Esslingens Stadtromantik weiß von einem verliebten Handwerker, der die Stadt mit Schieferfassaden und Dächern verschönt hat. Beim Altstadtviertele wurde die Legende durchleuchtet.
Wie viel lässt sie übrig von der gefühlvollen Liebeslegende? Wird sie ein verklärtes Stück Stadtgeschichte mit wissenschaftlichen Fakten in Grund und Boden stampfen? Esslingen verdankt seine vielen Fassaden und Dächer aus Schiefer einem verliebten Handwerker – so lautet die Legende. Referentin Olga Arkhipkina vom Landesamt für Denkmalpflege checkte sie beim Altstadtviertele am Donnerstagabend im Alten Rathaus auf ihren Wahrheitsgehalt.
Rote Herzchen ließ sie aber weiter schlagen. Karl Kaiser, 1857 in Steinach im heutigen Thüringen geboren, ging nach den akribischen Recherchen von Olga Arkhipkina im Anschluss an seine Ausbildung zum Schieferdecker tatsächlich ganz im Sinne der „Esslinger Liebeslegende“ auf die Walz. Er verliebte sich während dieser traditionellen Wanderschaft ausgelernter Handwerksburschen auch wirklich.
Allerdings nicht in eine Esslinger Bürgerstochter. Seine Auserwählte war Maria Rommel, die Tochter des Schmiedemeisters Gottfried Rommel aus Alfdorf im heutigen Rems-Murr-Kreis. Ihr haftete aber ein für damalige Zeiten ungeheurer Skandal an: Sie hatte 1880 unverheiratet den Sohn Karl Hermann zur Welt gebracht, der nach wenigen Monaten starb.
Karl wusste das entweder nicht oder es war ihm klugerweise egal. Beide hatten wohl während seiner Wanderschaft eine Affäre, vermutet Olga Arkhipkina. Es war aber mehr als eine Liebelei. Bei ihren Forschungen ist die Referentin auf ein Zitat Karls gestoßen: „Marie, warte auf mich. Und wenn ich wiederkomme und Meister bin, dann werden wir heiraten und wir machen hier ein Schiefergeschäft auf und das wird etwas werden, weil die Leute das ja gar nicht kennen. Da bin ich dann der Erste.“
Ein tüchtiger Handwerker, doch kein begabter Dichter
Karl hielt Wort. Er ging zurück ins heimische Thüringen, machte seinen Meister, kam wieder ins Schwäbische und heiratete 1888 seine Maria. Der einzige Sohn des Paares starb jung, sieben Töchter erreichten das Erwachsenenalter. Sein Geschäft eröffnete er in Esslingen. Das Ehepaar lebte und arbeitete zunächst am Roßmarkt 5, dann zog es in die heutige Franziskanergasse um, wo noch immer das Wohnhaus mit der prächtigen Schieferfassade Marke Eigenbau zu bewundern ist.
Karl lebte sich gut ein. Er züchtete in seiner Freizeit wohl Kaninchen, hat Olga Arkhipkina herausgefunden, und sein Geschäft lief gut. Zeitweise konnte er sogar eine Filiale in Tübingen eröffnen. Reklame war ihm wichtig: „Nicht Gold, Silber oder Edelsteine sind’s, die ich hier anbieten kann. Doch auf den Türmen groß und klein, da stell ich sicher meinen Mann“, dichtete er 1892 in einer Werbeanzeige.
Bodenständige Poesie eines Praktikers. Sein häusliches Glück mag auch durchaus ein Gedicht gewesen sein. Die liebevolle Zuneigung der Eheleute Kaiser macht Olga Arkhipkina auch an der Todesanzeige fest, in der Maria um ihren „innigst geliebten Gatten“ trauert, der im Alter von 70 Jahren 1927 verstorben war. In Todesanzeigen wird nicht immer unbedingt die Wahrheit geschrieben. Doch Olga Arkhipkina glaubt aus dem Gesamtkontext ihrer Recherchen um Karl Kaiser und Maria Rommel eine innige Verbundenheit herauslesen zu können.
Das Erbe von Karl Kaiser in Esslingen bröckelt
Er hinterließ seine Spuren. Bis zum Ersten Weltkrieg, so hat Olga Arkhipkina herausgefunden, sind durch Karl Kaiser und ab 1900 auch durch Konkurrenten mindestens 180 Fassadenverkleidungen aus Schiefer in Esslingen und seinen Filialorten, den heutigen Stadtteilen, entstanden: „Die Bandbreite reicht dabei von einfachen Deckungen mit einer Schiefersorte und Zierbändern bis hin zu komplexen farbigen Mustern mit Jahreszahlen und Initialen der Bauherren.“ Doch einen Nachfolger für sein Geschäft aus dem familiären Umfeld findet der Tüchtige nicht. 1924 übergibt Kaiser den Betrieb an seinen Vorarbeiter Christian Rothenberger.
Doch das Erbe von Karl Kaiser bröckelt. Schieferdächer, sagt Olga Arkhipkina, halten in der Regel etwa 100 Jahre, und die Schöpfungen Kaisers sind weit älter. Von den bisher bekannten historischen Schieferverkleidungen Esslingens seien mehr als die Hälfte nicht mehr vorhanden. Sie wurden abgenommen oder die Häuser abgebrochen. Manche hätten dem Erneuerungsdrang der 1970er und 1980er Jahre weichen müssen, andere seien im Zuge der günstigen Immobilienkredite zu Anfang des Jahrtausends verschwunden. Der Alterungsprozess mache Schieferfassaden zu schaffen, und der Siegeszug der gedämmten Fassade sei eine weitere Gefahr.
Vieles ist sind laut Olga Arkhipkina verschwunden. Als ein Beispiel führt sie Wäldenbronn an. Von den ehemals mindestens 20 Schmuckfassaden sei nur noch eine einzige übrig. Dabei seien solche Fassaden durchaus sanierbar: „Die durch abgefallene oder verwitterte Decksteine entstandenen Lücken können durch spezielle Reparaturhaken wieder geschlossen werden.“ Dächer und Fassaden aus Schiefer mögen vergänglich sein. Doch die Liebeslegende um Kaiser hat auch nach wissenschaftlicher Durchleuchtung ihre Daseinsberechtigung.
Esslingen und sein Erbe aus Schiefer
Person
Olga Arkhipkina, die Referentin des jüngsten Altstadtvierteles, ist Mitarbeiterin des Landesamtes für Denkmalpflege und Bauingenieurin mit Schwerpunkt Bautechnik-Geschichte. Die in Moskau Geborene hat sich ein Haus in der Pliensauvorstadt mit Schieferelementen gekauft, das sie saniert. So ist sie auch aus privatem Interesse auf die Materie aufmerksam geworden.
Familienbande
Die im Februar verstorbene Stadtführerinnen-Legende Heidi Gassmann war eine Enkelin Karl Kaisers. Mit ihr hatte Olga Arkhipkina noch vor ihrem Tod ein Interview zu ihrem Großvater geführt.
Altstadtviertele
Das Altstadtviertele versteht sich als offener Bürgertreff, der unter dem Dach des Geschichts- und Altertumsvereins drei, vier Mal im Jahr immer donnerstags um 19 Uhr im Alten Rathaus brisante oder historische Themen aufgreift. Der Andrang beim Referat zum Erbe von Karl Kaiser war riesengroß. Die nächsten Termine stehen noch nicht endgültig fest. Vor den Sommerferien und im Herbst wird es aber weitere Veranstaltungen geben.