Geldautomat gesprengt Bankomat-Bomber machen fette Beute

Von Wolf-Dieter Obst 

Der Bankomat an der Uni Hohenheim – einfach aus der Wand gesprengt Es hat ein wenig gedauert, bis den Ermittlern klar war, dass der Bankautomat nicht herausgerissen, sondern gesprengt worden ist Foto: Horst Rudel
Der Bankomat an der Uni Hohenheim – einfach aus der Wand gesprengt Es hat ein wenig gedauert, bis den Ermittlern klar war, dass der Bankautomat nicht herausgerissen, sondern gesprengt worden ist Foto: Horst Rudel

Eine radikale Methode an Bargeld zu kommen, wird derzeit von reisenden Banden verwendet: Geldautomaten werden nachts in die Luft gesprengt. Das Phänomen, das aus den Niederlanden und Osteuropa nach Deutschland schwappte, erreicht nun auch den Südwesten.

Stuttgart - Für die Täter ist der Geldautomat am Mensagebäude der Universität Hohenheim wohl ideal. Weit abgelegen, kaum Anwohner, nur ein Katzensprung von der Autobahn-Anschlussstelle Flughafen entfernt. So machen sie sich in aller Ruhe ans Werk, dringen in den Vorraum der Mensa ein, füllen den Automaten mit Gas und lösen eine Explosion aus. Der Automat wird aus der Außenwand gesprengt, die Täter greifen sich das Geld aus den Kassetten und machen sich aus dem Staub. Es ist Montag um 3.40 Uhr, als in der Störzentrale der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) eine Meldung eingeht: Der Automat in Hohenheim hat sich plötzlich abgemeldet.

Den Knall aber hat keiner gehört. Auch drei Stunden später, als ein technischer Mitarbeiter der Universität das Trümmerfeld bemerkt und die Polizei um 6.40 Uhr alarmiert, glaubt man erst noch, der Automat sei herausgerissen worden. Die Kriminaltechniker aber stellen fest: Hier muss eine Explosion stattgefunden haben.

Die Höhe der Beute ist zunächst unklar: „Der Automat ist vor einer Woche aufgefüllt worden“, sagt Polizeisprecher Thomas Geiger. Da waren noch mehrere Zehntausend Euro drin. Für die Täter könnte ein fünfstelliger Betrag übrig geblieben sein.

LKA-Ermittler mit Hitze

Gesprengte Geldautomaten – dieses Phänomen erreicht nun offenbar den Südwesten. Seit Anfang 2015 hat es in Deutschland über 100 Fälle gegeben. Besonders im westlichen Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen schlagen die Bankomat-Bomber fast schon täglich zu. Beim Landeskriminalamt in Düsseldorf wurde die Ermittlungskommission Heat, englisch für Hitze, eingerichtet. Anfang März trafen sich 80 Vertreter von Polizei, Betreibern von Geldautomaten, Verbänden und Herstellern zu einer Fachtagung. Ergebnis: „Die noch nicht oder weniger betroffenen Betreiber von Geldautomaten sind gut beraten, Sicherungsmaßnahmen konkret umzusetzen“, heißt es.

Vereinzelte Festnahmen zeigen, dass hauptsächlich eine Tätergruppierung aus den Niederlanden am Werk sein dürfte. „Die wohnen vor allem in Vororten von Utrecht und Amsterdam und haben überwiegend nordafrikanischen Migrationshintergrund“, stellt Dietmar Kneib, bis vor Kurzem noch Leiter der LKA-Ermittlungsgruppe in Düsseldorf, fest. Weil die Täter in hochwertigen Audi flüchteten, wurde die Gruppe als „Audi-Bande“ bezeichnet. Vermutet werden etwa 250 Bandenmitglieder.

Weitere Gruppierungen sollen in Polen sitzen, eine andere Fraktion gilt als Nachahmertäter. Es gibt viele Nationalitäten – unter anderem ging auch ein moldawischer Tatverdächtiger schon ins Netz.

Gas rein, Lunte dran – Explosion

Die Methode ist radikal: Die Täter füllen mit einem Schlauch Gas oder eine brennbare Flüssigkeit in die Öffnungen des Geldautomaten und lösen dann mit einer Lunte oder anderen Zündvorrichtungen die Explosion aus. In den vergangenen Tagen waren die Panzerknacker in Euskirchen, Wuppertal, im Emsland und in Aachen unterwegs.

Dass sie längst den Südwesten ins Visier genommen haben, zeigt sich an einem weiteren Fall in der Region. Am 21. Februar versuchten Unbekannte den Geldautomaten einer Kreissparkasse am Herdweg in Böblingen zu sprengen. Die Täter scheiterten, es gab nur ein kleineres Feuer.

Die Polizei tappt im Dunkeln. Kein Bild aus der Überwachungskamera, keine Hinweise auf die Täter, so Polizeisprecher Peter Widenhorn: „Es liegen keine verwertbaren Ermittlungserkenntnisse vor.“

Drei Tage zuvor hatte es einen Versuch in Stuttgart-Weilimdorf gegeben. Der Täter scheiterte, besprühte die Überwachungskameras mit Farbe. Von dem leicht korpulenten Mann mit roter Umhängetasche fehlt jede Spur. „Da kommt was auf uns zu“, sagt Ulrich Heffner vom Landeskriminalamt. Bisher gab es ein oder zwei Versuche im Land. In diesem Jahr sind es schon acht.

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