Die Gedenkveranstaltung wurde aus der fast leeren Synagoge gestreamt. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in der Reichspogromnacht in ganz Deutschland jüdische Gotteshäuser. Auch in Stuttgart wird dieses Jahr erneut daran erinnert – allerdings nur mit einer virtuellen Gedenkstunde.

Stuttgart - Vor 82 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, ging die Stuttgarter Synagoge in Flammen auf. Gebrandschatzt wie auch die Synagoge in Bad Cannstatt und fast alle jüdischen Gotteshäuser im ganzen Deutschen Reich von den Nationalsozialisten, die jüdische Geschäfte zerstörten, jüdische Bürger misshandelten, verhafteten, in Konzentrationslager schickten und damit die Vernichtung von sechs Millionen Juden einläuteten. „Dieser Tag hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt“, betonte Susanne Jakubowski vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft bei der Gedenkstunde zur Reichspogromnacht.

Statt mit großer Beteiligung Stuttgarter Bürger im Freien vor dem Mahnmal für die zerstörte Synagoge gibt es ein virtuelles Gedenken aus der leeren Synagoge: „Nicht, weil das Gedenken unbedeutend geworden wäre“, so Jakubowski, „sondern weil der Schutz der Gesundheit und die Rettung aus Lebensgefahr für uns ein wichtiges Gebot ist.“ Damit, machte Jakubowski klar, spreche sie nicht nur über die aktuelle Pandemie. Sondern über die fehlende Menschlichkeit, die die Verbrechen des NS-Terrorregimes und die Vernichtung der Juden erst möglich gemacht habe: „Diese Menschen hatten Freunde, Bekannte, Nachbarn, sie waren Menschen wie Du und ich. Und es gab unzählige Gelegenheiten und damit verpasste Chancen, nicht wegzuschauen, ihnen beizustehen und menschlich zu sein.“

Immer noch Ziele von Angreifern

Dass der Antisemitismus als „älteste Form des Hasses gegen Menschen von penetranter Dauerhaftigkeit“ sei und sich immer wiederkehrende Gewalttaten gegen Juden in Deutschland mit einer beschämend langen Liste von Daten aus unserer Gegenwart beklagen ließen, nannte Jakubowski eine „finstere Tradition“.

„Die Taktik hat sich seit 1938 nicht geändert“, pflichtete Rabbiner Yehuda Pushkin bei: „Synagogen und Geschäfte sind immer noch die Ziele der antisemitischen Angreifer.“ Denn Antisemitismus sei der Kampf gegen jüdischen Geist und jüdische Moral. Aber er zersetze auch die Gesellschaft und führe zu Seelenlosigkeit.

Fester Platz in Stuttgarter Stadtgemeinschaft

„Die Spur von 1938, als ein Großteil der Bevölkerung mit dem unvorstellbaren Vandalismus und der Gewalt gegen Juden einverstanden war, reicht bis in unsere Gegenwart“, bedauerte auch Staatsministerin Theresa Schopper. „Wir müssen dagegen aufstehen und brauchen die Erinnerung als Mahnung und Wegweiser“, appellierte sie und setzte ihre Hoffnung auf ein Jubiläum im kommenden Jahr: „Seit 1700 Jahren prägt das Judentum die Kultur in Deutschland. Die Feierlichkeiten dazu sind eine Chance, voneinander zu lernen und die Zukunft gemeinsam zu gestalten.“

Von einer überwältigend großen Anzahl der Stuttgarter, die an einem ursprünglich geplanten Gedenkspaziergang entlang der Stolpersteine vom Hotel Silber bis zur Synagoge teilnehmen wollten, konnte Bürgermeisterin Isabel Fezer als Sprecherin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) berichten. Denn die heute wieder blühende jüdische Gemeinde habe ihren festen Platz in der Stadtgesellschaft. „Aber wir müssen aufschreien, wenn der Antisemitismus wieder salonfähig zu werden droht. Denn es geht auch um den Schutz unserer zivilisatorischen Werte.“

Wie sehr sich die Stuttgarter mit den jüdischen Mitbürgern verbunden fühlen, zeigen auch Zahlen: 700 Besucher im Netz verfolgten bereits die virtuelle Eröffnung der Jüdischen Kulturwochen vor einer Woche.

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