Die Generation Smartphone entwickelt sich zur Generation Sparplan. Immer mehr investieren an der Börse und hoffen auf ein Polster fürs Alter. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Immer mehr Menschen zwischen 20 und 40 Jahren finden einen Zugang zum Aktienmarkt, um dort ihr Geld anzulegen. Vor allem Sparpläne auf börsengehandelte Indizes, sogenannte ETFs, werden von jüngeren Anlegern gekauft. Das hat verschiedene Gründe.

Stuttgart - Die Standardfloskel zur Corona-Krise lautet: Die Welt wird eine andere sein. Erstaunlich ist, dass diese Aussage auch auf den bisher von den Deutschen gemiedenen Aktienmarkt zutrifft. Die vergangenen Monate brachten einen bisher noch nicht da gewesenen Ansturm auf jegliche Wertpapiere, vor allem aber auf börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETFs. Während bei traditionellen Investmentfonds ein Fondsmanager entscheidet, in welche Aktien oder Anleihen das Geld der Kunden fließt, bilden ETFs die Entwicklung von Börsenindizes nach. Ziel ist also nicht, ein Kursbarometer wie den Deutschen Aktienindex (Dax) zu schlagen, sondern einfach nur seine Wertentwicklung mitzumachen – ohne dass der Anleger dafür sämtliche Dax-Aktien kaufen muss.

 

Das Finanzportal Extra-ETF ermittelte, dass die Zahl der monatlich ausgeführten ETF-Sparpläne von Januar bis August um 500 000 auf 1,85 Millionen gestiegen sind. Durchschnittlich fließen in jeden Sparplan monatlich 170 Euro. „Wir befinden uns in einem fundamentalen Wandel“, meint Dominique Riedl, Geschäftsführer des Online-Ratgebers „Just ETF“.

Lange Wartezeiten bei Kontoeröffnung

Normalerweise braucht es kaum eine halbe Stunde, um heutzutage ein Depot zu eröffnen. Auf der Internetseite diverser Banken reichen wenige Klicks und eine Identitätsbestätigung per Video-Telefonie aus, um online an der Börse Wertpapiere zu kaufen. Nicht so im März des Corona-Jahrs. „Schon in den Wochen davor verzeichneten Banken und Online-Broker ungewöhnlich viele Depoteröffnungen. Im März konnte es jedoch manchmal bis zu 14 Tage dauern, bis ein Depot freigeschaltet wurde, so groß war die Nachfrage“, sagt Richard Dittrich, Experte für Anlegerthemen bei der Börse Stuttgart. Er vermutet, dass bei einigen Menschen ein Umdenken stattgefunden hat. „Bei früheren Kurseinbrüchen lautete der Tenor oft: ‚Die Börse ist etwas Böses.‘“ Jetzt aber hätten mehr Menschen die niedrigen Aktienkurse genutzt, um als Anleger einzusteigen. Riedl hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Im März hatten wir das Dreifache des üblichen Besucheraufkommens auf unserer Internetseite. Die Deutschen sind ihrem Ruf als Anlegermuffel – glücklicherweise – nicht gerecht geworden.“

Informiert durch Plattformen im Internet

Woher kommt der Sinneswandel? „Diejunge Generation der 20- bis 40-Jährigen hat mittlerweile verstanden, dass Aktien zu einer sinnvollen Altersvorsorge dazugehören“, meint Riedl. Unsichere und geringe Rentenerwartungen und eine seit 2008 anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank treiben die Deutschen um. Niels Nauhauser, zuständig für die Bereiche Altersvorsorge, Banken und Kredite bei der Verbraucherschutzzentrale des Landes, befindet: „Früher gab es schlichtweg nicht die Notwendigkeit, privat für das Alter vorzusorgen.“ Gleichzeitig sei durch das Internet und die vielfältigen Möglichkeiten, sich über Finanzgeschäfte zu informieren, der Einstieg leichter geworden. Nauhauser verweist auf die Videoplattform Youtube, Finanzblogs oder Internetforen. Das Thema Aktien sei mitten in der Gesellschaft angekommen. Und galt die Börse vor einiger Zeit noch als kompliziert, abgehoben und elitär, habe sie zumindest in jüngeren Generationen vorwiegend nicht mehr diesen Ruf.

Schlanke Kosten sind attraktiv

„Die Hemmschwelle, überhaupt in das Börsengeschäft als Privatmensch einzusteigen, ist massiv gesunken“, sagt Riedl und erklärt: „Diverse Direktbanken dringen teilweise sehr aggressiv in den neu entstandenen Markt ein. Alles, was ein künftiger Anleger braucht, ist ein Wertpapierdepot, und auch das lässt sich bequem am Smartphone einrichten, wo dann direkt gekauft und verkauft werden kann.“

Auch scheint sich herumzusprechen, dass man für den Einstieg in den Aktienmarkt kein Expertenwissen über einzelne Unternehmen braucht. Dafür spricht jedenfalls die steigende Nachfrage nach Investmentfonds – die Anlegern die Auswahl einzelner Aktien oder Anleihen abnehmen. Über einen Fonds können sie in eine Vielzahl von Wertpapieren investieren und damit das Risiko mindern – denn Kursverluste einzelner Titel fallen dann nicht mehr so stark ins Gewicht.

ETFs sind für Fondsanleger oft eine besonders günstige Variante. „Das ist der größte Vorteil“, sagt Nauhauser. Anders als bei herkömmlichen Investmentfonds werden ETFs nicht aktiv verwaltet, sondern bilden den jeweiligen Index nach. „Das bedeutet, dass in der Regel keine Vertriebsprovisionen an die Banken gezahlt werden müssen und die Verwaltungsgebühren gering sind“, sagt der Verbraucherschützer.

Verluste müssen einberechnet werden

Neben der schlanken Kostenstruktur müssen Anleger zudem keine großen Summen in die Hand nehmen, um erste Schritte an der Börse zu wagen: ETF-Sparpläne gibt es bereits ab 25 Euro. „Dieser relativ niedrige Betrag lässt viele die Angst überwinden“, glaubt Riedl. Wie bei jeder Wertpapieranlage besteht aber auch bei ETFs das Risiko von Kursschwankungen. „50 Prozent Verlust sollte man aushalten können“, sagt der Finanzexperte Nauhauser, weil die Stimmung an der Börse „sehr launig“ sein kann. Bisher sei noch nach jedem Crash eine Erholung gekommen, aber: „Für Anleger, die schnell wieder auf ihr investiertes Geld zurückgreifen wollen oder gar müssen, ist diese Investmentstrategie dann nicht die richtige“, so Nauhauser.

Langfristig eine gute Alternative

Trotz der neuerdings ausgerufenen Generation Sparplan: Mit einer Aktionärsquote von etwa 15 Prozent hinken die Deutschen im internationalen Vergleich ziemlich hinterher. Das Gros der Bundesbürger bevorzugt laut einer Umfrage der ING-Bank noch immer das traditionelle Sparbuch oder hält das Ersparte als Bargeld unterm Kopfkissen. Bei Null- und Niedrigzinsen stellen die Aktienmärkte eine gute Alternative dar. Auch wenn es teilweise große Schwankungen gibt: Langfristig sind die Erträge breit gestreuter Aktienanlagen, wie sie ein ETF ermöglicht, höher als bei Bankeinlagen, heißt es bei der Verbraucherschutzzentrale.