Bei sexualisierter Gewalt an Frauen im Nachtleben spielen oft Rauschmittel eine Rolle. Wo liegt das Problem? Foto: IMAGO/Zoonar

Regelmäßig werden neue Missbrauchsvorwürfe in der Techno- und Clubszene laut. Experten warnen: Die größte Gefahr für Frauen sind oft nicht K.O.-Tropfen, sondern eine legale Substanz.

In der Techno-Szene rumort es seit einigen Monaten. In erschreckender Regelmäßigkeit geraten Vorfälle von sexualisierter Gewalt durch DJs verschiedenster Technosparten ans Tageslicht. Ein Nebenschauplatz: Drogenmissbrauch. In nicht wenigen Fällen sollen Drogen zum gefügig machen genutzt worden sein. Haben sexualisierte Gewalttaten unter Rauschmitteleinfluss zugenommen? Feiert Spiking ein Comeback? Wie gefährlich ist es für Frauen, feiern zu gehen?

 

„Uns liegen keine auswertbaren Zahlen zu sexualisierter Gewalt unter Rauschmitteleinfluss vor“, heißt es von Kara Starke von der Pressestelle der Polizei. Seitens des Fachdezernats der Kriminalpolizei sei aber keine Tendenz im Hinblick auf eine Verschärfung der Problematik zu erkennen. Der Sammelbegriff Rauschmittel ist an der Stelle bewusst offen gewählt worden, da der Fokus hier nicht auf K.O.-Tropfen liegt, sondern auf legalen und illegalen Drogen, die im Nachtleben-Kontext bewusst oder unbewusst eingenommen werden.

Die Illusion der Sicherheit: K.O.-Mittel statt K.O.-Tropfen

Warum? „Unter dem Begriff K.O.-Tropfen verstehen die meisten GBL und GHB. Meistens werden jedoch andere Substanzen dazu verwendet, jemanden auszuknocken – klassische K.O.-Tropfen sind gar nicht das größte Problem, wenn es um sexualisierte Gewalt unter dem Einfluss von Drogen geht“, erklärt Robin Seitter von Take Stuttgart. „Der Begriff ‚K.O.-Mittel‘ ist daher treffender, wenn man über Substanzen im größeren Kontext sprechen möchte, mit denen andere Menschen betäubt und/oder sediert werden.“ Als solches K.O.-Mittel kann den Tätern dabei alles dienen: von Alkohol über Ecstasy/MDMA bis hin zur neuen Volksdroge Kokain. „Was am häufigsten benutzt wird, ist Alkohol. Und auch Diazepine oder Schlafmittel.“

Statistik des Schreckens: Die Rolle von Alkohol und Kokain

Gestützt werden Seitters Informationen von der Global Drug Survey. In der 2019 veröffentlichten Umfrage, an der über 120.000 Menschen aus der ganzen Welt teilgenommen haben und von denen sich mehr als 2.300 Personen speziell zur Frage geäußert haben, unter welchem Drogeneinfluss sie standen, als sie sexuell belästigt wurden, antworteten 87,8 Prozent „Alkohol“, 35,5 Prozent „Alkohol und weitere Drogen“, 24 Prozent „Cannabis“, 13,5 Prozent „Ecstasy (MDMA)“, 10,1 Prozent „Kokain“, drei Prozent Ketamin und nur zwei Prozent „GBL/GHB“. Vom Konsum einfach zu beschaffender legaler und illegaler Partydrogen geht also die größte Gefahr aus, nicht von K.O.-Tropfen, die auf dem Schwarzmarkt besorgt werden müssen. „Es passiert oft, dass Getränken Alkohol extra zugemischt oder extra eine ‚extra starke Mische‘ gemacht wird, sodass dann mehr Alkohol zu sich genommen wird, als angenommen“, erklärt der Experte von Take Stuttgart.

Doch nicht selten ist der Konsum auch bewusst: „Sehr oft passiert es, dass die Substanz, zum Beispiel Alkohol, willentlich genommen wurde und daraufhin dann eine Übergriffigkeit passiert“, sagt Seitter. Diesen Umstand muss man sich bewusst machen in der Debatte um potenzielle Gefahren. „Der gemeinsame Konsum von Rauschmitteln (legale wie Alkohol aber auch illegale Rauschmittel) kann mit einer damit verbundenen Enthemmung (insbesondere auf Täterseite), aber auch verminderten Widerstandsfähigkeit (Opferseite) einhergehen“, warnt Polizeisprecherin Starke.

Das Paradoxon der Schuldfähigkeit: Wenn Rausch vor Strafe schützt

Daraus ergibt sich aus polizeilicher Sicht eine Schwierigkeit, wenn’s um weitere Ermittlungen geht: „Die Wahrnehmungen der Geschädigten und der Täter sind oft aufgrund der Rauschmittel verzerrt und haben nur einen eingeschränkten Beweiswert.“ Und auch strafrechtlich sind solche Fälle sexualisierter Gewalt, in denen sich eine oder beide Parteien vorab bewusst berauscht haben, nicht einfach zu verfolgen: „Im weiteren Verlauf kann sich eine sehr starke Alkoholisierung und/oder der Konsum von Rauschmitteln beim Täter auf das Strafmaß beziehungsweise die Schuldfähigkeit auswirken.“

Auch Kokain spielt eine kleinere Rolle bei sexuellen Übergriffen als Alkohol. Foto: IMAGO/Future Image/Christoph Hardt via www.imago-images.de

Robin Seitter zeigt sich ob dieser Tatsache empört. „Es kann nicht sein, dass Leute sich absichtlich unter Drogen setzen und danach als strafunmündig gelten. Auf diese Art unterstützt unsere Gesetzgebung dieses übergriffige Verhalten ja sogar.“ Doch Empörung über das Strafrecht hilft in der praktischen Umsetzung erst mal wenig. Was kann man hier und jetzt tun, um des Problems sexualisierter Gewalt unter Einfluss von Rauschmitteln Herr zu werden? „Wir müssen akzeptieren, dass auch Alkohol eine psychoaktive Substanz ist, um zu verfestigen, dass er eine Gefahr darstellt“, sagt Seitter.

„Und man sollte sensibilisiert dafür sein, dass die meisten Täter aus dem Bekanntenkreis kommen“, fügt er hinzu. Tatverdächtige sexualisierter Gewalt an Frauen stammen zu 40,3 Prozent aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, 29,6 Prozent sind Partner und Ex-Partner, zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025. Beide Fakten zusammengenommen geht statistisch also die größte Gefahr von bekannten Männern aus, mit denen man zur Party oder Afterhour geht, wo Rauschmittel konsumiert werden. „Das im Hinterkopf zu haben und ist der erste Schritt.“

‚Becherkondome‘, mit denen das Glas vor Spiking geschützt wird und Teststreifen, die auf K.O.-Tropfen reagieren, mögen im Einzelfall nützlich sein, verfehlen aber weitestgehend ihren Zweck, wenn man die meistgenutzten Rauschmittel sowie den Täterkreis bedenkt. „Natürlich erschwert das ‚Becherkondom‘ die Manipulation des Getränks und es kann ein Gefühl von Kontrolle geben, aber es verschiebt die Verantwortung in die falsche Richtung. Und selbst, wenn jetzt alle ein ‚Becherkondom‘ nutzen würden, überlegen sich Täter andere Strategien, um Frauen zu spiken“, sagt Seitter. Bei Teststreifen ist das Problem, dass sie nur auf bestimmte Stoffe reagieren und so bei negativem Ergebnis unter Umständen falsche Sicherheit vermitteln.

Langfristig plädiert der Experte von Take Stuttgart für eine gesamtgesellschaftliche Änderung. „Räume für Übergriffe müssen weniger werden. Es muss einen gesellschaftlichen Konsens darüber geben, dass übergriffiges Verhalten nicht in Ordnung ist.“ Und dabei nimmt er vor allem die Männer in die Pflicht. „Es reicht nicht, als Mann keiner ‚von denen‘ zu sein. Man muss aktiv werden, einschreiten, aufklären. Wir müssen daran arbeiten, dass Frauen keine Angst mehr vor Männern haben müssen“, betont er.

Hilfe & Beratung für Opfer sexualisierter Gewalt

Wenn Sie sexualisierte Gewalt erfahren haben oder Zeuge eines Vorfalls geworden sind, stehen Ihnen spezialisierte Beratungsstellen zur Seite – anonym, kostenlos und auf Wunsch ohne Einbeziehung der Polizei.

Wichtige Anlaufstellen:

  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

Unter der Nummer 116 016 erhalten Sie rund um die Uhr Unterstützung in 18 Sprachen. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.

  • Hilfetelefon Missbrauch

Anlaufstelle bei sexualisierter Gewalt (auch für männliche Betroffene und Angehörige) unter 0800 22 55 530.

  • Medizinische Soforthilfe & vertrauliche Spurensicherung

Viele Kliniken wie das Klinikum Stuttgart bieten eine Untersuchung an, bei der Beweise gesichert werden, ohne dass Sie sofort Anzeige erstatten müssen. Sie gewinnen dadurch Zeit für eine Entscheidung.

  • Lokale Beratungsstellen

Lokale Organisationen wie Wildwasser Stuttgart e.V. oder das Frauenberatungs- und Therapiezentrum Stuttgart e.V. bieten persönliche Gespräche an.

Take Stuttgart
Take ist ein Angebot von Release Stuttgart e.V.. Das Projekt Take Stuttgart setzt sich für ein diskriminierungsfreies und sicheres Nachtleben ein. Als Schnittstelle zwischen Prävention und Clubkultur schult die Initiative Clubbetreiber sowie Personal darin, sexualisierte Gewalt und den Missbrauch von Substanzen (wie K.-o.-Tropfen) frühzeitig zu erkennen. Neben der Sensibilisierung bietet das Team direkte Hilfe für Betroffene von Übergriffen und arbeitet eng mit der Stadt zusammen, um verbindliche Awareness-Standards in der Stuttgarter Szene zu etablieren.