Justizminister Guido Wolf (CDU) bei der Einweihung der neuen Gebäude der JVA Stammheim. Auch dort wurde das Video-Dolmetschen erprobt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Kommunikation ist ein probates Mittel, um Eskalationen im Keim zu ersticken – gerade hinter Gittern. Doch was ist, wenn es eine Sprachbarriere zwischen Häftlingen und Justizvollzugsbediensteten gibt? Dann hilft im Südwesten bald flächendeckend ein Video-Dolmetscher.

Stuttgart - Immer mehr Häftlinge in baden-württembergischen Gefängnissen sprechen kein Deutsch. Um die Sprachbarriere zwischen diesen Gefangenen und den Angestellten im Justizvollzug in kurzfristigen Fällen zu lösen, sollen Dolmetscher helfen, die über einen Internet-Videochat live zugeschaltet werden. Justizminister Guido Wolf (CDU) weitet das Programm jetzt auf alle 17 Gefängnisse aus. Bis Ende des ersten Quartals sollen die JVAs mit Geräten ausgestattet und die Mitarbeiter geschult sein. Die Kosten für die Online-Dolmetscher, die für ein Unternehmen in Wien arbeiten, belaufen sich voraussichtlich auf 150 000 bis 200 000 Euro pro Jahr.

Minister: Immer mehr psychisch auffällige Gefangene

Zuletzt war das Video-Dolmetschen bereits in neun Justizvollzugsanstalten (JVA) im Südwesten getestet worden. Es hat sich für die Mitarbeiter laut Justizministerium als hilfreich erwiesen. „In den vergangenen beiden Jahren sind die Sprachbarrieren im Justizvollzug weiter gewachsen“, sagte Wolf unserer Zeitung. Das sei bedenklich, weil es immer mehr psychisch auffällige Gefangene, auch aus fremden Kulturkreisen, gebe. Gerade bei ihnen sei man in besonderer Weise darauf angewiesen, kommunizieren zu können – etwa, um Missverständnisse auszuräumen oder in angespannten Situation deeskalierend einzuwirken, so der Minister.

Für solche Fälle ist ein konventioneller Dolmetscher, mit dem erst ein Termin vereinbart werden muss, nicht geeignet. Auch bei sogenannten Zugangsgesprächen – wenn ein Tatverdächtiger oder Krimineller neu in die JVA kommt – kann die neue technische Möglichkeit eingesetzt werden.

Gewerkschaft findet Ausweitung gut

Der Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten (BDSB), Alexander Schmid, begrüßte Wolfs Entscheidung. Das Video-Dolmetschen sei eine tolle Geschichte, sagte er unserer Zeitung: „Dadurch können die Bediensteten viel Feuer vom Herd nehmen, das zum Überkochen der Suppe führen könnte.“

Derzeit sitzen rund 7300 Menschen in Baden-Württemberg im Gefängnis. Knapp die Hälfte von ihnen hat keine deutsche Staatsangehörigkeit.

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