Die Nullzinspolitik der EZB wirkt sich nun auch negativ auf Städte und Gemeinden aus. Foto: dpa

Nachdem der Leitzins von der Europäischen Zentralbank (EZB) auf null Prozent gesenkt wurde, fordern nun viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken einen Negativzins, der im Bankenjargon auch Verwahrentgeld heißt, von Städten und Gemeinden.

Frankfurt -

Die Finanzwelt steht Kopf seit der Absenkung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf null Prozent. Inzwischen müssen immer mehr große Anleger wie Banken und Versicherungen sogar Negativzinsen von 0,4 Prozent zahlen, wenn sie ihr Geld der Zentralbank anvertrauen. Und weil dies den Kreditinstituten immer mehr Probleme bereitet, sind sie seit dem vergangenen Herbst dabei, ebenfalls von ihren großen Kunden sogenannte Verwahrgelder zu verlangen, weil man den Begriff Strafzins vermeiden möchte.

Wie verbreitet die Praxis der Banken ist, zeigen Zahlen der Unternehmensberatung Barkow Consulting: Der durchschnittliche Zins für Tagesgeld von Unternehmen ist demnach erstmals leicht ins Minus gerutscht. Im vergangenen November und Dezember war das Vorzeichen negativ, wie Barkow aus Daten der Bundesbank ermittelte.

Noch werden Privatkunden verschont

Noch allerdings sind private Kunden davon verschont, auch wenn sie für ihr angelegtes Geld kaum noch Zinsen bekommen. Doch allein die Diskussion über mögliche Strafzinsen hat zu spürbaren Bewegungen geführt. Die Direktbank ING-Diba etwa berichtete vor kurzem darüber, dass sie neue Kunden von der Postbank bekomme, weil diese die „Gebühren“ erhöht habe. Einige Institute haben inzwischen zumindest die vermögenden Privatkunden ins Visier genommen und verlangen auch ab einem Vermögen von 500 000 Euro eine solche „Verwahrgebühr“. Der Vorstandschef der Commerzbank, Martin Zielke, versuchte zwar auf der Bilanzpressekonferenz in der vergangenen Woche die Kunden zu beruhigen – auf absehbare Zeit sehe er keine Negativzinsen für Privatkunden –, ausschließen wollte er sie aber auch nicht.

Immer mehr Kreditinstitute – vor allem Sparkassen – haben seit kurzem eine fixe Summe festgelegt, ab der die Extra-Zahlung fällig wird. Die Ostsächsische Sparkasse Dresden berechnet Unternehmen für Einlagen ab einer Million Euro auf dem Girokonto und ab 100 000 Euro auf dem Tagesgeldkonto Strafzinsen. Die Stadtsparkasse München hat angekündigt, ab April einen Negativzins für Einlagen oberhalb von 250 000 Euro zu nehmen. Beide Häuser gehören zu den bundesweit zehn größten Sparkassen. Dieses Vorgehen dürfte künftig noch häufiger werden. „Das wird kommen“, erwartet der Chef einer großen Regionalbank.

Strafzins der EZB belastet die Banken

Die Entwicklung ist ein Zeichen dafür, wie der Strafzins der EBZ die Banken belastet. Der EZB-Negativzins hat die deutschen Geldhäuser nach Berechnungen von Barkow Consulting im vergangenen Jahr rund 1,1 Milliarden Euro gekostet. Noch deutlicher sind die Folgen, wenn es um neu hinzugekommene Einlagen über alle Laufzeiten hinweg geht. In diesem Neugeschäft lag der Durchschnittszins bei minus 0,02 Prozent, ergibt das Credit Benchmark Model von Barkow.

Auch Kommunen werden zusehends zur Kasse gebeten. Und Festgelder mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr sind mittlerweile mit einem Negativzins von 0,12 Prozent belegt.

Thema beschäftigt Bürgermeister und Kämmerer von Kommunen

Das Thema beschäftigt derzeit nicht nur die Finanzchefs der Unternehmen, sondern auch viele Bürgermeister und Kämmerer in Deutschland. Reihenweise führen Sparkassen und Genossenschaftsbanken das Verwahrentgelt ein, besonders in florierenden Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg oder Sachsen. In Bayern sind es auch die Sparkassen Allgäu, Augsburg und Miltenberg. In Sachsen belastet die Sparkasse Leipzig neuerdings die Kommunen, in Baden hat die Sparkasse Lahr ein Verwahrentgelt eingeführt. Die meisten Banken bieten den Kommunen einen Freibetrag an. Für Einlagen, die darüber hinausgehen, verlangen sie Zinsen.

Je länger die Banken selbst den Strafzins bei der EZB zahlen müssen, desto mehr leiden sie darunter. Immerhin kostet sie eine Einlage von einer Milliarde im Jahr vier Millionen Euro. Eine besondere Idee hatte in dem Umfeld die Schweizer Privatbank Julius Bär. Sie gibt die negativen Zinsen nicht nur an ihre Kunden, sondern auch an ihre Kundenberater weiter – also ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die könnten dann selbst entscheiden, ob sie die Kosten an ihre Kunden weitergeben oder selber tragen, heißt es bei den Schweizern. Dazu muss man wissen, dass Julius Bär als Privatbank fast ausschließlich vermögende Kunden berät, die wohl sehr genau wissen, worauf sie sich einlassen.

  
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