Geflüchtete in Stuttgart kochen im Restaurant Red Falafel kann eine Brücke sein

Von Anja Wasserbäch 

Das Red am Killesberg ist mehr als nur ein Restaurant. Hier können Geflüchtete Anschluss und Arbeit finden, indem sie den Gästen von nah und fern Gerichte aus ihrer Heimat anbieten.

Stuttgart - Falafel Stuttgart“ steht an der Tafel. Und allein dieser Name für die Falafelbällchen, eingerollt in dünnes Fladenbrot, sagt schon sehr viel über das Red, das neue Lokal am Killesberg. Hier kommen sie zusammen: Bayan Albarazi, die kopftuchtragende 21-Jährige aus Syrien, und Eileen Karim (22) aufgewachsen in Stuttgart. Sie necken sich, wie das zwei Freundinnen eben so tun. Bayan beschwert sich, dass Eileen nicht auf ihre Whatsapp geantwortet hat. In ihrer Heimat Syrien hat Bayan Physik studiert. Hier in Deutschland möchte sie Zahntechnikerin werden und dann Zahnmedizin studieren. Ihr Deutsch ist schon sehr gut, Eileen versucht derzeit, Arabisch zu lernen.

Eileens Eltern, Isaam A.-Karim und seine Frau Giovanna, haben aus ihrer Pastabar mit der prägnanten roten Außenwand bei der Kunstakademie Stuttgart das Red gemacht. Seit Mitte Januar hat es geöffnet – und es zeigt sich schon nach ein paar Wochen, dass es hier um mehr geht als um Kulinarik. Aber eben auch.

Der Minztee duftet, aus den Boxen kommt arabische Musik. Khaled Alhussein (35) empfiehlt den Nachtisch namens Muhallabia, einen arabischen Pudding mit Vanille und Pistazien. Zwei Studentinnen kommen herein, bestellen Falafel Beirut und Damaskus. Khaled bestreicht die Fladenbrote, packt Falafelbällchen und Auber­ginenmus hinein, rollt die Brote zusammen und verpackt sie in Alufolie.

Khaled ist wie viele der anderen Geflüchteten, die hier arbeiten, aus Syrien. Chefkoch ist Abdulrhman Hussein (45), in seiner Heimatstadt Aleppo hatte er drei Restaurants. „Dann kam der Krieg und alles war kaputt“, sagt er. Seit 2015 ist er in Deutschland, lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Magstadt. Die Falafelgerichte, die er nun im Red kocht, sind ähnlich wie in Syrien, aber das Gemüse in seiner Heimat sei frischer. Irgendwann möchte er sein eigenes Restaurant in Deutschland eröffnen. Was hier anders läuft, lernt er im roten Restaurant am Killesberg.

„Integration funktioniert über die Arbeit“

Das Red ist ein soziales Gastroprojekt, in dem Geflüchtete Arbeit und Anschluss bekommen. Auf der Tafel stehen verschiedene Falafelvariationen, in unregelmäßigen Abständen soll es Essen auch aus Eritrea oder Afghanistan geben, je nachdem, woher die Geflüchteten kommen. Issam A.-Karim, der mit seiner Frau Giovanna auch die Pizzabar schräg gegenüber betreibt, hat aus seinem Pastabistro das Red gemacht. Karim ist im Freundeskreis Killesberg engagiert, der sich um die Geflüchteten an der Roten Wand kümmert. Er macht eine Zeitung und einen Radiosender. Als er an einem Freitagabend auf Sendung war, kamen zwei Frauen zu ihm und erzählten ihm, was für Probleme sie mit ihren Ehemännern hatten. Die Männer hatten keine Arbeit, mischten sich in den Haushalt ein, ihnen fiel die Decke auf den Kopf. Karim sagte, er würde sich etwas einfallen lassen. Und das tat er dann auch.

„Wir müssen einen Weg finden, dass es hier mit den Geflüchteten besser läuft. Und Integration funktioniert über die Arbeit“, sagt Karim. „Es geht mir um Begegnungen, darum, Ängste abzubauen.“ So ist das Red nicht nur Restaurant im eigentlichen Sinne, sondern auch eine Plattform und Begegnungsstätte. Die Gäste sind begeistert. Es sind nicht nur Studenten, sondern auch Nachbarn, die probieren und reden, fragen und lernen. Und die Geflüchteten lernen Deutsch. „Man muss die Sprache leben, nur so funktioniert es“, sagt Karim. Die Geflüchteten, die hier arbeiten, lernen aber noch viel mehr. Es geht um Pünktlichkeit, Organisation, Einkauf, Zuverlässigkeit. Einmal im Monat gibt es Vorträge zu leidigen Themen wie Hygienevorschriften, Lagerlogistik, Markenrecht, Management, Personalwesen und Steuerrecht – eben alles, was in der Gastronomie mindestens genauso wichtig ist wie gutes Essen.

„Egal, was Papa vorhat, wir stehen hinter ihm“, sagt Tochter Eileen, die im Red als Teamleiterin fungiert. Ihr Papa Issam A.-Karim weiß, was es heißt, neu in einem Land zu sein, die Sprache nicht zu können, viele Auflagen und wenig Anschluss zu haben. „Ich war in einer ähnlichen Situation“, erklärt er. Issam A.-Karim kam 1977 aus dem Libanon über Ungarn nach Deutschland. 15 Jahre waren er und seine Familie nur geduldet. „Der Koffer stand immer auf dem Schrank“, erzählt Karim, „wir waren immer auf Stand-by.“

Seine Erfahrungen gibt er heute weiter. „Jeder hat das Recht, seine Zukunft zu gestalten, aber man muss die Menschen darauf vorbereiten“, sagt Karim über seine Motivation. Eine Nachbarin hat sich schon angekündigt, auch mal eine Woche schwäbisch zu kochen. Geschmeckte Integration sozusagen. Kahled Alhussein mag vor allem Spätzle. „Ich arbeite hier, um zu lernen“, sagt der 35-Jährige. Am liebsten würde er sich schon bald mit einem Foodtruck selbstständig machen.

Das gemeinnützige Gastroprojekt Red (Am Weißenhof 1/1, S-Nord) hat Mittwoch bis Montag von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Dienstag ist Ruhetag.

Am 28. April findet im Club Wizemann ein Benefizkonzert mit Mary Summer statt. Der Reinerlös kommt Music For Live e. V., Red und I love Icons zugute.

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