K.O.-Mittel sind unscheinbar, haben aber verheerende Wirkung. Foto: Christian Thiele

Spezielle Armbänder, Nagellacke oder Teststreifen sollen K.O.-Tropfen in Getränken nachweisen. Kaya Fohmann vom Weissen Ring in Böblingen rät davon ab.

K.O.-Mittel sind meist unscheinbar, geruchlos und geschmacklos, dafür aber hochgefährlich. Denn nicht selten steht hinter dem Betäuben einer Person die Absicht, diese auszurauben oder gar zu vergewaltigen. Mädchen und Frauen sind besonders gefährdet, K.O.-Tropfen, Medikamente oder Drogen verabreicht zu bekommen. Sie sind die häufigsten Opfer solcher Taten.

 

Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor dieser Art von Straftaten. Weder in Clubs oder auf Privat-Partys, wenn Frauen zum Beispiel die berüchtigten K.O.-Tropfen heimlich ins Getränk gemischt werden, noch zuhause, wo Frauen perfiderweise von ihren eigenen Partnern und Ehemännern sediert und dann Opfer schwerster sexualisierter Gewalt werden. Nicht selten werden die Taten auch gefilmt und zur Belustigung anderer männlicher User ins Netz gestellt.

Gefahr durch K.O.-Tropfen kann auch zuhause lauern

Die Polizei klärt seit vielen Jahren über die Gefahren von K.O.-Tropfen auf. Ilona Gerstung, Polizeibeamtin im Referat Prävention, erklärte auf der Fachtagung des Aktionsbündnisses „Kein Raum für Missbrauch“ vergangene Woche in Sindelfingen: „Viele Menschen denken zuerst immer an Bars, wo Unbekannte Frauen K.O.-Mittel in die Drinks schütten. Das ist aber nur eine Möglichkeit, Opfer zu werden. Leider findet das Betäuben und Vergewaltigen genauso häufig durch Personen aus dem sozialen Nahraum statt.“ Genau deshalb sei es so wichtig, Menschen zu warnen: „Es kann jeden treffen und überall passieren.“

Ilona Gerstung, Polizeibeamtin aus dem Referat Prävention im Polizeipräsidium Ludwigsburg Foto: Stefanie Schlecht

Die Polizistin rät daher: „Wenn Sie zum Feiern unterwegs sind, bestellen sie Ihre Getränke selbst und nehmen Sie sie selbst entgegen. Lassen Sie Ihre Drinks nicht unbeaufsichtigt und nehmen Sie von Fremden keine Getränke an. Ganz wichtig ist auch, achten Sie aufeinander.“ Wer bei sich oder einer Freundin Übelkeit, Schläfrigkeit, Benommenheit oder Schwindel wahrnimmt – erst recht, wenn zuvor kein oder nur wenig Alkohol konsumiert wurde – sollte Hilfe holen. „Es ist ratsam, wenn man sich in einer Lokalität befindet, das Personal zu benachrichtigen und schnell ärztliche Hilfe zu holen“, sagt Ilona Gerstung.

Der Einsatz von K.O.-Mitteln ist potenziell lebensgefährlich

Substanzen wie Gammahydroxybuttersäure, kurz GBH, die besonders häufig als sogenanntes K.O.-Mittel eingesetzt werden, wirken nach zehn bis 20 Minuten. Sedierte Frauen fallen meist mehrere Stunden in einen willen- beziehungsweise bewusstlosen Zustand. „Wenn Sie aus dieser Bewusstlosigkeit aufwachen, haben sie meistens keine Erinnerungen mehr“, betont Gerstung. Der Toxikologe Hannes Pleyer weist deutlich auf die Gefahr hin, durch Überdosen, Mischkonsum oder Wechselwirkungen ins Koma zu fallen oder eine tödliche Atemlähmung zu erleiden. Durch den Einsatz unter anderem von GBH ist es bereits zu mehreren Todesfällen in Baden-Württemberg gekommen.

In Social Media werden Armbänder, spezielle Nagellacke oder Teststreifen beworben, die K.O.-Tropfen in Getränken nachweisen sollen. Kaya Fohmann von der Opferschutzorganisation Weisser Ring in Böblingen, rät vom Einsatz dieser Produkte ab: „Solche Tests testen nur auf eine Substanz. Es gibt aber rund 200 Stoffe, die unter den Sammelbegriff fallen. Dazu gehören auch ganz gewöhnliche Medikamente.“ Kaya Fohmann unterstreicht: „Diese Produkte funktionieren nicht zuverlässig und sie wiegen Frauen in falscher Sicherheit.“

Gynäkologien helfen bei der Spurensicherung nach einer Vergewaltigung

Vielen Menschen unbekannt ist das seit zwölf Jahren bestehende Angebot von Polizei und Kliniken, vertraulich Spuren sichern zu lassen, ohne dass daraus zwingend eine Anzeige bei der Polizei folgen muss. „Viele Frauen verspüren einen Druck, schnell Anzeige zu erstatten. Um diese Situation abzumildern, gibt es die Möglichkeit, die Spuren nehmen zu lassen. Wir bewahren diese ein Jahr lang auf und können, sollten Betroffene sich für eine Anzeige entscheiden, sie zurückholen. Wird das nicht getan, werden die Spuren vernichtet“, erklärt die Kripobeamtin Ivette Saile. Im Kreis Böblingen ist dies in den Gynäkologischen Abteilungen in Böblingen, Leonberg und Herrenberg möglich.

Saskia Fletschinger, Leiterin der Weisse Ring-Außenstelle in Böblingen, Foto: Stefanie Schlecht

Nach solchen Taten benötigen viele Betroffene Unterstützung. Der Weisse Ring hilft Geschädigten auf verschiedenen Ebenen. „Wir helfen ganz individuell, leisten Beistand, hören zu und zeigen Auswege. Wir begleiten zu Gerichtsverhandlungen und Behörden, unterstützen mit Hilfeschecks für eine anwaltliche und psychotraumatologische Erstberatung oder vermitteln Kontakte zu Anlaufstellen, Rechtsanwälten oder Psychologen“, erklärt Saskia Fletschinger, Leiterin der Außenstelle des Weissen Rings in Böblingen. Und der Weisse Ring tut noch etwas, was vielen Betroffenen von Umfeld und Gesellschaft verwehrt wird: „Wir schenken den Opfern Glauben.“

Was tun im Falle eines Falles?

Bei sexualisierter Gewalt
In Fällen von sexualisierten Übergriffen stehen in Baden-Württemberg in Stuttgart, Freiburg, Ulm und Heidelberg spezialisierte Gewaltambulanzen zur Verfügung. Dort können Experten und Expertinnen Spuren eines Gewaltverbrechens sichern und gerichtsfest dokumentieren.

Ansprechpartner
Die Beratungsstelle Thamar in Böblingen ist erreichbar unter Telefon 0 70 31 / 22 20 66 oder per Email unter beratungsstelle@thamar.de. Der Weisse Ring hat die Telefonnummer 0175 / 6 11 41 90 und die E-mail boeblingen@mail.weisser-ring.de