Das Interesse an der Gemeindeversammlung war groß. Foto: Susanne Müller-Baji

Die evangelische Kirchengemeinde muss sich von einigen Gebäuden trennen. Bei einer Gemeindeversammlung in der Schloss-Scheuer wurden kürzlich die Präferenzen der Bürger ausgelotet.

Stammheim - Man traf sich quasi auf neutralem Grund, in der Schloss-Scheuer, und es wurde sehr voll. Ein Zeichen dafür, wie sehr die Stammheimer an ihren Kirchen und Gemeinderäumen hängen, aber auch dafür, mit wie viel Emotion die anstehende Diskussion unter Umständen geführt werden wird. Denn die evangelische Kirchengemeinde steht vor großen Umbrüchen: Die Zahl der Mitglieder sinkt stetig und die Gebäude erfahren eine nur geringe Auslastung, wie Pfarrer Thomas Mann bei seiner Einführung belegte. Wie in vielen Gemeinden wird man in Stammheim deshalb über eine Neuausrichtung seiner Angebote nachdenken und seinen Immobilienbestand korrigieren müssen. „Alles hat seine Zeit“, zitierte er in einem geistlichen Impuls den Prediger Salomo.

Am Ende wird der Kirchengemeinderat über Behalten oder Verkaufen, über Erhalt oder Abriss entscheiden müssen, eventuell sogar noch vor der Sommerpause. Doch will man den Weg dahin so transparent wie möglich gestalten. Am Anfang stand am Mittwoch eine Bestandsaufnahme: Da gibt es im Wesentlichen die Arche am Hornemannweg, die aus Gemeindehaus und Kirchenanbau besteht, dazu die Johanneskirche und mehrere Gebäude an der Kameralamtsstraße, darunter ein Gemeindehaus und die Kindertagesstätte, und insgesamt zwei Pfarrhäuser. Und die dringend anstehenden Sanierungen werden sich nur finanzieren lassen, wenn man sich im Gegenzug von Gebäuden und Grundstücken trennt.

Zahlreiche Faktoren zu bedenken

Dabei gibt es freilich zahlreiche Faktoren zu bedenken: Etwa die demographische Entwicklung innerhalb der Gemeinde, die Thomas Mann mit Hilfe dreier fiktiver Personen darstellte, die die derzeitigen Schwerpunkte der Gemeindearbeit und ihre Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten symbolisierten. Nur wenn man sich darüber im Klaren sei, könne man in Zukunft die passenden Gebäude dafür vorhalten, so der Pfarrer.

Wie kompliziert die Entscheidung werden wird, zeigte der beratende Architekt der Kirchengemeinde, Peter Gerhards, auf: Der moderne Arche-Kirchenanbau etwa funktioniert nicht ohne die Serviceräume im traditionellen Gemeindehaus. Andererseits gehören die angrenzenden Grünflächen an der Kameralamtsstraße der Gemeinde nur zum Teil und müssen als solche erhalten bleiben. Es wird sich überdies erst noch zeigen, ob die Menschen wirklich bereit sind, einen der beiden Sakralbauten Johanneskirche oder Arche aufzugeben, zumal der moderne Kirchenanbau der Arche seinerzeit größtenteils in Eigenleistung erstellt wurde und viele Bürger deshalb und wegen der gelungenen architektonischen Konzeption eine starke emotionale Bindung zum Gebäude haben.

Es gab an diesem Abend auch recht überraschende Vorschläge: Gerhards führte an, dass es sich beim Arche-Anbau um ein Montage-Gebäude handelt, das gewissermaßen abgebaut und an neuer Stelle wieder aufgebaut werden und dann eventuell auch in einer anderen Funktion das Gemeindeleben bereichern könne. Und die Bezirksvorsteherin Susanne Korge erwähnte das für Stammheim angedachte Bürger- und Familienzentrum, das sicher einen Veranstaltungssaal aufweisen werde, den man auch gemeinschaftlich nutzen könne. Dekan Klaus Käpplinger riet, die Veränderungen als Chance zu sehen: Man habe Gebäude gebaut und genutzt und jetzt trenne man sich nach sorgfältiger Überlegung von einigen davon – das sei kein Problem, sondern vielmehr eine recht komfortable Situation.

Konsequenzen ermitteln

Nun waren die Gäste aufgefordert, ihre Ideen, Ängste und Kritikpunkte niederzuschreiben und zu sammeln. Man dürfe seinen Standort in der Mitte des Stadtbezirks nicht aufgeben, hieß es danach auf den grünen, roten und weißen Karten an der Pinwand, aber auch „Arche erhalten! Gotteshäuser sind kein Spielzeug“. Wie die Kirchengemeinderätin Ingrid Kindermann im Anschluss zusammenfasste, hätten sich unerwartet viele Teilnehmer für den Erhalt des Ensembles Kameralamtsstraße im Herzen Stammheims ausgesprochen. Welche Konsequenzen das für die Arche hat, wird man nun in den kommenden Wochen und Monaten ermitteln müssen – gegebenenfalls auch, ob eine Verlagerung der dann erstaunlich mobilen Immobilie überhaupt möglich ist.

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