Der Vulkan an der Außenlinie: der Trainer Diego Simeone treibt Atlético Madrid seit Anfang 2012 an. An diesem Sonntag kommt er mit seinem Team nach Stuttgart. Foto: AP

Atlético Madrid ist ein besonderer Verein mit einem speziellen Trainer. Am Tag des Brustrings kommt es am Sonntag für den VfB Stuttgart zur Begegnung mit dem Team, das vielen als Vorbild dient.

Stuttgart - Es wird ein kurzes Vergnügen: Anflug, Anpfiff, Abpfiff, Abflug. Atlético Madrid reist aus dem Trainingslager in Südtirol an. In Bozen hebt die Chartermaschine ab, 300 Kilometer Luftlinie sind das. Alles um an diesem Sonntag (16.45 Uhr) ein Testspiel beim VfB Stuttgart zu bestreiten und auch eine ordentliche Antrittsgage zu kassieren. Alltag ist das für den spanischen Fußball-Erstligisten, der noch in der vergangenen Woche Begegnungen mit dem FC Arsenal und Paris Saint-Germain absolvierte – in Singapur.

Im Rahmen des Champions Cups war das, einer illustren Runde der europäischen Edelclubs, die ihre Internationalisierung vorantreiben. Und zu ihnen gehört nun eben auch Atlético. Ein Club, der sich als Arbeiterverein aus dem armen Süden der spanischen Hauptstadt versteht – und dessen Fans in La Liga als auf Krawall gebürstete Proleten gelten. Weil sie ihr Heimstadion in einen Hexenkessel verwandeln, und weil sich die Atlético-Anhänger schon immer als den Gegenentwurf zu den verhassten Königlichen aus dem reichen Nordteil der Stadt betrachtet haben.

Mit Diego Simeone kam die Wende

Doch mittlerweile bewegt sich Atlético zumindest sportlich auf einer Ebene mit dem Lokalrivalen Real Madrid. Was viel mit der Rückkehr eines Mannes zu tun hat, den sie nach einem Ex-Kicker nur „El Cholo“ rufen. Diego Simeone übernahm Anfang 2012 das Traineramt bei den „Rojiblancos“ und mit dem Argentinier, der das rot-weiß gestreifte Trikot einst selbst getragen hatte, begann der stolze Aufstieg des ewigen Underdogs.

Zwei Europa-League-Triumphe, ein Pokalsieg, ein Supercuperfolg, eine Meisterschaft – die Titelliste unter Simeone ist beachtlich, aber es gehören auch zwei Champions-League-Endspiele dazu. Beide gingen ausgerechnet gegen Real verloren. Doch Atlético wäre nicht Atlético, wenn das Team aus den Niederlagen 2014 und 2016 nicht neue Stärke gezogen hätte, denn es gehört zu den Überzeugungen Simeones, dass man „mit Charakter mehr gewinnt als mit gutem Fußball“.

Entsprechend lässt der 48-jährige Südamerikaner seine Mannen spielen: aufopferungsvoll, adrenalingetrieben, aber auch taktisch versiert und extrem abwehr- und konterstark. Er pflege einen fast schon destruktiven Ansatz, wird Simeone deshalb oft vorgeworfen. Aber der Meister der Verteidigung schaltet dann auf Angriff und spricht von Werten, die seine Mannschaft verkörpere: Teamgeist, Arbeitseinstellung, Leidenschaft – Fußball ist für den ehemals giftigen Mittelfeldmann Kampf, so wie das ganze Leben ein Kampf ist.

Mit dieser Parabel hat Simeone bei Atlético den Nerv getroffen. Denn wie die Historie belegt, war der Club schon immer für Ausreißer gut – nach oben und unten. Jahrzehntelang geprägt durch den exzentrischen Präsidenten Jesus Gil y Gil, mit Skandalen und Superstars. Zu seiner Ära gehört aber auch der Abstieg 2000, der Tiefpunkt. Der Wiederaufstieg gelang zwei Jahre später, aber erst der 21. Trainer nach der Meisterschaft 1996 mit Radomir Antic als legendärem Coach begründete eine Erfolgsepoche, die allen Finanzproblemen zum Trotz nachhaltig ist.

Es winkt das Champions-League-Finale im eigenen Stadion

Mehrheitlich gehört die Sport-AG noch der Familie Gil, dazu gesellen sich die Großaktionäre Enrique Cerezo (Präsident) und der Chinese Wang Jianlin. Sportlich hat Simeone das Sagen und formte eine Mannschaft, die nicht nur Real Madrid und dem FC Barcelona in der Primera División zu schaffen macht, sondern ebenso international Schrecken verbreitet. Keiner will gegen Atlético spielen – diese rauflustige Truppe, die sich auch ein paar feine Fußballer leistet. Dabei vertraut der Coach seit Längerem auf einen harten Kern an Spielern: der Torhüter Jan Oblak, der Abwehrrecke Diego Godin, die Außenverteidiger Juanfran und Filipe Luis, der Mittelfeldspieler Koke sowie die Angreifer Antoine Griezmann und Diego Costa. Sie haben verinnerlicht, was Simeone predigt: den „Cholismo“, wie die Philosophie in Anlehnung an seinen Spitznamen heißt. Ein Begriff, der es in Spanien sogar mal in die Auswahlliste zum Wort des Jahres gebracht hat.

Doch der klangvollste Name aus dem Kader der Madrilenen wird in Stuttgart wohl fehlen. Simeone hat 21 Spieler berufen. Darunter befindet sich aber nicht der französische Weltmeister Griezmann. Dabei sind jedoch die Neuverpflichtungen Thomas Lemar (AS Monaco), Gelson Martins (Sporting Lissabon) und Rodri (FC Villarreal). Sie müssen allerdings noch zeigen, ob sie als Simeone-Jünger taugen. Schließlich hat der Motivationsguru schon viele Spieler verschlissen und für diese Saison ein klares Ziel vor Augen: das Champions-League-Finale 2019 im Wanda Metropolitano – im neuen Heimstadion soll Atléticos größte Sehnsucht endlich erfüllt werden.

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