In dieser XXXL-Villa hoch über Innsbruck residierte René Benko einst mit seiner Familie. Foto: dpa/Johann Groder

Pompös residierte der Milliarden-Pleitier mit Familie hoch oben über Innsbruck. Nun sitzt er im Gefängnis, Frau und Kinder sind weg, und die Justiz gräbt immer neue Fälle aus.

Dieser Klotz in Aussichtslage ist verlassen, das ist offenkundig. Kein Auto steht an der Einfahrt, kein einziges der vielen Fenster ist geöffnet. Man sieht keine Menschen, hört keine Kinder, Gärtner oder Handwerker. Die Villa in Igls, ein Dorf und Teilort von Innsbruck oberhalb am Berg, wirkt tot. Für einen der einst reichsten Männer Österreichs war sie bis vor kurzem das Zentrum – für René Benko. Doch seit zwei Monaten sitzt dieser in Wien in U-Haft, auch die Ehefrau Nathalie ist mit den drei Kindern weg, laut Berichten will sie sich scheiden lassen.

 

Die Igls-Villa, hinter der es auf einer buckeligen Wiese nach unten geht, ist zum Symbol geworden für den rasenden Aufstieg und den krachenden Fall des Unternehmers, der mit seinem Signa-Imperium einst als Immobilien-Tycoon bezeichnet wurde. Ein Mann, der in Österreich, Deutschland und Italien halbe Innenstädte besaß, der hochfliegende Immobilienprojekte wie am Fließband entwickelte, dem alles zu gelingen schien.

An einem der ersten schönen Frühlingstage sind einige Menschen in Igls draußen in der Sonne, spazieren, joggen oder fahren Rad. Man grüßt sich, aber über den Dorfbewohner im Knast will sich niemand groß äußern. „Der soll bleiben, wo er ist“, meint ein Mittfünfziger in Sportkleidung. „Mit dem sind wir so was von fertig“, sagt eine jüngere Frau. Ein Blender, ein Pleitier, der größte Betrüger Österreichs – so wird René Benko landauf landab bezeichnet.

Pleitier René Benko Foto: APA/Expa/dpa

In Wien ermittelt derzeit die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSta) gegen ihn. Die Behörde hat einen Ruf wie Donner – sie gilt als akribisch, bohrend, unbestechlich und scharf. Benko werden Betrug und Untreue vorgeworfen. In Haft sitzt er wegen Verdunkelungs- und so genannter Tatbegehungsgefahr. Unter Letzterer versteht man die Gefahr, dass in Freiheit weitere Straftaten begangen werden. Die U-Haft kann bis zu zwei Jahre andauern. Ein Sprecher der WKSta macht im Gespräch mit unserer Zeitung keinen Hehl daraus, dass man Benko idealerweise so lange im Gefängnis behalten will, bis ein Prozess beginnt. Er würde also für lange Zeit nicht mehr in Freiheit gelangen. Anfang vergangenen Jahres war sein Signa-Konstrukt mit 1000 Firmen im Immobilien- und Handelsbereich zusammengebrochen. Davor und auch danach bemühte Benko sich nach Kräften, Vermögen rauszuziehen, zu verschleiern, zu bunkern.

Seit die WKSta ermittelt, gelangen immer neue Fälle von mutmaßlich Betrogenen an die Öffentlichkeit, die in Wien als Zeugen vernommen werden. Jüngst etwa der Schweizer Investor und Unternehmer Arthur Eugster, der Kaffeemaschinen herstellt und enorm wohlhabend ist. 2023, als die Signa schon äußerst klamm war, wollte Benko demnach von seinen Investoren weitere 350 Millionen Euro als Finanzspritze haben.

Ein Verschiebe-Karussell von bestehenden Summen

Benko gab vor, so berichtet der Wiener „Kurier“ über die Vernehmung, selbst 35 Millionen Euro frisches Geld zuzuschießen. Wohl eine Täuschung, tatsächlich schob er schon bestehende Summen hin und her. Ein Verschiebe-Karussell. Der Schweizer Eugster zahlte 35 Millionen, seine Zweifel wurden größer, er wollte das Geld zurück – und hörte nichts mehr von Benko. Man fühle sich „über den Tisch gezogen“, wird er zitiert. Es gibt viele solcher Storys, wie der heute 47-Jährige seine Investoren – Unternehmer, Banken, Versicherungen – betrogen haben soll.

Es braucht seine Zeit, um die Villa in Igls ein Mal zu umrunden. Sie ist in Weiß gehalten, Fenster- und Türrahmen sowie die Dächer sind schwarz. 6000 Quadratmeter hat diese Villa mit ihren drei hohen Geschossen. Das sollte man mal ins Verhältnis setzen: Ein ordentliches Einfamilienhaus für ein Paar mit drei Kindern ist 150 Quadratmeter groß. Die Benkos residierten auf dem Platz von 40 Häusern, mehr als ein Dutzend Bedienstete umsorgten sie.

Die Villa steht auch für einen weiteren Kniff des Österreichers. Zumindest offiziell gehörte und gehört sie gar nicht ihm selbst, sondern der von ihm gegründeten „Laura Privatstiftung“. Benannt ist diese nach seiner ältesten Tochter, die Leitung hat auf dem Papier seine Mutter Ingeborg Benko. An Stiftungen, wie Benko sie mehrere hat, kommt der Staat schwer ran. Sie sind das ideale Konstrukt, um Vermögen zu verstecken.

So hat Benko Privatinsolvenz angemeldet und sagt laut österreichischen Medien, dass er nur ein Gehalt von 3700 Euro beziehe als Angestellter seiner eigenen Firmen. Tatsächlich aber läuft alles über die Stiftungen. Sie sind eng verwoben mit dem gesamten Signa-Imperium. Das große Ziel der Staatsanwaltschaft ist es zu beweisen, dass hinter allem René Benko steckt. Was ist mit der Signa-Gruppe eigentlich passiert?

Jeder wollte am Erfolg des „Wunderwuzzi“ teilhaben

Was war persönlicher Größenwahn und was systemischer Fehler? Fragen in Innsbruck an den Wirtschaftsprofessor Leonhard Dobusch, der im Zuge des Crashs zu einem der besten Benko-Kenner geworden ist. Die Immobilien-Projekte – Handel, Gewerbe, Wohnungen – wurden immer größer, immer überhitzter geplant. Jeder gab Kredite, wollte am Erfolg des als „Wunderwuzzi“ Titulierten beteiligt sein. Darunter waren auch etwa die so seriös auftretenden Landesbanken Baden-Württemberg und Bayern.

Professor Dobusch unterscheidet zwischen reich und neureich: „Benko war ein Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen. Jene, die schon seit Generationen reich sind – das ‚alte Geld’ –, verachten ihn. Aber sie freuten sich über Renditen von acht Prozent und mehr.“ Benko preiste seine Projekte als immer wertvoller an – beste Lagen, stets steigende Preise und Werte. So kam er an Kredite für weitere Vorhaben. „Die Bankenvorstände hatten Risikoappetit“, sagt Dobusch. „Sie sahen das große Rad.“ Bis zum Schluss hätte er Kredite bekommen, „die normale Häuslebauer nie erhalten würden“.

Die Immobilienbranche erscheint aber als nicht krisenfest, als „nicht nachhaltig“, wie Dobusch meint. Wegen der steigenden Zinsen ab 2022 geriet Benko in Schieflage, zudem verteuerten sich Material und Leistungen im Baubereich. „Auf Kante genähte Modelle waren da nicht gut“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Und es folgte der Zusammenbruch.

Lässt sich so etwas verhindern? Für die Politik ist dieses Wirtschaftsgeschehen schwer durchschaubar, meint der Professor, „es fehlt einfach an Expertenwissen“. Dobusch empfiehlt: „Ähnlich wie in Frankreich oder den Niederlanden müsste man Unternehmen strenger regulieren, deren Vermögen und Einkommen mit Immobilien erwirtschaftet werden.“

Abgespecktes Schwarzbrot im Gefängnis

Über René Benko ergießt sich nicht nur Wut und Häme. Es trägt auch sadistische Züge, wie er nun geschmäht wird. Medien berichten genüsslich, inmitten welcher Gewalttäter er nun im Gefängnis leben muss. Dass abgepacktes Schwarzbrot mit Wurst und Tee auf dem Speiseplan stehen. Das größte österreichische Gefängnis in der Wiener Leopoldstadt wird das „Graue Haus“ genannt.

Die XXXL-Villa in Igls erscheint als Mischung aus Weißem Haus und einem edlen Château in bester Bordeaux-Lage. Das Grundstück ist voll von gut sichtbaren Überwachungskameras. Es gibt eine überragende Botschaft: Ich bin der Größte.

Hier stand einst das „Schlosshotel Igls“, ein Luxusbau aus dem Jahr 1887, wie eine Tafel um die Ecke informiert. Altes Geld, von Benko abgerissen. Daneben ist die Volksschule, etwas dahinter der kleine Dorffriedhof. Nathalie Benko möchte, so wird berichtet, wieder ihren Mädchennamen Sterchele annehmen. Die Möbel aus der Villa soll sie beim Auszug mitgenommen haben.