Die Künstlerin Mechtild Schöllkopf-Horlacher berichtet im Gespräch mit Marc Wendt Molina über ihr Schaffen. Foto: /Petra Weber-Obrock

Die Esslinger Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus stand in diesem Jahr ganz im Zeichen der Kinder.

Sie hießen Joel und Ruth, Peter, Malcha, Alexander, Eduard oder Jacqueline. Johanna reiste mit ihrem kleinen Koffer in die Fremde. Sicher hofften ihre Eltern, dass ihre Tochter heil und gesund zurückkehrt. Aber sie hofften vergeblich. Während der NS-Diktatur wurden unendlich viele Kinder deportiert, selektiert und vergast, für grausame medizinische Versuche missbraucht oder wegen ihrer Behinderung ermordet. Ihre Spuren verlieren sich in den Konzentrationslagern und Euthanasieanstalten.

 

Die Ausstellung „Die Kinder und der Tod“ von Mechtild Schöllkopf-Horlacher, die im Münster St. Paul in Esslingen zu sehen ist, lässt ihre Schicksale lebendig werden. Ihre Werke boten am Montag den Rahmen für die Esslinger Feierstunde zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, der deutschlandweit am 27. Januar begangen wird. Er erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 80 Jahren.

In Esslingen setzten viele Bürger ein Zeichen gegen Terror und Gewalt, indem sie die altehrwürdige Bettelordenskirche bis auf den letzten Platz füllten. Wie jedes Jahr wurde die Veranstaltung vom Verein Denkzeichen, dem evangelischen Bildungswerk, der katholischen Erwachsenenbildung, den Kirchengemeinden beider Konfessionen und der Stadt Esslingen organisiert. Gekonnt und stimmungsvoll umrahmte das Orchester des Theodor-Heuss-Gymnasiums die Gedenkstunde, die ganz im Zeichen der jüngsten Opfer stand.

Zu Beginn erinnerte Markus Geiger, der Leiter der evangelischen Erwachsenenbildung, an den Arzt und Pädagogen Janusz Korczak, der die 200 Kinder seines Waisenhauses im Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka begleitete und an ihrer Seite starb. „Wir wollen den Opfern ihre Namen und Gesichter zurückgeben, damit solches nie wieder geschieht“, sagte Geiger.

Der Pfarrer Christoph Bäuerle sprach ein Grußwort für die evangelische und die katholische Gesamtkirchengemeinde. 1,3 Millionen Menschen seien in Auschwitz ermordet worden, 7000 hätten mit knapper Not überlebt. „Was geschehen ist, ist geschehen, aber es liegt an euch, dass es sich nicht wiederholt“, mahnte er zum Abschluss mit den Worten der 103-jährigen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer.

Lackmustest für die Gesellschaft

Im Namen der Stadt Esslingen rief der Finanzbürgermeister Ingo Rust den Zuhörern die 32 000 Kinder ins Gedächtnis, die in der Tötungsmaschinerie der Nazis in Auschwitz starben. Noch dazu hätte die aufstrebende BRD den Opfern nach dem Zweiten Weltkrieg oft einen finanziellen Ausgleich verweigert. „Wie mit den Schwächsten umgegangen wird, ist der Lackmustest für eine Gesellschaft“, mahnte er angesichts der Gräuel, die sich nicht wiederholen dürften.

Nach den offiziellen Grußworten legten Schülerinnen der zehnten Klassen und der Kursstufe zwei des Georgii-Gymnasiums als „Zweitzeuginnen“ Zeugnis ab für die jüngsten Opfer des Nationalsozialismus. Ihren Beitrag hatte der Lehrer Benjamin Schnell mit ihnen vorbereitet. In nüchternen Worten zog die erste Gruppe eine Bilanz des Schreckens, bevor die zweite das Leiden der Kinder und Jugendlichen in Originalzitaten gegenwärtig werden ließ. Die jungen Frauen konstatierten, wie fragil unsere Zivilisation sei und drückten die Hoffnung aus, „dass wir nie wieder so tief fallen mögen“.

Das Schicksal der ermordeten Kinder wird oft vergessen. Dieses Entschwinden zusammen mit einem hoffnungsvollen Bewahren drücken auch die Bilder der Stuttgarter Künstlerin Mechtild Schöllkopf-Horlacher aus. Die Ausstellung „Die Kinder und der Tod“ wurde vom Arbeitskreis „Kirche und Kunst“ organisiert und ist bis zum 25. Februar zu sehen. Im Gespräch mit Marc Wendt Molina schilderte Schöllkopf-Horlacher am Montag die Motivation für ihr Schaffen. Ihre eindrucksvollen Arbeiten geben den Opfern ein Gesicht. Doch auch den Kindern des Ehepaars Goebbels, die von ihren eigenen Eltern vergiftet wurden, setzt sie mit einem Triptychon ein Denkmal.

Künstlerin will Seele und Gefühle der Kinder zeigen

„Ich mache ein schönes Bild von dir“, habe sie sich geschworen, als sie 2011 während der Sommerakademie im Klosters Irsee mit der Abbildung eines geschundenen Kindes konfrontiert wurde. Irsee wurde während der NS-Zeit als Euthanasieanstalt missbraucht. Bei ihren Recherchen stieß die Künstlerin auch auf das Schicksal der 44 jüdischen Kinder von Izieu, ebenso wie auf das der Kinder vom Bullenhuser Damm in Hamburg, die für medizinische Experimente missbraucht und dann erhängt wurden, sowie das der Sinti- und Romakinder der Mulfinger Josefspflege. „Ich versuche, ihre Seele und ihre Gefühle zu zeigen und ihnen so meine Zuneigung auszudrücken“, sagte Schöllkopf-Horlacher.

Was geschehen kann, wenn man den Opfern ein Gesicht gibt, zeigt das Beispiel der dreijährigen Gabriele M. aus Stuttgart, die im ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße ermordet wurde. Anlässlich der Verlegung eines Stolpersteins schuf Mechtild Schöllkopf-Horlacher ein Bild des kleinen Mädchens. Bei einer Ausstellung im Stadtpalais trat eine Frau auf die Darstellung zu. „Das ist meine Schwester“, sagte sie. Das Schicksal der kleinen Gabriele war jahrzehntelang totgeschwiegen worden. „Vielleicht weil ein behindertes Kind noch immer als Makel gilt“, vermutete die Künstlerin.

Erinnerung an die Opfer

Internationaler Gedenktag
 Den Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog im Jahr 1996 eingeführt. Er erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz- Birkenau und der anderen Konzentrationslager in Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. Der Gedenktag schließt alle Opfer ein: „Europäische Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Millionen verschleppter Slawen, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter, Kranke und Behinderte, ebenso wie die, die Widerstand leisteten oder Verfolgten Schutz boten.“ Von den Vereinten Nationen wurde der 27. Januar im Jahr 2005 zum „Internationalen Tag des Gedenkens für die Opfer des Holocaust“ erklärt.