Marion Würth, Pia Hyvärinen und ihre Tochter Joana (v.r.), die auch manchmal mithilft, stehen vor Kisten mit geretteten Lebensmitteln Foto: Tilman Baur

Zwei Frauen aus Stuttgart-Degerloch und Stuttgart-Sillenbuch bewahren jede Woche Lebensmittel in großen Mengen vor der Tonne. Hier erzählen sie, was sie antreibt und warum sie heute anders kochen.

Degerloch/Sillenbuch - Eine Schimmelschicht liegt auf einigen Nektarinen auf der Palette. Andere sehen zum Anbeißen aus. Die Tomaten sind schon ganz wässrig. „Die kann man nicht mehr nehmen“, urteilt Pia Hyvärinen. Die 50-Jährige kniet auf dem Boden vor dem Eingangstor von Ecofit, einem Obst- und Gemüseimporteur im Stuttgarter Osten. Dutzende Paletten mit Obst und Gemüse sind vor ihr aufgestapelt, zusammen mit ihrer Bekannten Marion Würth sortiert sie die Lebensmittel.

Die Vorsitzende des Gemeinschaftsgartens El Palito hat das initiiert

Verdorbenes landet in der Biotonne, Genießbares kommt später ins Auto, um es zu verteilen. Hyvärinen und Würth haben eine Mission: Sie retten Lebensmittel. Mit dem Projekt haben sie sich um den Ehrenamtspreis unserer Zeitung und der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen beworben. Würth ist seit vielen Jahren dabei, Hyvärinen stieß vor drei Jahren dazu. Die Kooperation mit Ecofit hatte der einstige Vorsitzende des alternativen Gemeinschaftsgartens El Palito aus Stuttgart-Degerloch in die Wege geleitet, in dem sich die beiden Frauen engagieren. Jede Woche treten sie mit ihrem Ansprechpartner beim Großhändler in Kontakt, der ihnen sagt, ob es etwas abzuholen gibt. Meist ist das der Fall. Ob Artischocken, Paprika, Maracuja, Äpfel, Bananen oder Bohnen – gerettet wird eine große Bandbreite an Lebensmitteln.

Ecofit versorgt Lieferdienste, Gastronomen und Wochenmärkte mit frischem Obst. „Wir schätzen dabei immer vorab einen Wochenbedarf“, sagt der Mitarbeiter Christian Däubler. Von der Lieferzeit hänge es ab, ob etwas übrig bleibe. Er zeigt eine Nektarine, die etwas schrumpelig ist. „Die kann man nicht mehr verkaufen“, sagt er. Dieses Schicksal ereilt zahlreiche Lebensmittel: Sie sind noch genießbar, aber gelten nicht mehr als handelsfähig. Hier kommen die Lebensmittelretter ins Spiel. Sie übernehmen Aussortiertes und verteilen es in Degerloch und Sillenbuch. Manches geht an Menschen in der direkten Nachbarschaft, anderes landet in den sogenannten Fairteilern, Schuppen, in denen man die Lebensmittel abholen kann. Zwischen 500 und 700 Kilogramm Lebensmittel kommen pro Woche zusammen.

Die Menschen sind zu stark fixiert aufs Mindesthaltbarkeitsdatum

Der Bedarf sei groß. Pia Hyvärinen erzählt von einer siebenköpfigen Familie, in der nur ein Elternteil arbeitet, von einer anderen Familie, deren Vater coronabedingt arbeitslos geworden sei, und von Alleinerziehenden. Marion Würth hat Ähnliches beobachtet. „In Sillenbuch sind die Mieten hoch, es gibt viele arme Leute. Auch viele Flüchtlinge gehören zu den Abnehmern.“ Für die christlich orientierte 62-Jährige ist aber auch das Retten von Lebensmitteln an sich ein Wert, dazu komme, dass man bei der ehrenamtlichen Arbeit nette Leute kennenlerne. Pia Hyvärinen findet, dass das Vertrauen in die eigenen Sinne schwinde, die Menschen zu fixiert aufs Mindesthaltbarkeitsdatum seien. Ihr eigener Umgang mit Lebensmitteln habe sich stark verändert, seit sie gerettete Lebensmittel isst. „Ich habe früher zum Beispiel nie mit Kohlrabi oder Artischocke gekocht“, sagt Hyvärinen. Sie esse gesünder als früher, ihre Kinder seien selten krank. Zudem seien die Kosten gesunken.

Die beiden engagieren sich mit viel Zeit und Kraft. Allein zweieinhalb Stunden sind oft für die Organisation im Vorfeld nötig. Das Ausliefern dauert fünf bis sechs Stunden. Nicht immer werden sie alles los. Im Sommer ist weniger los; dazu kommt der ungünstige Umstand, dass die Sachen bei hohen Temperaturen schneller verderben. Beim Sortieren schauen die Frauen deshalb umso genauer hin. Die Lebensmittelrettung hat noch einen weiteren Vorteil: Weil Ecofit weniger Müll hat, wird Plastik gespart.

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