Geigerin Tianwa Yang in Fellbach „Ich bin ja eigentlich fast eine Badenerin“

Von Dirk Herrmann 

Für Klassikexperten gehört Tianwa Yang zur geigerischen Weltelite. Foto: Irène Zandel
Für Klassikexperten gehört Tianwa Yang zur geigerischen Weltelite. Foto: Irène Zandel

Kurz vor dem Gastspiel in Fellbach spricht die renommierte Geigerin Tianwa Yang im Interview über ihr Leben und ihr Faible für die schwäbische Küche.

Fellbach - Sie ist eine Ausnahmekünstlerin, begeistert ihr Publikum in den besten Häusern der Welt von Detroit über Malmö bis in ihre Heimatstadt Peking. Jetzt präsentiert sie sich in Fellbach, am Montag und Dienstag in der Schwabenlandhalle: Violin-Solistin Tianwa Yang, die nach eigener Einschätzung „nie ein fleißiges Kind“ war, mittlerweile aber gern „über meine eigenen psychischen und physischen Grenzen“ geht.

Frau Yang, Ihr Name in chinesischen Schriftzeichen sieht, sofern man dem Internetlexikon Wikipedia glauben darf, so aus: 杨天娲;  in der vereinfachten Schrift und im traditionellen Chinesisch: 楊天媧;. Was bedeutet Ihr Name, Tianwa Yang?
Nun, der Artikel in Wikipedia über mich ist ohne mein Zutun entstanden. „Tian“ bedeutet der Himmel, „wa“ ist eine Göttin in der chinesischen Mythologie, der Familienname „Yang“ heißt Pappel, also ist die Göttin vom Himmel auf den Baum gefallen, wie man scherzhaft sagen kann.
Binnen kurzer Zeit haben Sie beispielsweise in London, Leipzig, München. Helsinki, St. Petersburg, Seattle, Malaysia oder Korea gastiert – wann kommen Sie überhaupt zum Luftholen?
Keine Bange, ich habe bis jetzt keine Atemnot! Wie ich oft sage: Ich habe Abenteuerlust im Blut.
Viel Zeit verbringen Sie sicher im Flugzeug – zum Ausruhen wie zum Arbeiten?
Ich bin oft mit dem Flieger unterwegs, das stimmt. Aber viel Zeit verbringe ich auch mit der Deutschen Bahn – bei gutem Wetter in die schöne Landschaft schauen, bei schlechtem Wetter Mails schreiben oder auch einfach schlafen. 
Und jeden Tag in einem anderen Hotel – sind Sie überhaupt sesshaft? Sie leben ja seit 2013 in Hessen, in Kassel.
Klar frage ich ab und zu schon mal bei der Hotel-Rezeption nach, weil ich meine Zimmernummer vergessen oder verwechselt habe. Aber sesshaft hat für mich keine Verbindung zu einem physischen Ort. Das Gefühl, sesshaft zu sein und den Boden nicht zu verlieren, kann einem auch der Glauben, geliebte Menschen oder eine Leidenschaft wie die Musik geben.
Das alles geht ja wohl nur mit äußerster Disziplin? Wie weit muss man an die eigene Grenze gehen? Und kann man sich Absagen durch Krankheit überhaupt leisten?
Sicher gehört viel Disziplin dazu. Absagen kann ich bis jetzt an einer Hand abzählen. Es macht total Spaß, auf der Bühne zu stehen, dann werde ich gar nicht krank – oder schneller gesund, wenn ich daran denke.
Eigentlich wollten Sie als Kind ja Klavier spielen – stattdessen wurde es die Geige.
Ich kam im Kindergarten mit Klavier in Berührung. Die Musikerzieherin fand mich sehr begabt, ich hatte von Anfang an das absolute Gehör. Sie empfahl meinen Eltern, mir private Musikstunden zu besorgen. Meine Eltern konnten sich aber damals kein Klavier zuhause leisten, daher haben sie mir eine Mini-Geige gekauft.
In Fellbach sind Meisterwerke der Romantik angekündigt. Wie oft haben Sie dieses Programm schon gespielt? Wie ist die Zusammenarbeit mit der Reutlinger Philharmonie?
Antonín Dvořáks Violinkonzert habe ich schon öfters gespielt. Dennoch gibt es in der Regel zwei Proben mit dem Orchester, bevor man gemeinsam auf die Bühne geht.
Sie galten als „Wunderkind“, sind „die stärkste junge Geigerin weit und breit“, gehören zur „geigerischen Weltelite“. Wie gehen Sie mit den Lobeshymnen und der damit verbundenen Erwartungshaltung um?
Ich freue mich über die Anerkennung. Über die damit verbundenen Erwartungen mache ich mir keinen Kopf. Als Musiker und Künstler bleibt man zu sich selbst immer kritisch und unzufrieden, die eigene Erwartung ist noch viel höher.
Gewürdigt wird oft Ihr fast akzentfreies Deutsch – wie haben Sie die Sprache gelernt?
Ich habe keine Sprachschule besucht, sondern die Sprache durch Kommunikation mit Menschen und viel Lesen gelernt, „wie ein Tonband-Rekorder“, hat einmal eine liebe Freundin gesagt. 
Überraschend fand ich das von Ihnen einmal zitierte chinesische Sprichwort: „Die Maultaschen fallen nicht vom Himmel.“ Ihnen ist sicher bekannt, dass Maultaschen im Stuttgarter Raum zur Leib- und Magenspeise gehören. Haben Sie selbst schon mal Maultaschen gegessen?
Ich weiß, man soll es im Stuttgarter Raum ja nicht zu laut sagen: Aber ich bin fast eine Badenerin, habe zehn Jahre in Karlsruhe gelebt! Natürlich kenne ich Maultaschen und Spätzle und esse diese sehr gerne. In der chinesischen Küche gibt es auch ähnliche Speisen wie die Maultasche oder Teig­tasche. Das Sprichwort „die Maultaschen fallen nicht vom Himmel“ soll ungefähr bedeuten, dass man ohne Fleiß und Arbeit keine Belohnung erwarten kann; die englische Version wäre „no pain, no gain“.

Lesen Sie jetzt