Schrippe, halbe Karotte, Scheibenkäse: Dieses Foto einer Mahlzeit wurde auf dem Twitter-Account „Gefängniscuisine“ Mitte August gepostet. „Rezeptideen?“, fragten die Häftlinge ironisch und ergänzen: „Achso, habe noch Margarine.“ Foto: Twitter/@Gefängniscuisin1

Brötchen, Käse, eine halbe Karotte – seit gut zwei Wochen twittern drei Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Heidering über ihr Essen. Das ist verboten. Doch sie wollen die Bedingungen im Gefängnis ändern.

Berlin - Auch eine halbe Karotte kann eine ganze Portion sein – zumindest für Häftlinge im Berliner Gefängnis Heidering. Was Menschen zu essen bekommen, die hinter Gittern sitzen, zeigen seit gut zwei Wochen mehrere Gefangene verbotenerweise im Internet. „Gefängniscuisine“ heißt der Twitteraccount, hinter dem nach eigenen Angaben drei Insassen der Strafvollzugsanstalt Heidering stecken. Sie posten auf dem Account fast täglich Fotos aus dem kulinarischen Haftalltag.

Auf blauem Hintergrund – angeblich einer Anstaltsdecke – drapieren die Häftlinge ihre Rationen für Frühstück, Mittag und Abendbrot im „Instagram“-Stil samt #foodporn-hashtag und ironischen Kommentaren.

Justizverwaltung: Kein Grund, an Echtheit zu zweifeln

Zu sehen sind Blechgeschirre mit weich gekochten Kartoffeln und Kräuterquark, eine Schrippe mit Mettwurst oder eine komplette Wochenendration: Brötchen, Suppe, Joghurt, Milch, Margarine und ein Ei. „Es ist Wochenende“, schreiben die Gefangenen dazu. „Und bei uns haben die kreativen Köche wieder lange zusammen gesessen und überlegt, wie man Menschen eine Mahlzeit zubereitet, die sie gehaltvoll über den Tag bringt.“

Die Cateringfirma wollte keine Angaben zu der Frage machen, ob es sich bei den abgebildeten Mahlzeiten um die kompletten Portionen pro Essensausgabe handele und verwies auf das Land Berlin als Auftraggeber. Aus der Berliner Justizverwaltung hieß es, es gebe keinen Grund an der Authentizität der Aufnahmen zu zweifeln.

Hohes Risiko der Aktion für die Häftlinge

Smartphones sind im Strafvollzug verboten, wer twittert, muss mit Strafmaßnahmen wie Freizeitentzug oder Arbeitsverbot rechnen, außerdem kann er die Chance auf Vollzugslockerung vergessen. Im Chat mit unserer Zeitung erklärten die Twitterer, warum sie sich trotzdem an die Öffentlichkeit wenden: „Ernährung ist für uns alle ein großes Thema, und die Art und Weise wie hier mit Ernährung umgegangen wird, ist beängstigend“, schreiben sie.

„Die Verpflegung ist unterirdisch und zudem ist das warme Essen zu kalt, und die Hygiene lässt zu wünschen übrig“, kritisieren die Gefangenen auf ihrem Account an einer Stelle. Sie kritisierten die private Cateringfirma, welche das Gefängnis versorgt. Die Portionen würden immer wieder gekürzt, so die Twitterer.

Justizsprecher: Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

Nach Angaben eines Justizsprechers werden die Speisepläne nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zusammengestellt. Die Gefangenen in Heidering bekämen täglich eine Verpflegung von etwa 2800 Kilokalorien, was dem Bedarf für einen männlichen Gefangenen zwischen 25 und 51 Jahren entspreche. Der Sprecher erklärte, jeden Vormittag finde eine Kostprobe des Mittagessens statt. Dabei würden Geschmack, Aussehen und Temperatur genauso überprüft und dokumentiert wie die Menge. Für Gefangene gibt es demnach eine Möglichkeit zur schriftlichen Beschwerde.

„Wir gehen von maximal 1800 Kalorien aus“, schreibt dagegen einer der Gefangenen. Er glaube auch, es fehle an Vitaminen, Eisen und Calcium. Er verbessere seine Ernährungssituation, indem er Lebensmittel einkaufe. Das könne aber nicht jeder Insasse finanziell leisten.

Das Gefängnis gilt als modern

Die Justizvollzugsanstalt Heidering liegt im Berliner Speckgürtel auf Brandenburger Gebiet, gehört aber zur Hauptstadt. Sie wurde erst vor sieben Jahren eröffnet und gilt als eine der modernsten Haftanstalten der Republik. Zur Gefängnisausstattung gehört eine eigene Großküche, in der auch Gefangene mitkochen. Eine warme Mahlzeit wird täglich gegen 11.30 Uhr ausgegeben. Abendbrot und Frühstück für den nächsten Tag werden zusammen am Nachmittag verteilt. Im Vergleich zu anderen Berliner Gefängnissen gilt die Versorgung in Heidering als besser.

Immer wieder posten oder twittern Häftlinge heimlich aus Gefängnissen. Besonders hartnäckig ist ein Berliner Gefangener, der auf seinem Youtube-Kanal „Knast Vlog“ seit mehr als einem Jahr ein Video nach dem anderen veröffentlicht. Mehr als 100 000 Menschen haben seinen Kanal mittlerweile abonniert. Trotz etlicher Durchsuchungen gelingt es ihm immer wieder, Videos zu veröffentlichen. Inzwischen läuft sogar Werbung vor seinen Videos. Damit bessere er seine Finanzen auf, sagte er zuletzt.

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