Mit wachsenden Einkommen werden Frauen für die Finanzbranche zunehmend attraktiv. Neue Initiativen sollen sie aus der Reserve locken. Tatsächlich besteht Handlungsbedarf.
Frankfurt - Die Deutsche Börse bietet neuerdings Geldanlage-Seminare speziell für Frauen an - Und auch die BW Bank will die weibliche Kundschaft „ermutigen, ihre Finanzen noch viel stärker selbst in die Hand zu nehmen“, wie ein Sprecher auf Anfrage erklärte. Schon heute werde im Rahmen der Generationenberatung, die neben der Geldanlage auch Vollmachten und Betreuungsverfügungen in den Blick nimmt, „auch auf die besonderen Fragestellungen von Frauen eingegangen“. Daneben gebe es Veranstaltungen, um Frauen für Finanzfragen zu sensibilisieren. Für die Zukunft geprüft werde unter anderem „die Einführung eines Finanzprodukts mit dem Fokus Chancengleichheit“. Auch einige Fondsgesellschaften bieten Produkte an, mit denen Männer und Frauen in Firmen mit vorbildlicher Gleichstellungspolitik investieren können -
Die neuen Initiativen illustrieren zweierlei: Frauen werden dank steigender Erwerbstätigkeit und Einkommen für die Finanzbranche zunehmend attraktiv - Doch sie sind keine ganz einfache Zielgruppe. Zahlreiche Studien belegen: Frauen befassen sich mit Finanzfragen noch weniger gerne als Männer und schneiden auch in einschlägigen Wissenstests schlechter ab.
Frauen müssen anders planen
Problematisch ist das vor allem mit Blick auf die Altersvorsorge. Da sie geringere Rentenansprüche erwerben als Männer, müssten Frauen eigentlich mehr Geld für den Ruhestand zurücklegen, um finanziell unabhängig zu sein. Laut Berechnungen der Mannheimer Professorin Alexandra Niessen-Ruenzi erwartet sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen im Schnitt eine um 17 Prozent niedrigere Rente als Männer. Dieser Befund bezieht sich nur auf Frauen unter 50 – bei den älteren ist der Abstand noch größer.
Hauptgrund für die geschlechtsspezifische Rentenlücke ist, dass nach der Geburt des ersten Kindes die meisten Mütter ihre Arbeitszeit reduzieren. Aber auch kinderlose Frauen erwerben nach der Studie, die auf Zahlen von 2014 beruht, im Mittel geringere Rentenansprüche als Männer. Das liegt daran, dass sie durchschnittlich schlechter verdienen. Nur wenige Berufsgruppen sind von dieser Regel ausgenommen.
„Frauen haben andere Finanz- und Erwerbsbiographien als Männer und müssen daher anders planen“, betonte die Deutsche Börse in der Ankündigung für ihr drittes Frauen-Seminar am vergangenen Samstag. Mit Informationsveranstaltungen nur für Kundinnen hat auch die Commerzbank gute Erfahrungen gemacht. Daneben gibt es freie Finanzvermittlerinnen, die mit Angeboten speziell für Frauen werben. In der Breite würden deren Bedürfnisse in der Finanzberatung aber noch zu wenig berücksichtigt, meint Professorin Niessen-Ruenzi: „Denken Sie nur an die Altersvorsorge-Rechner im Internet – die Eingabe etwa von Kindererziehungszeiten ist da in der Regel nicht vorgesehen.“
Viele Frauen bemühen sich durchaus um den Aufbau einer Zusatzvorsorge: Laut dem jüngsten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung verfügten 2015 rund 70 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 25 und 65 Jahren neben der gesetzlichen Rente über eine ergänzende Altersvorsorge. Bei den befragten Frauen war der Anteil mit 71 Prozent sogar etwas höher als unter den Männern. Doch legten sie monatlich deutlich weniger Geld zurück – kein Wunder angesichts geringerer Durchschnittseinkommen. Von einem „Teufelskreis“ spricht Marlene Haupt, Professorin für Sozialwirtschaft an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, in einer beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlichten Studie.
Frauen tätigen seltener Impulskäufe
Haupt hält spezielle Beratungsangebote für Frauen für sinnvoll – „als komplementäres Angebot“. Es gehe nicht darum, Anlegerinnen in eine bestimmte Nische zu drängen: „Frauen, die sich davon nicht angesprochen fühlen, können ja auch zur klassischen Beratung gehen.“ Offensichtlich gibt es aber geschlechtsspezifische Präferenzen: Die Risikobereitschaft ist bei Frauen laut verschiedensten Untersuchungen geringer ausgeprägt als bei Männern. Neben der Einkommensverteilung gilt dies als ein wesentlicher Grund dafür, dass Aktienbesitzer mehrheitlich männlich sind.
Wenn Frauen allerdings in Aktien oder Aktienfonds investieren, tun sie das laut einer Studie der Consorsbank mit ähnlichem Erfolg wie Männer: Im Zeitraum vom Sommer 2016 bis Sommer 2019 legten die Wertpapierdepots von Kundinnen der Direktbank um 15,5 Prozent zu, die der männlichen Kunden um 16,2 Prozent. Dafür zahlten die Männer, weil sie häufiger Aktien kauften oder verkauften, aber in der Summe mehr Ordergebühren.
Dass die geringere Risikobereitschaft von Frauen nicht nur Nachteile hat, bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen: „Frauen tätigen seltener Impulskäufe und denken mehr an die Zukunft“, fassen Bettina Greimel-Fuhrmann und Maria Silgoner die Ergebnisse einer Umfrage unter 2000 Erwachsenen in Österreich zusammen. Ein Problem sei allerdings, dass Frauen finanzielle Angelegenheiten häufig an Männer delegierten. „Ein höherer Grad an finanzieller (Mit-)Verantwortung“ wäre in ihrem eigenen Interesse. Frauen, die sich allein um ihre Finanzen kümmerten, schnitten nämlich auch in den Wissensfragen nicht schlechter ab als Männer, betonen die Forscherinnen.