Gemeinderat Hildrizhausen: Marion Leitner, Stefanie Braun, Corinna Gauß, Christina Koch, Tanja Borndörfer-Notter und Astrid Reiner (vorne v. li.). Martin Horrer, Michael Holder, Eric Weber, Gerhard Hahn (hinten v. li.). Es fehlen Marissa Glaser und Guido Bauernfeind. Foto: Stefanie Schlecht

Noch immer sind Frauen in der Kommunalpolitik in der Minderzahl. Mit einer Ausnahme: Seit neuestem sitzen im Gemeinderat Hildrizhausen mehr Frauen als Männer. Ein Unikum im Kreis Böblingen.

Frauen sind auch im Jahr 2022 auf allen politischen Ebenen unterrepräsentiert: Weder auf Bundes- noch auf Landes- oder Kommunalebene sind Frauen gemäß ihrem Bevölkerungsanteil vertreten. Deshalb sticht eine Kommune im Landkreis Böblingen umso mehr heraus: Seit neuestem sitzen im Gemeinderat in Hildrizhausen sieben Frauen und nur noch fünf Männer, nachdem zwei Männer ausgeschieden waren, deren Sitze nun von weiblichen Nachrückerinnen besetzt werden. Im Landkreis Böblingen ist Hildrizhausen mit dieser Konstellation einzigartig. Bei den Gemeinderatswahlen im Jahr 2019 wurden in Baden-Württemberg insgesamt 5006 Frauen und 13 669 Männer gewählt. Erstmals schafften es dabei weibliche Abgeordnete mit 26,8 Prozent über die 25-Prozent-Marke. Laut den Auswertungen des Statistischen Landesamtes zeigte sich bei der letzten Kommunalwahl, dass Frauen nicht nur weniger häufig kandidierten, sondern darin auch seltener erfolgreich waren. Eine weitere Erkenntnis aus den Zahlen: Wie viele Frauen letztlich im Gremium sitzen, hängt stark von der Parteizugehörigkeit ab.

 

Mit Abstand die beste Figur machen dabei die Grünen: 49 Prozent der Gewählten sind Frauen. Auf dem zweiten Platz befinden sich die Linken (39,1 Prozent) dann folgt die SPD (36 Prozent). Das Schlusslicht bilden CDU (20,2 Prozent), FDP (19,1 Prozent) und AfD (6,8 Prozent). Wählervereinigungen erhielten bei den Wahlen 2019 insgesamt 8850 Sitze, wovon 2298 an Frauen gingen – also ein Anteil von 26 Prozent.

Von insgesamt zwölf Sitzen entfallen sieben auf Frauen

Im Gemeinderat in Hildrizhausen sieht die Sitzverteilung durch das Nachrückverfahren seit neuestem so aus: Die Freien Wähler sind mit sechs Frauen und zwei Männern vertreten. Die CDU hat vier Sitze, die mit drei Männern und einer Frau besetzt sind. Von zwölf Gemeinderäten sind demnach sieben weiblich. Tanja Borndörfer-Notter ist eine von ihnen. Als stellvertretende Bürgermeisterin gehört sie den Freien Wählern an und sitzt bereits seit 1999 im Gemeinderat. Bereits in der letzten Wahlperiode war der Gemeinderat paritätisch besetzt – ebenfalls eine Seltenheit im Landkreis Böblingen.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Thüringen: Verfassungsbeschwerde zu paritätischen Wahllisten gescheitert

„Es tut gut, dass Frauen im Rat sind, wobei ich nicht denke, dass es auf bloße Zahlen ankommt“, sagt Tanja Borndörfer-Notter. Woran es liegt, dass die Freien Wähler in Hildrizhausen mit so viel Frauenpower im Rat vertreten sind, kann sie nicht abschließend beantworten. Auf der Liste für die zurückliegende Wahl kandidierten zwar 50 Prozent Frauen für die Freien Wähler, doch Absicht sei dies nicht gewesen, sagt die langjährige Gemeinderätin. Die Kandidaten und Kandidatinnen würden nicht nach einem bestimmten Verfahren aufgelistet, sondern alphabetisch genannt. Doch dass Gemeinderäte divers aufgestellt sein sollten, davon ist sie überzeugt: „Dazu gehört aber auch ein ausgewogener Altersdurchschnitt und die Präsenz vieler verschiedener Berufe“, sagt sie. „Wir brauchen die Sichtweisen von verschiedenen Warten aus.“

Immer wieder wird deutlich, dass divers aufgestellte Teams und Gremien erfolgreicher sind, was vor allem in der Wirtschaft an Zahlen erkennbar ist. Die Unternehmensberatung McKinsey gibt in einer Studie an, dass Unternehmen, die allein auf Geschlechtervielfalt achten, eine höhere Chance haben, profitabel zu sein. Wie sich ein hoher Frauenanteil auf die Arbeit des Hausemer Gemeinderats auswirkt, bleibt noch abzuwarten. Nach Tanja Borndörfer-Notter ist es noch zu früh, um darüber zu urteilen.

In Hildrizhausen haben politisch engagierte Frauen ein gutes Standing

In kleinen Orten wie in Hildrizhausen komme es außerdem weniger auf die Listen an, da es bei der Wahl vorrangig um die Persönlichkeit gehe, sagt Borndörfer-Notter: Anders als in größeren Städten kennen die Wählerinnen und Wähler in der Regel die Kandidaten und Kandidatinnen, denen sie ihre Stimme geben. „Offensichtlich haben Frauen in Hildrizhausen ein gutes Standing und werden auch dementsprechend gewählt“, sagt sie. In Städten sieht sie es allerdings durchaus als sinnvoll an, abwechselnd Frauen und Männer aufzustellen, weil die Wählerschaft in diesen Fällen – anders als in Hildrizhausen – die Kandidaten und Kandidatinnen nicht mehr persönlich kenne.

Für die CDU in Holzgerlingen wurde seit 47 Jahren keine Frau gewählt

Obwohl Hildrizhausen offensichtlich eine Vorreiterrolle einnimmt, was paritätische Mitbestimmung in ihrem lokalen Gremium angeht und hierbei vor allem die Freien Wähler eine gute Figur machen, lassen sich im Landkreis auch noch andere Beispiele finden: Seit 1975 ist beispielsweise die CDU im Holzgerlinger Gemeinderat vertreten. In diesen 47 Jahren wurde allerdings noch keine einzige Frau für die Partei in das Gremium gewählt. Bis zum Jahr 1999 lassen sich die Zahlen beim Statistischen Landesamt nachverfolgen, doch der langjährige Stadtrat Heinz Renz, der mittlerweile aus dem Gremium ausgeschieden ist, kann sich genau an die Sitzverhältnisse im Rat seit den 70er Jahren erinnern.

Der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Jan Dieterle, der das Amt im letzten September übernommen hat, erkennt das Problem an und sagt: „Die Zahlen lassen sich nicht schönen und im Ausblick auf die nächste Wahl steht der Punkt auf meiner Agenda, wie wir mehr Frauen dazu bringen, bei uns mitzumachen.“ Doch auch im Holzgerlinger Gemeinderat sind durch Nachrückerinnen in den vergangenen Monaten mehr Frauen ins Gremium eingezogen: Mit Sarah Lorusso ist die SPD nun mit zwei Frauen vertreten. Auch bei den Bürgern für Umwelt und Natur ist nach dem Rückzug von Heinz Renz eine junge Frau, Svenja Theessen, nachgerückt – insgesamt entscheiden in dem Ort auf der Schönbuchlichtung nun sieben Frauen und elf Männer über die Kommunalpolitik.