßereignisses beispiellos wortkarge Öffentlichkeit. Zumal das Event der Völkerverständigung, dem Frieden, der politischen Eintracht dienen soll und Südkoreas Präsident Moon Jae-in dieses Thema zur höchsten Priorität seiner Regierung erklärt hat. Aber genau hieran wird es liegen: Das Vorhaben ist so brisant, steht auf so wackligen Beinen, dass man auf keinen Fall einen Fehler machen will. Denn es könnte alles auch noch scheitern.

Es herrscht ein dauerhafter Ausnahmezustand

Schließlich will sich Südkorea gemeinsam mit dem verfeindeten Bruderstaat Nordkorea bewerben. Aber nach dem dreijährigen Koreakrieg ab 1950 haben die zwei Staaten seit fast 70 Jahren nur einen Waffenstillstand, verharren formal noch immer im Krieg miteinander. Einen geregelten Austausch gibt es nicht, stattdessen herrscht ein mittlerweile dauerhafter Ausnahmezustand. Und während in den letzten Jahren immer wieder Drohungen und Provokationen ausgetauscht wurden, bleibt als einer der letzten Hoffnungsträger auf Austausch noch der Sport.

An einem regnerischen Vormittag am östlichen Rand von Seoul bricht Park Inkyu das Schweigen. Im olympischen Viertel, wo im Rahmen der Spiele von Seoul 1988 erstmals olympische Wettbewerbe in Korea stattfanden, erklärt Park verschnupft: „Bei der Frauenfußball-WM war es so, dass sich Südkorea zuerst allein bewerben wollte. Dann schlug der Fußball-Weltverband Fifa vor, dass man doch eine gemeinsame Bewerbung mit Nordkorea machen könnte.“ Das werde nun versucht. „Aber Gespräche zwischen Nord und Süd finden praktisch nicht statt.“

Der ältere Herr erzählt mit nüchterner Stimme, überrascht über die schleppenden Vorbereitungen ist er nicht. Park ist beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) für Internationale Angelegenheiten zuständig und macht in dieser Rolle seine eigenen Erfahrungen mit Bemühungen um den innerkoreanischen Austausch. „Wir wollen die Olympischen Sommerspiele 2032 nach ganz Korea holen.“ Die Hauptstädte Pjöngjang und Seoul sollen Austragungsorte werden. Es ist ein weiteres Projekt, von dem man sich viel verspricht, aber wenig weiß. Beschlossen wurde das Vorhaben vor knapp zwei Jahren, in der Euphorie der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang im Februar 2018, als eine nordkoreanische Delegation nach Süden reiste. Damals gab es Gespräche, kulturellen Austausch, sogar einen gesamtkoreanischen Einmarsch bei der Eröffnungsfeier.

Der IOC-Präsident Thomas Bach unterstützt eine gesamtkoreanische Olympiabewerbung

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) schwärmte damals und nannte die Annäherungen „historisch“. Der IOC-Präsident Thomas Bach unterstützt eine gesamtkoreanische Olympiabewerbung seitdem ausdrücklich. Nur gab es auch hier schon lange keinen Kontakt mehr. „Wir können uns nicht mal E-Mails schicken“, sagt Park Inkyu in einem Sitzungsraum beim NOK. „Wenn wir Informationen austauschen wollen, müssen wir das per Fax über unser Ministerium für Wiedervereinigung machen. Und wir können uns auch nicht treffen, selbst wenn es dringend ist.“ Dabei gäbe es viel zu besprechen. Bei der Frauenfußball-WM wie auch bei Olympia stellen sich grundsätzliche Fragen: Wo sollen welche Wettbewerbe oder Spiele stattfinden? Müssen neue Stadien gebaut werden? Und wie sieht es mit der Reisefreiheit aus? Schließlich dürfen Koreaner beider Seiten bis auf Weiteres nicht die Grenze überqueren. Das würde Verrat bedeuten.

Park Inkyu sieht die Möglichkeit von Grenzüberquerungen als Ausgangspunkt für eine realistische Planung. Optimistisch klingt er bei dem Gedanken aber nicht. „Um das zu ermöglichen, müssten wir zuerst wieder neues Vertrauen aufbauen. Wir treffen uns aber höchstens am Rande von internationalen Veranstaltungen im Ausland. Und dann wissen wir auch nicht, wie viel man wirklich besprechen kann, alles findet informell und eher in Eile statt.“ Park hat zudem den Eindruck, dass die Vertreter von Nordkorea bei Begegnungen auch keine eigenständigen Entscheidungen treffen dürfen. „Es ist alles sehr schwierig.“

Die Idee, die zwei Teile der Koreanischen Halbinsel mit Sport einander näherzubringen, ist nicht neu. 1991 trat eine gesamtkoreanische Mannschaft bei der Tischtennis-WM an. Bei den Asian Games 2008 sollte wieder gemeinsame Sache gemacht werden. Doch das Vorhaben scheiterte an verschiedenen Vorstellungen darüber, wer wie viele Athleten stellen würde. Bei den Winterspielen von Pyeongchang 2018 gab es dann eine gesamtkoreanische Truppe im Frauen-Eishockey. Und gleich sprach man wieder von der Einheit der Nation.

Die Verheißungen auf Austausch? Verflogen!

In Korea behauptet daher niemand, der Sport werde nicht zu politischen Mitteln eingesetzt. „In anderen Ländern sagt man, Sport könne man von Politik trennen. In Korea geht das nicht“, sagt Park Inkyu. Bei der Regierung sieht man das offenbar genauso. Auf der Invest Korea Week Anfang November, einer Konferenz in Seoul, auf der sich Südkorea als Standort für Investitionen aus dem Ausland anpreist, sagte Song Jiyoung vom Ministerium für Wiedervereinigung: „Der Frieden auf der Koreanischen Halbinsel ist sehr wichtig für die ökonomische Entwicklung in ganz Korea. Um diesen Zustand zu erreichen und den Wohlstand voranzutreiben, kann der Austausch durch Sport von entscheidender Bedeutung sein.“

Nur trauen Kritiker den Annäherungsversuchen immer weniger zu. Am Abend nach dem Besuch beim NOK lädt im Süden des Zentrums Jungchan Lee, ein bekannter Sportjournalist beim TV-Sender Seoul Broadcasting Service, in die Redaktion seines Arbeitgebers ein. Der junge Reporter Lee betont, nur seine persönliche Meinung kundzutun, aber die ist unmissverständlich. „Bei den Winterspielen von Pyeongchang waren wir alle euphorisch. Wir dachten, ab jetzt würden wir regelmäßig miteinander reden und so weiter. Aber ein Jahr später ist nichts davon übrig.“ Die Verheißungen auf Austausch? Verflogen. „Der Sport hat nicht das erreicht, was versprochen wurde.“

Der Fifa-Präsident und der IOC-Präsident könnten sich als Friedensstifter feiern lassen

Derzeit sieht es eher so aus, als wäre man wieder bei null. Für die Bewerbung um die Frauenfußball-WM scheint nun die Variante möglich, dass sich Südkorea zunächst doch allein bewirbt und in den Unterlagen erwähnt, dass es einige Spiele auf nordkoreanischem Boden austragen lassen würde. Zur Frage, ob sich Südkorea überhaupt um ein gemeinsam mit Nordkorea auszutragendes Großevent bemühen sollte, hat es weder eine Volksabstimmung noch eine echte Debatte gegeben.

Jungchan Lee vermutet, dass viele Menschen seine Skepsis teilen: „Wir alle wollen bessere Beziehungen in Korea. Und Sport könnte das theoretisch leisten, aber es gelingt in Korea offenbar nicht. Jedes Mal, wenn es Annäherungen gibt, verpuffen sie kurze Zeit später wieder. Der Sport wird hier von Personen eingesetzt, die dadurch in der Öffentlichkeit strahlen wollen.“ Jedenfalls könnten sich der Fifa-Präsident Gianni Infantino und der IOC-Präsident Thomas Bach als Friedensstifter feiern lassen, wenn es in den nächsten Jahren tatsächlich gesamtkoreanisch veranstaltete Sportevents gäbe. „Das wäre dann vor allem für diejenigen toll, die das große Schauspiel lieben“, sagt der Journalist Jungchan Lee. „Es wäre eine Sensation. Man wird das dann alles mit großem Interesse verfolgen. Aber am Ende kann man, leider, immer wieder nur seufzen.“