Der Ausstoß von extrem kleinen Partikeln ist bei Flugzeugen nach Messungen der Schutzgemeinschaft Filder sehr hoch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Für Feinstaub gelten EU-weit Grenzwerte, für Ultrafeinstaub nicht. Dabei ist die Belastung mit den Teilchen, die vom Körper aufgenommen werden, an bestimmten Orten sehr hoch.

Stuttgart - Früher zogen Flugzeuge dicke Abgasfahnen hinter sich her. Heute scheinen die modernen Strahltriebwerke vermeintlich sauber. Doch der Schein trügt, denn sie stoßen eine hohe Zahl ultrafeinster Partikel aus. „Wir stehen vor einer unsichtbaren Gefahr. Die Belastung am Flughafen ist bei dieser Schadstoffgruppe deutlich höher als am Stuttgarter Neckartor“, sagt der stellvertretende Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Filder (SG), Frank Distel, .

Die älteste Bürgerinitiative der Republik ist durch eine hohe Spende in die Lage versetzt worden, die Belastung per Messgerät selbst zu erfassen. „Ein pensionierter Professor aus Esslingen hat uns sehr geholfen“, sagte der SG-Vorsitzende Steffen Siegel am Freitag bei der Pressekonferenz. Nach monatelangen Messungen kann die SG sehr genau darstellen, welche Mengen an Ultrafeinstaub am Landesflughafen beim Landeanflug ausgestoßen werden. Zu ultrafeinen Staubwerten bei startenden Flugzeugen kann die SG wenig sagen, denn dies Maschinen steigen schnell und sind weit von den öffentlich zugänglichen Messorten weg.

Minipartikel gelangen in Blut und Gehirn

Die Grundbelastung in einem geschlossenen Raum liege bei 3000, in der Natur bei 15 000 Teilchen bis zu einem Durchmesser von 100 Nanometer pro Kubikzentimeter (ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter). Am Airport werden beim Landeanflug bis zu einer Million solcher Teilchen gemessen, der Spitzenwert lag bei 1,5 Millionen. Auf der Aussichtsterrasse sind es zwischen 350 000 und 400 000. Solchen Werten seien wohl auch die Mitarbeiter auf dem Vorfeld dauerhaft ausgesetzt, denn auch dort laufen die Triebwerke.

Für Feinstaub existieren in der EU Grenzwerte, für Ultrafeinstaub nicht. Dabei sei längt klar, dass die Minipartikel ins Blut und Gehirn gelangten, denn der Körper könne sie nicht ausfiltern, so Siegel. „Wir haben ein heftiges Problem, das dringend untersucht werden muss“, fordert der SG-Vorsitzende. Dazu sei „eine Dauermessung am Airport nötig, der sich mit einer grünen Aura umgibt“ sagt SG-Vorstandsmitglied Rolf Keck. An den Flughäfen in Frankfurt und Düsseldorf geschieht dies inzwischen. Keck verweist auf eine nachgewiesene Korrelation: Je höher die Werte, desto feiner sind gleichzeitig die Partikel. „Wir brauchen das Vorsorgeprinzip. Die Belastung muss reduziert werden“, sagt Siegel.

Problem ist allen Flughafenbetreibern seit 2012 bekannt

Für Joachim Alt von der Klima- und Umweltinitiative in Mainz ist der Sachverhalt nicht neu. Seit Jahren befasst er sich intensiv mit der Materie. Er hat viele internationale Studien dazu ausgewertet. „Seit 2012 kennt das Airport Council International, also der Dachverband der Flughafenbetreiber, das Problem.“ Grundlage war eine Studie aus Los Angeles. 2014 gab es aus Kalifornien weitere Daten. Selbst in 18 Kilometer Entfernung zum Airport wurden vierfach erhöhte Werte von Nanopartikeln gemessen.

Das Problem breitet sich aus. Messungen aus Seattle und Frankfurt, eine Studie aus Toronto, Untersuchungen des Helmholtz-Instituts und der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages beschreiben das Problem, zu dem die Flughafenbetreiber wenig sagten, so die Kritik von Alt. Den Grund für die Zurückhaltung vermutet er in der Beteiligung der Länder an den Airports, die wirtschaftlich teils große Bedeutung hätten.

Ansatzpunkte zur Reduktion der Belastung wären schwefelfreies Kerosin oder alternativ erzeugte Kraftstoffe, vielleicht auch Filter, für die SG aber vor allem auch eine Begrenzung des Flugverkehrs. „Fünf Prozent Wachstum pro Jahr, die Vorstellung ist der Horror“, sagt Siegel.

Er fordert: Deutschlandverbindungen sollten genauso untersagt werden wie Billigflüge. Und es müsse mehr zum Thema geforscht werden, auch zur Belastung mit Ultrafeinstaub durch den Autoverkehr.

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