Landesfinanzminister Danyal Bayaz war als Redner beim jüngsten Netzwerktreffen des BC4D zu Gast. Foto: Hertie-Stiftung/Niejahr

Eine Gruppe von Unternehmen sieht durch Fake News und Hassrede die Demokratie in Gefahr. Sie wollen dem Problem nun dort begegnen, wo man einer Vielzahl an Meinungen ausgesetzt ist: dem Arbeitsplatz.

Endlich vorbei scheint die Zeit, in der Diabetiker in den USA jeden Monat Tausende Dollar für ihr Medikament zahlen müssen: „Wir freuen uns zu verkünden, dass Insulin ab sofort gratis ist“, schreibt das US-amerikanische Pharmaunternehmen Eli Lilly auf Twitter. Tausende erfreute Nutzer kommentieren und teilen den Tweet. Die Aktie des Unternehmens bricht jedoch ins Bodenlose ein. Milliarden US-Dollar verpuffen durch eineinhalb Zeilen. Die Nachricht, die das alles auslöst, ist jedoch gefälscht.

 

Die Geschichte hat sich Mitte November zugetragen. Ein Troll, also ein Provokateur im Internet, hatte das Chaos der Twitter-Übernahme durch Elon Musk genutzt und sich ein Profil erstellt, das dem des Unternehmens aufs Haar glich. Solche Fake News fordern Demokratie und Wirtschaft stark heraus. Durch soziale Medien lassen sie sich im Handumdrehen verfassen und verbreiten sich rasend. Mit dem in Deutschland einzigartigen Projekt Business Council for Democracy (BC4D) wollen Unternehmen dem Problem am Arbeitsplatz begegnen.

In acht Wochen zum Fachmann?

Das Institute for Strategic Dialogue, die Hertie-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung haben den BC4D im Jahr 2020 ins Leben gerufen. In acht Wochen lernen die Mitarbeiter unter anderem, Falschinformationen zu identifizieren und mit Hassrede umzugehen.

„Viele Unternehmen wollen nicht den zwanzigsten Aufruf gegen rechts unterschreiben, sondern tatsächlich etwas tun“, sagt Elisabeth Niejahr, Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung. „Wir wollen die Leute erreichen, die auf dem Zaun sitzen“, sagt Markus Lux, Bereichsleiter Demokratie der Stiftung. Damit sei die unentschiedene Mitte gemeint – Menschen, die nicht rechtsextrem sind, sich aber auch nicht aktiv für Demokratie einsetzen. „Der Arbeitsplatz ist heute eine Art Demokratielabor“, sagt Niejahr. Es gebe nur wenige Orte, an denen man so vielen unterschiedlichen Meinungen ausgesetzt sei. Das mache Firmen zur idealen Lernumgebung.

Trumpf, Bosch, Nokia

Dass großes Interesse an dem Angebot herrscht, hat man bei Trumpf festgestellt. Der Werkzeugmaschinen-Hersteller aus Ditzingen wollte mit einem Kurs in das Projekt starten. Doch das reichte nicht. Parallel wurde ein zweiter Lehrgang gestartet.

„Die Rückmeldungen danach waren zu einem riesigen Teil positiv“, berichtet Sibylle Baumann-Hischer, die bei Trumpf in der Personalentwicklung für das Programm zuständig ist. „85 Prozent der Teilnehmer sagten, dass sie den Kurs weiterempfehlen würden und nun eine Idee haben, wie sie mit den Problemen umgehen können.“

Vor Kurzem endete bei Trumpf der dritte Kurs und damit die Begleitung durch den BC4D. Danach steht den Firmen frei, das Projekt in Eigenregie weiterzuführen. Zudem können zwei bis drei Mitarbeiter zu Beauftragten für digitale Debattenkultur und Demokratie ausgebildet werden. Sie könnten Ansprechpartner für Menschen werden, die privat Hass im Internet erlebt haben, oder ein Leitbild für die interne Kommunikation entwerfen. Trumpf prüft derzeit, ob und wie das möglich ist.

Der Telekommunikationskonzern Nokia ist schon einen Schritt weiter. Das finnische Unternehmen, das auch in Stuttgart einen Sitz hat, lässt derzeit solche „Ambassadors“ ausbilden. Man denke außerdem darüber nach, interne Diskussionsforen aufzubauen, sagt Geschäftsführer Ralf Niederberger. Bewerbungen dafür hat Niederberger mehr als genug bekommen. Vor allem die gesellschaftlichen Veränderungen während der Coronapandemie hätten große Nachfrage zu diesem Thema ausgelöst. Der Krieg in der Ukraine habe hingegen kaum eine Rolle gespielt. „Das liegt vermutlich auch daran, dass sich unser Chef früh von Russland distanziert hat und wir uns aus dem dortigen Markt zurückgezogen haben.“

Rund 100 Mitarbeiter bekundeten allein am ersten angebotenen Kurs Interesse. Das Programm bewertet Niederberger als großen Erfolg, denn: „Jedes Unternehmen wünscht sich mündige Angestellte. Es geht nicht darum, politische Positionen zu vertreten, sondern den Dialog aufrechtzuerhalten.“

Auch die Robert Bosch GmbH befindet sich in den letzten Zügen des Programms. „Das Seminar ist ein echter Selbstläufer geworden“, sagt Fabian Zirwick, der das Projekt betreut. Bosch sucht derzeit Teilnehmer für das Ambassador-Programm. „Das Ziel wäre dabei für mich, dass wir das Seminar intern weiter anbieten können, denn die Nachfrage ist sehr hoch“, sagt Zirwick. Er könne sich vorstellen, dass sich Mitarbeiter aus der internen Kommunikation oder dem Diversitätsteam schulen lassen und in Zukunft den Kurs leiten.

Auch das Netzwerk der teilnehmenden Firmen soll weiter wachsen. Bis zum Sommer 2023 sei das Ziel, dass 100 Firmen am Business Council for Democracy teilnehmen und so die Demokratie stärken, sagt Elisabeth Niejahr von der Hertie-Stiftung.

Firmen und Demokratie

Teilnehmer
Das Institute for Strategic Dialogue, die Hertie-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung starteten den BC4D 2020 mit einer Pilotphase, an der sich sechs Unternehmen beteiligten. Innerhalb von zwei Jahren ist die Zahl der Firmen auf über 60 gewachsen, darunter renommierte Konzerne wie Volkswagen, SAP und Mercedes.

Inhalte
In den Einheiten werden erfundene Meldungen gezeigt, die Teilnehmer müssen diese erkennen und lernen, wie sie verfälscht wurden. Im Anschluss gibt es Zeit für Diskussion, in der Mitarbeiter ihre persönlichen Erfahrungen mit den Problemen untereinander teilen können. Für die Unternehmen sind die jeweils einstündigen Einheiten kostenlos, die Finanzierung übernimmt die Gemeinnützige Hertie-Stiftung (GHS).