Mehr als Hunderttausend Ukrainer machen sich auf den Weg in die EU – Abertausende von ihnen warten bei Minusgraden an der Grenze. Unser Reporter berichtet aus der Ukraine.
Korczowa - Sie sind gefahren, gelaufen, zum Ende geschlurft. Die ganze Zeit hat Julia Schkarlet Emilia gehalten und getragen. Auf dem Schoß, auf dem Arm, auf den Schultern oben auf dem schweren Rucksack sitzend. 1285 Kilometer weit. Mehr als 65 Stunden lang. Von Sorja im Osten der Ukraine bis nach Korczowa in Polen, das in der Ukraine Krakowez heißt. Seitdem am vergangenen Donnerstag in aller Herrgottsfrühe die Granaten nahe ihrem Haus einschlugen, die wenige Sekunden zuvor russische Artillerie abgefeuert hatten.
Rund 300 000 Ukrainer sind bereits in die EU geflüchtet
„Wir sind in Sicherheit“, weint sie vor dem Feuerwehrhaus von Korczowa – und es ist nicht klar, ob die Tränen vor Freude, Erschöpfung oder Verzweiflung über ihre Wangen laufen. Alles haben die 20-Jährige und ihre 15 Monate alte Tochter erlebt: die Trennung von Mann Michail, der jetzt versucht, mit Kalaschnikow und Molotowcocktails russische Panzer aufzuhalten. Raketeneinschläge, die Fahrt im überfüllten Zug bis nach Lemberg (Lwiw) im Westen des Landes. Die Enge in den Bussen, die Frauen und Kinder an die Grenze brachten.
Und dann noch die endlose Warterei in endloser Schlange bei minus sechs Grad. Für ein paar Minuten etwas Wärme an den Flammen, die in Ölfässern zucken. Fast anderthalb Tage haben Julia und Emilia so ausgeharrt, jede Stunde ein paar Dutzend Trippelschritte in Richtung Frieden, nach Polen.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben nach Angaben aus Warschau mehr als 156 000 Menschen aus der Ukraine die Grenze zu Polen überquert. Nach Angaben nach von EU-Innenkommissarin Ylva Johansson sind bisher insgesamt rund 300 000 Ukrainer in die EU gekommen. Sie gehe jedoch davon aus, dass sich die EU auf Millionen vorbereiten müsse.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Putin droht mit dem Einsatz von „Abschreckungswaffen“
„Mir wird das Herz schwer, wenn ich all die Frauen sehe, die mit ihren kleinen Kindern kommen. Ohne Männer, ohne Väter, die sich jetzt mit selbst gebauten Waffen den Angreifern entgegenwerfen“, sagt Vladislav Leonov. Der 24-jährige Pole ist das erste Gesicht, dass die Geflüchteten sehen, die mit Bussen von der Grenze zum Feuerwehrhaus in Korczowa gefahren werden.
Polnische Zivilisten, Polizisten und Soldaten errichteten Anlaufstellen: in Feuerwehrhäusern, Kirchen und auf dem freien Feld. Dort gibt es heißen Tee und Kaffee, eine warme Mahlzeit und ein Bett, um zu ersten Mal seit zwei, drei Tagen die Augen zu schließen. Panzer, Jagdbomber, Hubschrauber, Feuer hinter sich zu lassen.
In Freiburg wurden 167 Kinder aus Kiew aufgenommen
In Berlin wurden bis zum Samstagabend rund 120 Flüchtlinge aufgenommen. Baden-Württemberg stellt seine vier Landeserstaufnahmeeinrichtungen zur Verfügung: in Ellwangen, Karlsruhe, Freiburg und Sigmaringen sowie das Ankunftszentrum in Heidelberg. 167 Heimkinder aus der Nähe von Kiew und 30 Betreuer sind auf Initiative der evangelischen Stadtmission bereits in Freiburg untergekommen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Kanzler Scholz macht einen historischen Schritt
In der Ukraine warten weiterhin Abertausende. Frauen und Kinder zumeist, wenige alte Menschen. Viele ziehen einen Koffer hinter sich, schultern große Rucksäcke, in die sie ihr bisheriges Leben gepackt haben. Kilometerlang Stoßstange an Stoßstange: 30 400 Meter sind es von Korczowa aus. Dorthin werden es Julias Eltern nicht schaffen. „Mein Vater ist krank, er kann nicht fliehen. Da ist meine Mutter bei ihm geblieben“, erzählt sie. Sie wählt die Nummer ihrer Eltern: „Mama, wir sind in Sicherheit.“ Tränen laufen über Julias Gesicht. Emilia umklammert ihren Teddy, winkt einem Polizisten zu und strahlt übers ganze Gesicht.