Ende 2021 wurden die Kernkraftwerke Brokdorf, Gundremmingen und Grohnde abgeschaltet. Bis sie zurückgebaut sind, wird es aber noch dauern. Foto: dpa//Julian Stratenschulte

Vor wenigen Wochen sind mehrere Atomkraftwerke vom Netz gegangen, Ende des Jahres werden die letzten Meiler abgeschaltet. Doch es werde sehr lange dauern, bis die Folgen der bisherigen Nutzung beseitigt sind, sagt Inge Paulini vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Stuttgart - 2011 hat die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen – nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima, Japan. Heute sind in Deutschland nur noch drei Atomkraftwerke am Netz: Isar 2 in Bayern, das Kernkraftwerk im Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 im Südwesten. Die Folgen der Nutzung der Kernenergie aber werden noch lange ein Risiko darstellen, sagt Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz.

 

Frau Paulini, in Deutschland werden in wenigen Monaten die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet. Hat der Strahlenschutz damit dann ausgedient?

Die Überwachung der Emissionen durch die Betreiber und deren Kontrolle durch das Bundesamt für Strahlenschutz werden erst einmal wie gehabt weitergehen – auch, wenn die Atomkraftwerke außer Betrieb gegangen sind. Bis die Meiler ganz zurückgebaut sind, kann es potenziell noch schädliche Emissionen geben. Das Abschalten alleine ist also noch kein Endpunkt.

In Nachbarländern werden weiter Atomkraftwerke betrieben, außerdem bleibt der radioaktive Müll hiesiger Meiler, der zwischengelagert werden muss. Wie groß ist die atomare Bedrohung nach dem Abschalten der Kernkraftwerke in Deutschland?

Obwohl Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, sind wir insbesondere angesichts der Kernkraftwerke in den Nachbarländern nicht ohne Unfallrisiko oder Bedrohungspotenzial: In der Schweiz sind derzeit noch Atomkraftwerke in Betrieb, Frankreich wird weiter an der Kernkraft festhalten , und Polen plant sogar neue Kraftwerk e. Die Strahlung macht ja an den Grenzen nicht Halt. Deswegen müssen wir auf mögliche Unfälle bestmöglich vorbereitet sein. In Deutschland sind wir hier gut aufgestellt.

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Wie gefährlich sind denn die Zwischenlager im schlimmsten Fall? Ist das in jedem Fall geringer als bei einem Kernkraftwerk in Betrieb?

Solange die Brennelemente noch nicht in einem Endlager untergebracht sind, gibt es weiterhin Risiken. Dazu gehören nicht nur mögliche Betriebsunfälle in Zwischenlagern, sondern auch Transportunfälle. Aber man kann keine absolute Aussage treffen, was gefährlicher ist. Es kommt eben immer auf das Unfallgeschehen an, und wie viele radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen.

Dann gehen wir einmal vom schlimmsten Fall aus. Ist dann ein Unfall in einem Zwischenlager immer noch geringer als in einem laufenden AKW? Oder ändert sich mit der Abschaltung der AKWs zunächst einmal gar nichts am Gefahrenpotenzial?

Um die Risiken zu vermindern, steigt Deutschland ja aus der Kernkraft aus. Neben grenznahen Atomkraftwerken haben wir hier die Brennelemente und die Endlagersuche, um die wir uns kümmern müssen. Es gibt also auch weiterhin Risiken, auch wenn diese nicht mehr so groß sind. Aber mit jedem abgeschalteten Kernkraftwerk in Deutschland oder anderswo reduzieren wir das Risiko. Ja, die Lage wird besser. Ja, es ist richtig, aus dieser Energieform auszusteigen. Aber es dauert eben noch sehr lange, bis wir die Folgen der bisherigen Nutzung beseitigt haben.

Was geschieht denn im Falle eines Unfalls – etwa in einem Zwischenlager oder in einem alten Akw?

Wenn die Gefahr besteht, dass radioaktive Stoffe in größerem Maße freigesetzt werden, tritt das Radiologische Lagezentrum des Bundes unter Leitung des Bundesumweltministeriums zusammen. Dort wird in Abstimmung mit den zuständigen Länderbehörden die Lage bewertet und über mögliche Schutzmaßnahmen entschieden. Das BfS ist innerhalb dieses Lagezentrums für die Messungen und die Lagebewertung zuständig. Unser Lagebild gibt einen Überblick über die Situation, die Belastung, die Messwerte und die Prognosen. Also etwa: Was wissen wir darüber, wohin sich die Luftmassen bewegen werden. Davon kann abgeleitet werden, welche Menschen potenziell betroffen sein werden – und davon wiederum wird dann abgeleitet, welche Maßnahmen in welcher Entfernung die richtigen sind.

Wie könnten die Menschen dann vor gesundheitlichen Schäden geschützt werden?

Die Katastrophenschutzbehörden entscheiden je nach Lage, welche Maßnahmen ergriffen werden und für welche Bevölkerungsgruppen sie gelten. Das könnte sein, dass man die Bevölkerung bittet, Fenster und Türen geschlossen zu halten und drinnen zu bleiben. Wenn das nicht reicht, kann es Evakuierungen geben. Eine wichtige Maßnahme kann zum Beispiel auch die Ausgabe von Jodtabletten sein. Bei atomaren Unfällen kann radioaktives Jod austreten, sich an der Schilddrüse ablagern und diese dann schädigen. Um das zu verhindern, kann man Tabletten mit nicht-radioaktivem Jod einnehmen – und dieses nicht-radioaktive Jod verdrängt dann sozusagen das radioaktive Jod und schützt so die Schilddrüse.

Wie haben sich solche Notfallpläne durch die Ereignisse von Tschernobyl und Fukushima verändert?

Vor Tschernobyl gab es gar keine zentrale Anlaufstelle für solche Ereignisse in Deutschland – erst danach wurde das Bundesamt für Strahlenschutz eingerichtet. Auch wurden Regelungen zum Notfallschutz aufgestellt, die nach Fukushima noch einmal gründlich überarbeitet, wurden. Dazu gehörte auch die Einrichtung des Radiologischen Lagezentrums. Außerdem sind weitere Notfallszenarien untersucht worden. Wir machen immer wieder gezielt Übungen, um verschiedene Szenarien zu üben – mit Bundesländern zum Beispiel oder auch grenzübergreifend, etwa mit der Schweiz.

Tschernobyl, glaubte man, sei auch weit weg. Wie weit nach Osten muss man denn schauen, wenn es um potenzielle Risiken geht?

Das hängt wieder von der Art des Unfalls und der Freisetzung ab. Wir betrachten in den Szenarien auch sehr weit entfernte Kraftwerke, wenn diese für uns relevant werden könnten.

Gibt es besonders gefährliche AKWs in Ausland?

Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Wir haben in Fukushima gesehen, dass auch hoch entwickelte Industrieländer mit besonders hohen Sicherheitsregeln nicht sicher sind. Wir haben gelernt, dass man nicht nur alleine auf das Kernkraftwerk schauen darf, sondern auf begleitende Ereignisse, wie Erdbeben oder einen Tsunami. Erst dann kommt man zu einer realistischen Risikoeinschätzung.

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Welche Folgen von vergangenen Unglücken sind heute noch spürbar?

Wir hatten nach Tschernobyl Niederschläge in diversen deutschen Regionen. Eine spürbare Folge ist noch heute, dass wir Cäsium-137-Ablagerungen in Waldgebieten haben, besonders im bayerischen Wald und südlich der Donau. Dieses Cäsium gerät in Pilze oder auch in Wildschweine – und wenn wir Wildpilze oder dieses Fleisch verzehren, nehmen wir tatsächlich erhöhte Dosen an Radioaktivität auf. Die Halbwertszeit von Cäsium liegt bei ungefähr 30 Jahren – das heißt, knapp die Hälfte des damals abgelagerten Cäsiums ist also noch vorhanden. Das wird uns also noch eine Weile begleiten.

Wie nachhaltig kann Atomkraft sein bei all diesen Risiken?

Wir bedauern, dass die EU-Kommission an der Einstufung von Kernenergie als nachhaltig festhält. Nachhaltigkeit bedeutet ja, dass man den gesamten Lebensweg betrachtet, in diesem Fall also vom Uranabbau bis zum Endlager. Die EU-Kommission hat zudem die Gefahr größerer Störfälle nicht ausreichend betrachtet. Es geht um Strahlenschäden, aber auch um psychosoziale Schäden wie Traumata der Menschen oder um ökonomische Folgen. Ein Reaktorunglück kann ganz erhebliche und auch langfristige Auswirkungen haben – das hat man in Fukushima gesehen. Bei Kernenergie handelt es sich daher aus unserer Sicht nicht um eine nachhaltige Energieform.

Zur Person: Ernährungswissenschaftlerin und Toxologin

Leben
Inge Paulini wurde 1960 in Siebenbürgen, Rumänien, geboren. Studium der Oecotrophologie an der Universität Bonn und Master im Fachbereich Ernährung an der Washington State University. Promotion am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosolforschung und der Universität Hannover.

Karriere
Paulini arbeitete zunächst im Umweltbundesamt Berlin/Dessau, ab 2009 war sie Generalsekretärin des Wissenschaftliches Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Seit 2017 ist sie Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz.