Die Heimat zurücklassen und sich in einem anderen Land ein neues Leben aufbauen? Vier junge Italienerinnen haben sich das getraut. Seit dem ersten August gewöhnen sie sich an den Alltag in Böblinger Kitas. Ihr erster Eindruck: Hier läuft manches anders als in Italien.
Die Liste an Branchen, die mit Fachkräftemangel zu kämpfen haben, ist lang. In die Schlange einreihen müssen sich auch Kindertagesstätten, denen seit Jahren Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Die Stadt Böblingen versucht, mit einem Maßnahmenpaket die Personallücken zu stopfen. Noemie Li Bianchi, Cristina Parla, Elisa Cingolani und Carmen Carfora aus Süditalien sind Teil des Plans. Sie haben ihre Koffer in der Heimat gepackt und werden künftig in den städtischen Kindergärten Geleener Straße, Ostelsheimer Straße, Paul-Gerhardt-Weg und Zeppelinstraße als Erzieherinnen arbeiten.
Die Vermittlung der Fachkräfte an die Stadt lief über das Bildungszentrum des Internationalen Bundes in Vaihingen, welches Kontakte nach Italien hat. In Vaihingen hatten sie ab März einen Sprachkurs besucht und sich eingewöhnt. Trotz der kurzen Zeit in Deutschland sind ihre Sprachkenntnisse gut, die Verständigung mit den Kinder und ihren Kolleginnen funktioniert. Nur das Schwäbische sei eine echte Herausforderung, „da verstehen wir fast gar nichts“, sagen alle lachend.
Keine Helikopter-Erzieher
Jetzt sind Sommerferien, weniger Kinder sind in den Einrichtungen, und der Alltag ist ein wenig ruhiger als sonst. Zuerst dürfen sich die vier gemeinsam in der Geleener Straße eingewöhnen, nach den Ferien werden sie dann in den ihnen zugeteilten Kitas eingesetzt.
Ihr Fazit nach den ersten drei Arbeitswochen: Kitas in Deutschland sind nicht mit denen in Italien zu vergleichen. Dort gehen Kinder erst ab dem dritten Lebensjahr in die Kita, Betreuung davor kostet extra. Der große Außenbereich in den Einrichtungen hat alle positiv überrascht. Im Süden finde das Kitaleben mehr in Innenräumen statt. Auch die feste Struktur und die Selbstständigkeit vieler Kinder ist ihnen direkt aufgefallen. Nicht die Erzieherinnen räumen für die Kinder auf, sondern sie machen es wenn, dann gemeinsam mit ihnen. „Jedes Kind hat seine Tasse und seinen Teller, holt das Geschirr selbstständig und räumt es später auch weg. Hier gibt es keine Helikopter-Erzieher, das finde ich gut“, sagt Li Bianchi.
Böblingen ist keine Zwischenstation
Verstärkung in den Kindertagesstätten kann man im Kreis gut gebrauchen. Während mehr Eltern Betreuungszeit für ihren Nachwuchs brauchen, sind rund ein Fünftel der 248 Vollzeitstellen in Böblingen derzeit nicht besetzt. Die Folge: In zehn der 27 städtischen Kitas gibt es derzeit aufgrund von Personalmangel gekürzte Betreuungszeiten, in weiteren Kitas können Betreuungsplätze erst gar nicht belegt werden. Zusätzlich stehen 250 Kinder auf der Warteliste. Besonders arbeitende Eltern bringt das in große Nöte. Böblingen ist für die jungen Frauen aus Süditalien keine Zwischenstation, sie wollen bleiben und weiterarbeiten. Ihre Heimat, in der gut ausgebildete Fachkräfte nicht immer eine Perspektiv haben, tauschen sie gegen sichere Arbeitsplätze ein. Die Arbeit hier finden sie spannend und abwechslungsreich, besonders wegen der großen Altersspanne von null bis sechs Jahren, die in Kindertagesstätten abgedeckt wird: „Das Schönste an der Arbeit als Erzieherin für mich ist, Kinder über mehrere Jahre zu begleiten und ihre Entwicklung mitzuerleben“, sagt Carfera.
Alle vier haben Erziehungs- und Bildungswissenschaften auf Bachelor- oder Masterniveau mit einem Schwerpunkt auf die Altersgruppe der unter Sechsjährigen absolviert. In Böblingen angekommen sind die drei mittlerweile, am Wochenende nutzen sie den ihrer Meinung nach hervorragenden öffentlichen Nahverkehr und haben sich Esslingen, Tübingen, Nürnberg oder den Bodensee angeschaut. Schwierig war anfangs die Wohnungssuche. Zunächst konnten sie im Gästehaus des Internationalen Bundes in Vaihingen wohnen, nun haben sie Wohnungen in Böblingen gefunden.
Böblingen möchte weiter anwerben
Betreuung, Bildung, Erziehung – so lautet der Förderauftrag nach dem Kinder- und Jugendrecht. Sich daran zu orientieren ist das Ziel jeder Kita. Betreuung und ein angemessener Personalschlüssel müssen stets gesichert sein, die anderen beiden Komponenten können in Zeiten von Personalmangel mehr Kreativität erfordern. Daniela Militzer, Bereichsleiterin der Abteilung Kindertagesbetreuung, gibt ein Beispiel: Einfache Gefallen zu erfüllen, wie ein Bilderbuch mit einem Kind anzuschauen, kann schwierig werden, wenn alle anderen rausmöchten.
Für Böblingen sind die italienischen Fachkräfte auch in kultureller Hinsicht ein Gewinn: „Unsere Kindertagesstätten sind multikulturell. Personal, das mehrere Sprachen spricht und unterschiedliche Erfahrungen mitbringt, ist daher mehr als zeitgemäß“, sagt Militzer.
Sechs bis 18 Monate kann die Anerkennung ihres italienischen Abschlusses dauern. Darüber entscheiden wird das Regierungspräsidium in Stuttgart. Ausschlaggebend sind praktische und theoretische Vorerfahrungen. So lange haben die italienischen Fachkräfte den Status einer Erzieherin im Anerkennungsjahr und werden auch entsprechend bezahlt. Sobald die Anerkennung da ist, sind die italienischen Fachkräfte den deutschen gleichgestellt.
Auch in Zukunft plant Böblingen mit weiteren Fachkräften aus Italien. Pro Jahr sollen künftig etwa zwölf bis 15 Fachkräfte angeworben werden. Beauftragte der Stadt möchten dafür auch persönlich nach Süditalien fahren und Bewerbungsgespräche führen.
Verstärkung aus dem Ausland gibt es auch woanders
Spanien
Seit drei Jahre arbeitet Herrenberg mit Kräften aus Spanien zusammen. Anfang Oktober starten wieder vier neue Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas Seeländer, Alzental, Mahdenstraße und Aischbachstraße. Die Gemeinden Altdorf, Deckenpfronn, Gärtringen und Holzgerlingen werben 2022 zum ersten Mal spanische Fachkräfte an und arbeiten dabei mit dem Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft zusammen. An dem Projekt nehmen sechs junge Erzieherinnen und Erzieher teil.
Sindelfingen
Die Stadt wirbt derzeit nicht aktiv Fachkräfte aus dem Ausland an. Derzeit wird jedoch geprüft, ob ein Anwerbeprogramm künftig durchgeführt werden könnte. Lücken in der Personalstruktur müssen aktuell durch Aushilfskräfte gefüllt werden.