Für Geflüchtetenheime gelten in der Coronakrise strenge Schutzverordnungen. Die Bewohner müssen sich isolieren und es gilt ein Besuchsverbot. Foto: /Max Kovalenko

Die Freundeskreise der Asylheime können unter den Bedingungen der Pandemie und der erneuten Verschärfung des Lockdowns nur eingeschränkt für Bewohner da sein.

S-Mitte/-West/ Stammheim -

S-Mitte/-West/ Stammheim - Integration in eine Gesellschaft, die sich zum Schutz vor dem Coronavirus verschlossen hat, so sieht in einem Satz zusammengefasst die Aufgabe für Geflüchtete in der Zeit der Pandemie aus. Sie sollen Deutsch lernen und die deutsche Gesellschaft kennenlernen, aber die Möglichkeiten zur Begegnung mit Deutschen sind in Zeiten der Kontaktbeschränkung rar. Es herrscht Besuchsverbot in Unterkünften und die berechtigte Sorge vor einer Verbreitung des Coronaerregers. Auch die ehrenamtlichen Helfer aus den Freundeskreisen der Heime müssen in der Regel draußen bleiben.

Lernbegleitung gibt es noch

In einigen Heimen in Stuttgart gibt es noch eine Lernbegleitung, bei der sich Lernenende und ehrenamtliche Unterstützer auch von Person zu Person begegnen. „Dabei werden FFP-2-Masken getragen und wir haben ein Lüftungsgerät von der Uni Stuttgart gespendet bekommen“, erzählt Marina Silverii vom Freundeskreis Stuttgart-West.

FFP-2-Masken bieten auch dem Träger anders als herkömmliche Mund- und Nasenbedeckungen einen gewissen Schutz vor Erregern wie dem Coronavirus. Sie sind in der Anschaffung allerdings auch teurer. „Die FFP-2-Masken für die Lernbegleiter haben wir aus dem Freundeskreis gespendet“, erklärt Silverii.

Einige Helfer gehören zur Risikogruppe

Pfarrer Ralf Horndasch vom Freundeskreis Flüchtlinge Weilimdorf schildert die Dilemmata der Geflüchteten und ihrer Helfer in der Coronazeit aus seiner Sicht: Viele Ehrenamtliche gehörten aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe für schwere Verläufe der Krankheit Covid 19. Gleichzeitig lebten Geflüchtete in den Asylheimen eng zusammen. Hereingetragene Erreger könnte sich in den Unterkünften also leicht von Zimmer zu Zimmer ausbreiten. Eine Gefährdung in die eine oder die andere Richtung müsste unbedingt verhindert werden, betont Pfarrer Horndasch. Dennoch gehe die Hilfe für die Geflüchteten unter den Hygiene- und Abstandsregeln zum Infektionsschutz weiter. „Wir halten enge Absprachen mit den Sozialarbeitern in den Heimen. Wenn es einen Bedarf gibt, dann gibt es bei uns jemanden, der unterstützen kann“, sagt er.

Unterstützer helfen bei Umzügen

Als Beispiel nennt Pfarrer Horndasch Helfer, die bei einem Umzug aus einem Heim in eine eigene Wohnung in der Pandemiezeit mitanpacken. Ehrenamtliche aus dem Freundeskreis stünden dann bereit, schildert der Pfarrer. Die meisten sozialen Aktivitäten, bei denen Geflüchtete Einheimischen begegnen und Kontakte knüpfen könnten wie etwa Feste, seien aber derzeit undenkbar, sagt Horndasch. „Das Besuchsverbot schränkt unsere Möglichkeiten stark ein“, sagt er.

Feste fallen aus

Die Evangelische Gesellschaft (eva) sowie die Caritas sind unter anderem in den Stuttgarter Geflüchtetenheimen Träger der Sozialarbeit. Daniel Rau von der eva arbeitet im Sozialdienst in der Unterkunft an der Breitscheidstraße. Er meint, dass die Freundeskreise und ihre Helfer den Bewohnern fehlen würden. Gleichzeitig zeigten die Geflüchteten im zweiten Lockdown eine große Disziplin. „Wir müssen weniger Gespräche über die Regeln führen als im Frühjahr“, meint Rau.

Virus wütet in den Herkunftsländern

Gerald Birkenstock vom Freundeskreis „Stammheim hilft!“ vermutet, dass viele Geflüchtete von Angehörigen hören, wie katastrophal die Pandemie in den Heimatländern wütet. „In vielen Herkunftsländern ist es ja noch viel schlimmer als bei uns“, sagt Birkenstock. Von einer verschärften Stimmung in den mit Besuchsverbot belegten und isolierten Heimen spürt der Sozialarbeiter Rau nichts. „Ich glaube, es geht ihnen derzeit so wie allen anderen. Sie sehnen sich einfach nach Normalität“, sagt er.

Es herrscht Maskenpflicht

Rau beschreibt, dass auf den Fluren und in den gemeinschaftlich genutzten Sanitärräumen oder in der Küche Maskenpflicht herrsche. Wer zu einer Risikogruppe zähle, könne ein Einzelzimmer belegen und müsse sich noch stärker isolieren. Therapien für etwa durch Folter Traumatisierte bei der Psychologischen Beratungsstelle (PBV) gingen ohne Unterbrechung weiter, berichtet Rau.

Auch der Sozialarbeiter bedauert, dass es derzeit an Möglichkeiten der Begegnung zwischen Geflüchteten und Einheimischen fehle. „Wir hatten an der Breitscheidstraße im Begegnungsraum eine Teestunde, die Chai-Zeit. Da konnte sich jeder mit den Geflüchteten treffen. Die war sehr gut besucht und das half den Bewohnern beim Spracherwerb“, erzählt Rau. Zumindest ein Sozialarbeiter arbeite derzeit weiterhin vor Ort in der Unterkunft, berichtet Rau weiter. „Das ist wichtig für das Gefühl haben, dass jemand da ist“, sagt er.

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