Klare Kante, starke Leistung: Der Schweizer Kapitän Granit Xhaka. Foto: imago/Uwe Kraft

Die Schweiz legt gegen die DFB-Elf einen beeindruckenden Auftritt hin und gibt sich mit Blick aufs Achtelfinale betont selbstbewusst – aus guten Gründen.

Wie gut, dass man als Torhüter nicht so viel laufen muss während eines Spiels – das erledigte Yann Sommer dann hinterher, beim Interviewmarathon. Der Schweizer Nationalkeeper war noch gut zu Fuß und blieb standhaft im schmalen langen Gang in der Mixed Zone der Frankfurter Arena. Geduldig, ruhig und freundlich beantwortete Sommer alle Fragen auf seinen verschiedenen Stationen. Seine Kernbotschaft war klar nach dem 1:1 gegen die Deutschen im letzten Gruppenspiel am Sonntagabend.

 

„Wir nehmen sehr, sehr viel Positives mit, ich bin sehr stolz auf die Mannschaft“, sagte der Keeper von Inter Mailand also – und wurde konkret: „Wir sind sehr mutig aufgetreten und haben sehr gut verteidigt.“

Da konnte man nach den Eindrücken des Spiels gegen die Deutschen nicht widersprechen. Vor allem die famose Abwehrleistung wird beim Blick auf die Schweizer haften bleiben von dieser Fußballnacht. Denn das Team um Kapitän Granit Xhaka zeigte im Verbund die hohe Defensivkunst: verteidigen in hohem Tempo, herausstechen nach vorne, wenn es die Situation erfordert (oder zulässt), dann wieder nach hinten abkippen, alle zusammen. Ideal aufs deutsche Spiel eingestellt, stellten die Schweizer alle gefährlichen Räume zu – und handelten im Kollektiv immer vorausschauend.

So standen sie Toni Kroos nicht etwa plump auf den Füßen, das hatten sie nicht nötig. Weil sie wussten, was bei dem übernächsten oder dem dritten Pass, nachdem Kroos an der Kugel war, kommen könnte. Weil es seine taktische Finesse und die Antizipation noch mit gesunder Härte garnierte, taugt der Defensivauftritt des Schweizer Ensembles als Lehrfilm für jeden Fußballlehrer.

Auch Kapitän Xhaka war hinterher angetan von der Leistung seines Teams. Er lobte den „Hunger nach jedem Ball“ – und richtete den Blick dann nach vorne, aufs Achtelfinale in Berlin am Samstag (18 Uhr), für das sich die Schweizer als Gruppenzweiter qualifiziert haben. „Jetzt wollen wir mehr“, sagte Xhaka: „Wir sind auf einem guten Weg, der erste Schritt ist geschafft – jetzt freuen wir uns auf die nächsten Schritte.“

Selbst der späte deutsche Ausgleich am Sonntagabend trübte die Laune der Eidgenossen nicht. Im Gegenteil: Wortführer Xhaka sah nach den Feierlichkeiten der DFB-Elf hinterher sogar noch einen Beweis für das hohe Standing der Schweizer in diesem Turnier. „Der Jubel der Deutschen nach dem Ausgleich sagte alles“, sagte Xhaka trocken. Was er meinte: Sein Team habe „großen Respekt“ verdient – und da feiern eben selbst große Fußballnationen wie Deutschland inzwischen auch mal einen späten Ausgleich gegen die Schweiz fast wie einen Sieg.

Und jetzt? Wollen die Schweizer, die am Montag wieder in ihrem EM-Camp in Stuttgart-Degerloch weilten und trainierten, mehr. „Die Mannschaft“, sagte Xhaka, „hat Mentalität, Wille und Leidenschaft, genau das wollen wir im Achtelfinale natürlich noch einmal zeigen.“

Auch der Bundestrainer Julian Nagelsmann traut dem Gegner vom Sonntag eine Menge zu im weiteren Turnierverlauf. „Das mit dem Geheimfavoriten dichte ich euch jetzt an, dann wird der Rucksack noch etwas schwerer für euch“, sagte Nagelsmann nach der Partie erst mit einem Augenzwinkern, dann betonte er ernsthaft die Stärken der Mannschaft von Trainer Murat Yakin: „Sie haben eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen, hungrigen Spielern. Sie haben Tempo, Körperlichkeit – und den Mut, Fußball zu spielen.“

Yakin zeigte sich von der Einschätzung Nagelsmanns „geschmeichelt“, gab sich dann aber mit dem Rückenwind des starken Auftritts beim 1:1 betont selbstbewusst: „Wir haben gesehen, dass wir jeden Gegner ärgern können, die Art und Weise unseres Spiels macht mich sehr happy“, sagte der Coach: „Die Mannschaft arbeitet gut, der Teamspirit stimmt. Das System und die Strategie funktionieren.“