Bald auch in Deutschland zugelassen: E-Scooter. Foto: APA

Bald düsen E-Roller über Fußwege und Straßen. Auf schlimme Unfälle und Müll werden wir nicht lange warten, meint unsere Kolumnistin Katja Bauer.

Berlin - In San Francisco nahm der Trend seinen Anfang, in Kopenhagen und anderen europäischen Großstädten gehören sie längst zum Stadtbild: E-Scooter, auf denen Menschen durch die Straßen fahren. Anschieben, aufsteigen, und los geht’s – vorbei am Stau, an den Radfahrern, den Fußgängern sowieso. Das sieht kinderleicht aus und ist supermodern. Vor allem aber könnten die Elektrokleinstfahrzeuge helfen, den Verkehr zu verändern. Sie sind eine Chance. In wachsenden Städten, die in jeder Hinsicht unter der Last des Verkehrs ächzen, deren U-Bahnen überfüllt sind und deren Busse vor lauter Autos nicht vorankommen, könnte der E-Scooter Pendlern helfen, die „letzte Meile“ zu überbrücken – den Weg vom Zuhause zum Bus oder vom Bahnhof zum Büro –, und so zum Umstieg auf die Öffentlichen verlocken.

Klingt alles super. Nur könnte die schöne Idee mit Vollgas auf der Nase landen. Denn keiner kümmert sich um die Risiken. Der Verleih von E-Scootern ist ein Riesengeschäft, mehrere Anbieter warten darauf, dass der deutsche Gesetzgeber die Geräte im Frühjahr zulässt. Millionen lukrativer Leihminuten können hier neu generiert werden. Aber genau wie schon bei den Leihrädern ist vor allem die touristisch belebte Innenstadt interessant. Die fürs Pendlerthema relevanten Außenbezirke könnten also unterversorgt bleiben. Im Zentrum dagegen wird das Mehrangebot mit ziemlicher Sicherheit zu drei Problemen führen: Genau wie jetzt schon die Leihräder werden zusätzlich die Roller an allen Ecken herumstehen, demoliert werden und die Stadt verschandeln. Das ist noch das Geringste. Im Verkehr wird es wahrscheinlich nicht zuerst zu einer Entspannung kommen, sondern zu – gefährlicher – Konkurrenz um Verkehrswege. Der Entwurf von Verkehrsminister Andreas Scheuer sieht vor, dass die schnelleren Scooter auf Radwegen und Straßen fahren dürfen – sie erreichen 20 Kilometer pro Stunde. Die langsameren Modelle dürfen auf den Gehweg, sie können bis zu 12 Kilometer pro Stunde schnell sein. Auf eine Helmpflicht wird dabei genauso verzichtet wie auf eine Fahrerlaubnis. Sogar Kinder ab zwölf dürfen die langsamen Scooter fahren. Wer zum Beispiel in Berlin unterwegs ist, wo im Sommer auf Radwegen Stau herrscht und jetzt schon desorientierte Touristen mit wenig Fahrradroutine auf Leihrädern herumgurken sowie einheimische Radler einen Slalom zwischen Radweg, Fahrbahn, Baustelle und Falschparkern hinlegen und dabei auf Verkehrsregeln pfeifen, der freut sich auf einen neuen mobilen Risikofaktor. Über die Situation auf Gehwegen mit Kindern, Senioren und schnellen Rollern will man gar nicht nachdenken. Die kleinen Rollerräder reagieren sensibel auf kleine Unebenheiten im Straßenbelag.

Auf Helmpflicht wird verzichtet

Nicht nur die Enge und die Gefahr durch stark unterschiedliche Geschwindigkeiten sind ein Risikofaktor. Ein Anbieter musste seine Geräte letztes Jahr in der Schweiz kurz aus dem Verkehr ziehen, weil das Vorderrad bei voller Fahrt blockierte – ein Softwarefehler. Der sei nun behoben, heißt es. Kunden hatten sich bei Stürzen verletzt. Im Internet gibt es etliche Filme über furchtbare Stürze oder Karambolagen, in den USA steigt die Zahl der Verletzten, und es gab auch Tote. In Deutschland verzichtet man erst mal auf strenge Regeln. Und demnächst könnten die noch riskanteren Boards ohne Lenkstange genehmigt werden – ein Versuch mit einem viel zu hohen Preis.

Vorschau Nächsten Dienstag lesen Sie an dieser Stelle die Kolumne von Sibylle Krause-Burger.

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