Fritz Böhm neben der Informationsstele, einem Teil der Gedenkstätte „Erinnerungskörper“ im Höhenpark. Ihm und seinen Mitstreitern ist die Stele zu verdanken. Foto: Fritzsche

Die Bürgerinitiative Gedenkstätte Killesberg erhält die Otto-Hirsch-Auszeichnung. Ihr Sprecher Fritz Röhm nimmt den Preis am Dienstag entgegen. Ihm liegt vor allem die Aufklärung der heranwachsenden Generationen am Herzen.

S-Nord - Ein Nachmittag im Februar im Höhenpark Killesberg: Es ist nicht mehr kalt, die Sonne scheint. Immer wieder bleiben Menschen am Gedenkstein für die deportierten Juden stehen, betrachten die Inschrift, die niedergelegten Blumen, laufen hinüber zur Informationsstele, lesen den Text; einigen fällt auch der Stahlring auf, der in den Boden eingelassen ist.

Die Ehre gebührt allen Mitgliedern der Initiative

Fritz Röhm steht ein paar Meter weiter und beobachtet die Szene. Ihm gefällt es, dass die Gedenkstätte die Menschen zum Innehalten bringt, zum Nachdenken. Das war der Gedanke dahinter. „Ich freue mich, was daraus geworden ist.“

Röhm bekommt am Dienstag – stellvertretend für die anderen Mitglieder der Initiative Gedenkstätte Killesberg – die Otto-Hirsch-Auszeichnung von der Stadt, der Israelitischen Religionsgemeinschaft und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Stuttgart (GCJZ). „Das ist eine große Auszeichnung“, sagt Röhm. „Ich empfinde mein Engagement aber gar nicht als groß.“ Er hebt hervor, dass ihm die Ehre nicht allein gebührt, sondern allen Mitgliedern der Initiative.

Röhms Einsatz begann im Jahr 2008. An dem 1967 errichteten Gedenkstein wird seit Ende der 1980er Jahre jeweils am 1. Dezember der jüdischen Menschen gedacht, die während der Nazizeit vom Höhenpark Killesberg aus deportiert worden sind. Bei dieser Gedenkfeier wurde einmal gesagt, dass Denkmale oft mehr verhüllten als offenbarten. Das konnte Röhm nicht mehr vergessen. „Im Text auf dem Gedenkstein ist lediglich von einer ‚Zeit des Unheils’ die Rede. Kein Wort von Tätern oder Motiven“, sagt er. „Man konnte das nicht so stehen lassen.“

Initiative Gedenkstätte Killesberg

Um seinem Vorschlag an die Stadt, die Gedenkstätte neu zu gestalten, mehr Gewicht zu geben, hat er Unterstützer und Mitstreiter gesucht und gefunden. Daraus entwickelte sich die Initiative Gedenkstätte Killesberg. Dazu gehören etwa Josef Klegraf von der Geschichtswerkstatt Nord und ehemaliger Bezirksvorsteher, die Pfarrerin Monika Renninger, heute Leiterin des evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof, Vertreter der evangelischen und katholischen Gemeinden S-Nord, des Stadtjugendrings, der jüdischen Gemeinde und der GCJZ, Beate Müller vom Jugendhaus Stuttgart, die Führungen für Jugendliche zum Thema „Lernort Gedenkstätte“ macht, oder Roland Müller, der Leiter des Stadtarchivs. „Mir war es wichtig, dass es alles Personen waren, die sich schon vorher in der historischen Aufarbeitung engagiert hatten und dies auch weiterhin tun“, sagt Röhm. Mit dabei ist auch Röhms Bruder Eberhard, ein Theologe und Historiker. Er organisierte 1999 an der alten Messe eine Ausstellung zu den Sammellagern am Killesberg.

Aufklärung der heranwachsenden Generationen

Die Bildhauerklasse der Kunstakademie am Weissenhof wurde beauftragt, Entwürfe einzureichen. Ausgewählt wurde schließlich der Entwurf „Erinnerungskörper“ von Ülkü Süngün: ein Stahlring im Boden, der genau die Fläche umfasst, die die 2000 deportierten Menschen eingenommen hätten. Zur Gedenkstätte gehören auch zwei Informationsstelen, eine direkt bei der Installation, die andere am anderen Ende des Höhenparks beim Feuerbacher Eingang.

Es sei zwar Zuspruch von allen Seiten gekommen, aber aus der Stadt habe es geheißen: es ist kein Geld da, erinnert sich Fritz Röhm. „Da mussten wir mehrmals Dampf machen.“ Schließlich gewährte der Gemeinderat einen Betrag von 30 000 Euro. 42  000 Euro hat Fritz Röhm zusätzlich an Sponsorengeld gesammelt. Im April 2013 wurde die neue Gedenkstätte eingeweiht.

„Gedenkkultur ist wichtig, sie kommt nicht von allein, sie muss entwickelt und gestützt werden“, sagt Fritz Röhm. Die Aufklärung der heute heranwachsenden Generationen liegt ihm am Herzen. „Von den Zeitzeugen sind nur noch wenige übrig, die erzählen könnten, wie es damals war.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: