Bei diesem Wettbewerb dominiert die Zeichensprache. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Sekunden vor Schluss schießt Karlsruhe trotz Unterzahl gegen das italienische Team das Siegtor. Jubelschreie erklingen, Fäuste schnellen nach oben. Beim internationalen Turnier „Deaf Championsleague Futsal“ in Stuttgart mit gehörlosen Sportlern geht es heiß her.

Stuttgart - Sekunden vor Schluss schießt Karlsruhe trotz Unterzahl gegen das italienische Team Real E Non Solo das Siegtor. ­Jubelschreie erklingen, geballte Fäuste schnellen nach oben. Beim internationalen Futsal-Turnier Deaf Champions League in Stuttgart messen sich vom 2. bis 6. Januar Mannschaften mit gehörlosen Sportlern aus der ganzen Welt im Hallenfußball. Zwölf Damenmannschaften aus acht Nationen und 20 Herrenmannschaften aus 13 Nationen nehmen an der sechsten Auflage des Turniers teil. Nur die besten Teams der verschiedenen Länder qualifizieren sich.

Gespielt wird zwei Mal 20 Minuten

Veranstalter ist die Gehörlosen Sportgemeinschaft Stuttgart (GSG). Sie stellt je eine Damen- und Herrenmannschaft. Das Turnier wird von der Aktion Mensch unterstützt. Die Schirmherrschaft hat Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport. Neben vier deutschen Teams bei den Herren und drei bei den Damen sind auch Mannschaften aus Frankreich, Spanien, Aserbaidschan und Israel vertreten. Bis zum Halbfinale finden die Spiele in der Eberhard-Bauer-Halle in Esslingen, der Sporthalle Cannstatt, der Sporthalle Nord und der Lindenschulsporthalle in Untertürkheim statt. Halbfinale und Finale werden in der Scharrena ausgetragen. Gespielt wird zwei Mal 20 Minuten nach den normalen Futsalregeln.

Die Schreie hören sich anders an

„Gehörlose sind nicht ruhig. Deshalb ist es in den Spielen – anders als viele vermuten – nicht still“ , sagt Philip Bleicher. Ein ­Torwart feiert sich etwa mit einer Art ­Jubelschrei für seine Glanzparade, Ersatzspieler und Zuschauer fiebern auf den ­Rängen mit. Die Schreie hören sich anders an: „Gehörlose haben ihre Stimme nicht unter Kontrolle, weil sie sie nicht hören“, ­erklärt Bleicher. Der 28-Jährige ist Dolmetscher für Gebärdensprache. Seine Eltern sind gehörlos.

Teams verständigen sich mit Handzeichen

Für das Turnier wurden die Schieds­richter über die Grundzüge der Gebärdensprache geschult. Statt einer Pfeife benutzen sie Fahnen, um Regelverstöße zu signalisieren. Die Teams verständigen sich untereinander in ihrer Gebärdensprache und mit Handzeichen. „Daher haben Gehörlose ein erweitertes Sichtfeld“, sagt Bleicher. Manche Teams haben einen hörenden Trainer, der von einem Dolmetscher unterstützt wird. Jedes Land hat eine eigene Gebärdensprache mit verschiedenen Dialekten. Eine eigenständige internationale Gebärdensprache gibt es trotz der International Sign Language laut Bleicher nicht. „Manche Gebärdensprachen ähneln sich zwar, viele sind aber sehr unterschiedlich“, ergänzt er.

Der ausgestreckte Mittelfinger steht für Gebirge

Der ausgestreckte Mittelfinger stehe in der koreanischen Gebärdensprache etwa für ein Gebirge. Bei der Gebärdensprache bildet man mittels Handbewegungen Wörter. Mimik und lautlose Mundbewegungen verstärken die Kommunikation. „Gehörlose wurden jahrelang unterdrückt. Deshalb ist der Gehörlosensport sehr wichtig“, betont Bleicher. Man sei heute auf einem guten Weg, aber es mangle an Dolmetschern.

50 Gehörlosen-Teams in Deutschland

Laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund leben in Deutschland rund 60 000 Gehörlose. Unter den 16 Millionen Schwerhörigen seien 140 000 auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen. In Deutschland gibt es laut Cheforganisator Frank Stutz über 50 gehörlose Fußballmannschaften. Viele Sportler würden 40 Kilometer oder noch weiter zum Training fahren. Unter den Fußballern, die zwischen 17 und 30 Jahre alt sind, sind auch viele Nationalspieler. Das Ziel: der Pokalgewinn und die 1600 Euro Preisgeld.

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