Eine Frau aus Schwäbisch Gmünd hat der städtischen Musikschule ihr gesamtes Vermögen von 4,4 Millionen Euro vererbt.

Schwäbisch Gmünd - Erika Künzel liebte die Musik. Sie sang, musizierte, tanzte gern, und regelmäßig unterstützte sie die Musikschule, Vereine und Orchester in ihrer Wahlheimat - ohne daraus jemals Aufhebens zu machen. Doch inzwischen ist in der zweitgrößten Stadt im Ostalbkreis viel von ihr die Rede. Denn sie hat ein Geschenk hinterlassen, von dem niemand zu träumen gewagt hätte. Nach ihrem Tod gehen ihr Grundbesitz und Vermögen an die städtische Musikschule über: insgesamt 4,4 Millionen Euro. So hatte sie es bereits in den 80er Jahren im Testament festgelegt.

"Wir hatten zwar gehört, dass Frau Künzel der Stadt etwas vererben wollte", erzählt Joachim Bläse, der Erste Bürgermeister der Stadt. Aber niemand in der Stadtverwaltung wusste, wie vermögend die kinderlose Witwe war - und dass sie alles an die Musikschule geben wollte. Nach dem Tod ihres Mannes war sie in den 70er Jahren nach Schwäbisch Gmünd gekommen - in die Nähe des Ortes, an dem sie aufgewachsen war. Am 19. Juni 2008 erhielt Bläse einen Anruf, der vieles ins Rollen brachte. Nachbarn von Erika Künzel teilten ihm mit, dass die 84-Jährige verstorben sei und dass sie die Stadt als Alleinerbin eingesetzt habe. Was zu tun sei und wofür das Erbe verwendet werden sollte, hatte sie schriftlich niedergelegt. Darauf nahm Bläse Kontakt mit den Angehörigen auf, kümmerte sich um die Bestattung und die Erbschaft.

Auch wenn die Stadt das Geld gut für den Alltagsbetrieb der Musikschule gebrauchen könnte - die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben liegt bei 600.000 Euro pro Jahr -, war den Verantwortlichen in Schwäbisch Gmünd schnell klar, dass es nicht dem Wunsch von Künzel entsprochen hätte, einfach laufende Kosten zu decken oder die Gebühren an der Musikschule so lange zu senken, bis das Geld aufgebraucht ist. Mit dem Vermächtnis sollte etwas Dauerhaftes geschaffen werden. Deshalb beschloss der Gemeinderat einstimmig, eine Stiftung einzurichten und die Erträge für die Musikförderung einzusetzen. In der vergangenen Woche hat er die Satzung der Erika-Künzel-Stiftung gebilligt, den Vorsitz des 13-köpfigen Stiftungsvorstands hat Oberbürgermeister Richard Arnold übernommen. Bläse rechnet damit, dass aus den Erträgen der Stiftung 120.000 bis 180.000 Euro jährlich für Projekte zur Verfügung stehen werden.

Schon lange macht sich die Musikschule in der 60.000-Einwohner-Stadt für musikalische Frühförderung stark. Sie will vor allem Kinder zum Musizieren anregen, in deren Familie Geld oder Interesse für ein Instrument fehlt. "Musik ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung und ein Mittel zur Integration", sagt Bläse. So wurden an mehreren Grundschulen Bläserklassen eingerichtet. In der Regel stellen Vereine die Instrumente zur Verfügung und schicken Musiklehrer in die Schulen. Dieses Projekt wolle die Musikschule mit den Mitteln aus der Erika-Künzel-Stiftung nun ausbauen, so Bläse. "Unser Traum ist, dass künftig alle Grundschüler ein Instrument lernen können." Zudem sollen Stipendien an besondere Talente vergeben werden.

Aber wer ist die Person, die ihrer Stadt ein solch vermögendes Geschenk gemacht hat? "Wir sind gerade dabei, mehr über die Frau herauszufinden", sagt Bläse, der mit Angehörigen, Freunden und Nachbarn über sie gesprochen hat. Neben vielen Aquarellen und Gedichten hat die an Kultur und Geschichte interessierte Frau auch Tagebücher hinterlassen. Sie war verheiratet mit Otto Künzel, der als Sozialdemokrat von den Nazis verfolgt worden war und nach dem Krieg Säuberungungskommissar von Württemberg-Hohenzollern, SPD-Abgeordneter des Landtags von Württemberg-Hohenzollern und schließlich Bürgermeister in Reutlingen war. Die Stadt hat eine Journalistin beauftragt, den Nachlass von Erika Künzel zu sichten und ein Buch über sie zu verfassen.

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