Mit ihrer Aktion „Wir lassen Flügel wachsen“ schenken Piloten und Pilotinnen in den Lüften über Pattonville Menschen mit Behinderungen einen besonderen Tag.
„Ich hab’ den Fernsehturm, das Stadion und das Riesenrad in Ludwigsburg gesehen“, erzählt Daniel Böckle begeistert, als er auf dem Flugplatz in Pattonville aus der Cessna steigt. Seine Mutter und seine Schwester, die den 30-Jährigen auf seinem Rundflug begleitet haben, lachen. Auch die Pilotin Katja Thaidigsmann stahlt: „Ich freue mich einfach, wenn ich in die glücklichen Gesichter meiner Passagiere schaue.“ Die Passiere sind Menschen mit Beeinträchtigungen – und ihre Begleiter. Auch Daniel Böckle lebt mit Einschränkungen. Er hat das Down-Syndrom.
Zu ihrem Aktionstag „Wir lassen Flügel wachsen“, haben die Piloten und Pilotinnen der Flugbetriebsgemeinschaft Pattonville Angehörige der Lebenshilfe Ludwigsburg, der Lebenshilfe Vaihingen, dem Wünschewagen und den Theo-Lorch-Werkstätten eingeladen. Ihr Ziel: Den Gästen einen unvergesslichen Tag zu bereiten und ihnen das Erlebnis des Fliegens zu ermöglichen. Selbstredend: Die Kosten für die Flugstunden bezahlen die fünf engagierten Pilotinnen und Piloten aus eigener Tasche.
Drei Teammitglieder helfen beim Einstieg ins Flugzeug
Ein Team aus 25 Vereinsmitgliedern – am Platz gibt es sieben Vereine mit 260 aktiven Mitgliedern – kümmern sich darum, dass alles reibungslos und sicher abläuft. Jeweils drei aus dem Team helfen beim Einstieg in die Maschinen. Die meisten der Fluggäste heute sind auf den Rollstuhl angewiesen und können sich nur mit einigen Einschränkungen selbstständig bewegen.
So wie der 23-jährige Tim. Seine Mutter, Manuela Buss, hatte schon befürchtet, dass er während des Fluges einschlafen könnte. Das passiere, wenn es schaukelt, zum Beispiel bei Autofahrten. „Aber Tim ist wach geblieben und hat gelacht“, erzählt sie nach der Landung auf dem Flugfeld. Im vergangenen Jahr hat Tim im Urlaub schon Parasailing ausprobiert, sich also mit einem Gleitschirm hinter einem Boot herziehen lassen. „Wir versuchen, alles mit Tim zusammen zu machen. Auch wenn er nicht laufen und nicht sprechen kann. Er soll trotzdem am Leben teilnehmen“, sagt Manuela Buss. Vor allem dort, wo die Freiheit wenn nicht grenzenlos, so wenigstens spürbar ist.
Die Piloten und Pilotinnen fliegen eine kleine Runde bis zum Schlossgelände Monrepos, dann über Marbach und Affalterbach wieder zurück zum Flugplatz, erläutert Wolfgang Winkler, der stellvertretende Flugbetriebsleiter und Fluglehrer. Dauer: 15 Minuten. Das Wetter sei ideal, die Sicht sehr gut.
30 Personen inklusive Betreuer haben sich angemeldet. Geflogen wird mit unterschiedlichen Maschinen, darunter ein Ultraleichtflugzeug mit 600 Kilogramm Gesamtgewicht, das nur für zwei Personen ausgelegt ist. Bei der Fahrt über die Startbahn macht das kleine Flugzeug ganz schön Lärm, und als es abhebt, wackelt es ein bisschen. „Das sind nur Verwirbelungen in Bodennähe“, beruhigt Winkler. Kann einem bei einem Flug in so einem kleinen Flugzeug leicht schlecht werden? „Nur sehr selten“, sagt er. Viele hätten davor Angst, aber meistens passiere überhaupt nichts.
„Nach zwei, drei Minuten im Flugzeug war er ganz locker.“
Auch Alberto Uras geht es nach seinem Rundflug bestens. Er sitzt jetzt wieder in seinem Rollstuhl und lacht laut. Seine 13-jährige Schwester Giada hat ihn während des Flugs begleitet und erzählt, dass sie genau weiß, wenn Roberto etwas gefällt. „Erst war er ein bisschen aufgeregt. Aber nach zwei, drei Minuten im Flugzeug war er ganz locker und entspannt“, sagt sie. Der Vater der beiden, Francesco Uras, findet die Aktion richtig gut. „Es ist schön, dass Menschen mit Handicap auch mal was anderes erleben können“, findet er: „Sonst werden sie ja oft zurückgelassen.“ Er freut sich, dass sein Sohn diese neue Erfahrung machen konnte. „Ich versuche, als Vater immer möglich zu machen, was möglich ist“, sagt Francesco Uras.
Während die einen noch fliegen, lassen sich andere von den Vereinsmitgliedern durch die Flugzeughalle und den Tower führen und sich die Flugzeuge und den Flugbetrieb erklären. Und Daniel Böckle, dem die Aussicht von oben auf die Erde so gut gefallen hat, plant schon seinen nächsten Flug: „Nach New York, im Sommer. Da fliege ich acht Stunden.“