KZ-Gedenkstätte Hessental in Schwäbisch Gmünd Foto: dpa

Mit interaktiver Karte - Der November ist der Gedenkmonat schlechthin – in diesem Jahr noch mehr als sonst. Den Gedenkstätten reichen hehre Politikerworte allein aber nicht, sie hoffen auf mehr Geld.

Stuttgart - Je größer der zeitliche Abstand wird, desto zahlreicher strömen die Besucher. Als Thomas Stöckle vor 15 Jahren die Leitung der Gedenkstätte Grafeneck übernahm, kamen etwa 30 Gruppen pro Jahr, mittlerweile sind es jährlich 450 Gruppen, rund 25 000 Personen. Familien und Einzelne suchen nach Spuren von Angehörigen, Schüler und Pflegekräfte wollen mehr über das erfahren, was die Nationalsozialisten mit Begriffen wie Euthanasie – „guter Tod“ – oder Gnadentod verschleierten: die systematische Ermordung von Kranken und Behinderten in der Gaskammer. Vom 18. Januar bis zum 13. Dezember 1940 wurden auf dem ehemaligen Schlossgelände auf der Schwäbischen Alb 10 654 Männer, Frauen und Kinder umgebracht, weil die Nazis sie als lebensunwert betrachteten. Sie waren aus 48 Behinderteneinrichtungen im heutigen Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen abgeholt worden.

Grafeneck ist eine von rund 80 Gedenkstätten im Land. Die meisten Einrichtungen erinnern an die nationalsozialistischen Verbrechen an Andersdenkenden, Juden, Sinti und Roma, Behinderten, Homosexuellen und anderen. Das Fort Oberer Kuhberg in Ulm diente den Nazis von 1933 bis 1935 als Gefängnis für politische und weltanschauliche Gegner – unter den etwa 600 Häftlingen war auch der SPD-Wiederbegründer Kurt Schumacher. Es ist das einzige der ehemaligen Konzentrationslager im Südwesten, das in seiner baulichen Substanz noch erhalten ist, und gehört neben ­Grafeneck zu den meistbesuchten Gedenkorten.

Gedenkstätten in Baden-Württemberg

Rund 310 000 Besucher verzeichneten die Gedenk- und Erinnerungsstätten 2013, ein Drittel von ihnen waren Jugendliche. Gerade für die Schulen seien solche Lernorte von besonderer Bedeutung, sagt Kultusminister Andreas Stoch. „Sie konfrontieren mit der Erkenntnis, dass der NS-Terror nicht nur weit weg in Dachau oder Auschwitz stattfand, sondern leider seinen Platz auch direkt vor der Haustür hatte.“

Seit 1995 koordiniert die Landeszentrale für politische Bildung die Gedenkstättenförderung. In Absprache mit der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen (LAGG) werden die Zuschüsse des Landes verteilt. 200 200 Euro waren es 2010, 400 000 Euro im laufenden Jahr. Bis 2017 sollen die Mittel stufenweise auf 750 000 Euro angehoben werden – einen entsprechenden Antrag wollen Grüne und SPD am kommenden Mittwoch im Finanzausschuss des Landtags stellen.

„Jeder zweite Euro fließt in die Vermittlungsarbeit, also pädagogische Maßnahmen sowie didaktische Materialien und Hilfsmittel“, sagt Sibylle Thelen, Fachreferentin für Gedenkstättenarbeit bei der Landeszentrale. 2014 sei erstmals neben der etablierten Projektförderung auch eine Basisförderung gewährt worden, um die Arbeit an den überwiegend ehrenamtlich geführten Einrichtungen zu unterstützen und zu verstetigen.

Schon der Erhalt der Einrichtungen stellt die ehrenamtlichen Helfer vor große Herausforderungen. Um wahrgenommen zu werden, müssen sie außerdem Informationen bereitstellen, mögliche Interessenten wie Schulen ansprechen und betreuen und vieles mehr. Deshalb wünschten sich viele Trägervereine zumindest zeitweise Unterstützung durch Hauptamtliche – etwa über Werkverträge oder auf 450-Euro-Basis, sagt Heinz Högerle, Mitglied des Sprecherrats der LAGG. Er selbst hat vor Jahren mit anderen Mitstreitern dafür gesorgt, dass die ehemalige Synagoge in Horb-Rexingen – bis in die 1930er Jahre eine der größten jüdischen Landgemeinden in Württemberg – nicht in Vergessenheit gerät. 1952 wurde in dem 1938 von den Nazis zerstörten Gebäude eine evangelische Kirche eingerichtet. Die gibt es immer noch – aber inzwischen erinnern Bilder im Kirchenraum an die jüdische Vergangenheit. Im früheren jüdischen Betsaal im Stadtgebiet von Horb wurde 2012 ein Geschichts-, Lern- und Gedenkort eröffnet.

Die Gedenkstätten leisten nicht nur Informations- und Erinnerungsarbeit, sondern auch einen großen Beitrag zu Versöhnung und Völkerverständigung. „Gedenkstättenmitarbeiter waren häufig die ersten, die mit Überlebenden Kontakt aufgenommen haben, Fragen gestellt und Anteil genommen haben“, sagt Thelen. Zwischen Rexingen und dem von Rexinger Juden in Israel gegründeten Ort Shavei Zion gibt es enge Kontakte, bis hin zum Schüleraustausch.

2010 hat sich die Rexinger Verein mit zehn anderen Gedenkstätten in der Umgebung zum Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb zusammengeschlossen. Gemeinsam und mit professioneller Unterstützung wollen sie die Angebote etwa für Schulen verbessern.

Das Interesse an lokaler Forschung reißt nicht ab. Es entstehen immer wieder neue Initiativen und Gedenkstätten. „Das Wissen um die lokale und regionale Geschichte wächst, die persönliche Betroffenheit, die einer Gedenkstättengründung womöglich im Wege gestanden hätte, nimmt ab, und auch die Fragestellungen veränderten sich.“ So sei in den vergangenen Jahren die Zwangsarisierung, die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung, in das Blickfeld gerückt. „Viele Akten waren lange Zeit nicht zugänglich, teils wollte man sich mit diesem Thema gar nicht auseinandersetzen“.

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