Seltene Einblicke bot die Führung durch den Schutzstollen beim Bezirksrathaus. Foto: Georg Linsenmann

In Stuttgart-Mühlhausen gibt es ein riesiges Bunkersystem aus dem Zweiten Weltkrieg. Ausnahmsweise durfte eine Besuchergruppe in die Geheimnisse dieser Unterwelt eintauchen.

Mühlhausen - Ganz unscheinbar wirken die vergrauten, zuverlässig verschlossenen Brettertore unterhalb des Schlosses, am Fußweg hinauf zur Engelsburg in den Berg geschmiegt. Einzig ihre Bogenform könnte die Idee wecken, dass sich dahinter Interessantes verbirgt. Und das ist auch tatsächlich der Fall – sogar in doppelter Weise: Zum einen finden sich direkt hinter den Verschlägen die hohen, akkurat ausgemauerten Gewölbehallen, die einst dem Schloss als Remise dienten. Zum anderen ein Schutzbunker, dessen Gänge sich vielfach verzweigt in den Berg bohren, mit einer Gesamtlänge von gut einem Kilometer.

Angelegt wurde das gewaltig dimensionierte Bunkersystem nach einem Luftangriff eines alliierten Bombengeschwaders: Als rund 400 Maschinen am 15. April 1943 kurz nach Mitternacht ihren Bombenhagel auf Stuttgart niederließen, wurde neben Bad Cannstatt und Münster auch Mühlhausen schwer getroffen. 20 Menschen fanden hier den Tod, 80 Prozent aller landwirtschaftlichen Gehöfte wurden zerstört. Weitere Angriffe schienen wahrscheinlich, sodass nun in aller Eile für den Schutz der Zivilbevölkerung zu sorgen war – und es wurden dabei auch noch Tunnel für eine unterirdische Produktionsstätte der Firma Bosch gebaut.

Rund 150 Interessierte

Nun bot der Verein „Schutzbauten Stuttgart“ die seltene Gelegenheit einer Führung durch das Tiefbunker-System, was insgesamt rund 150 Interessierte in die Tiefe lockte. Zuvor musste das teils kniehohe Wasser herausgepumpt werden: „Wir wollen die noch vorhandenen Stuttgarter Schutzbunker erhalten und begehbar machen, um so Interessierten die Geschichte ein bisschen näher zu bringen“, erklärte Rolf Zielfleisch, der Vorsitzende des Vereins, zur Begrüßung.

Gleich der Abgang über eine betonierte Rampe wirkte wie ein Wetterwechsel: hinein in eine schlauchartige Enge mit dem Charme eines roh belassenen Vortriebes. Durchgängig keine zwei Meter hoch und nur wenig breiter. Die Wände wie ein Steinbruch, die Decke relativ glatt und ausschließlich aus einer dicken Schicht selbsttragenden Muschelkalks bestehend: geologische Gegebenheiten, die 20 Meter unter der Erde hinreichend Stabilität boten. Von der Struktur her wurden zwei lange Stollen parallel in den Berg getrieben, aus denen dann die eigentlichen Schutzräume abgingen. Dieselbe Höhe und Breite, jeweils etwa fünf bis acht Meter tief. Außer den Sprengungen wurden die Arbeiten fast ausschließlich von Frauen erledigt – und nur wer eine „Grabekarte“ vorzeigen konnte, durfte im Ernstfall auch rein.

Von Hand Luft eingesaugt und rausgepumpt

Gleich nach dem Eingang geht es durch einen doppelten Zickzack-Kurs von Ziegelsteinsperren: „Das war als Luftdruckbremse gedacht, falls direkt draußen Bomben niedergehen sollten“, erklärte Jochen Schmaus, der durch die Stollen führte. Gleich nach dem Eingang ein rostiges Aggregat, mit dem im Handbetrieb Luft eingesaugt und rausgepumpt wurde. Gut einen halben Kilometer geht es durch das düstere, graue System. Bis zu einem zubetonierten, einstigen Zugang, der unterm heutigen Sportplatz liegt. Kaum noch Spuren der Benutzung. Ein paar Eisenstangen ragen aus den Wänden: „Für die Regalbretter, drunter saßen die Leute“, erklärt Schmaus.

Die Wände des „Bonzen-Bunkers“, der auch als Poststelle gedient hatte, sind löchrig wie Schweizer Käse: „Hier hat Bosch nach dem Krieg Pressluftbohrer getestet.“ Ob die Firma hier jemals produziert hatte? „Wir gehen nicht davon aus, denn die Fundamente sind nur teilweise fertig. Aber Bosch verweigert die Auskunft“, erklärt Rolf Zielfleisch und begründet das Engagement des Vereins für den Erhalt der Zugänglichkeit: „Für uns ist das eine Gedenkstätte für das erlittene Leid und eine Mahnung gegen Krieg.“

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