Deutschlands Kanzlerin und Frankreichs Präsident in Verdun Foto: AFP POOL

Angela Merkel und Francois Hollande gedenken der Kriegstoten in Verdun. Eine Vision für Europa finden sie allerdings nicht.

Verdun - Fünf Stunde sind die beiden schon unterwegs, als sie zum Ende des Gedenkparcours schließlich dort ankommen, wo Tod und Sinnlosigkeit des Krieges am gegenwärtigsten sind: am Beinhaus von Douaumont. Trommelwirbel und Trompetenklänge branden auf. Soldaten salutieren. Mit regungsloser Miene schreiten Frankreichs Staatschef und die Bundeskanzlerin dem wuchtigen Sandsteinbau entgegen.

Im Innern ruhen die sterblichen Überreste von 130 000 nicht identifizierten Deutschen und Franzosen, die zwischen dem 21. Februar und dem 19. Dezember 1916 ihr Leben ließen, ohne dass dies den Frontverlauf entscheidend verändert hätte. Eine der größten und blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs hat hier vor 100 Jahren getobt. Was heute bewaldete Hügel sind, war eine vom Blut 300 000 Gefallener durchtränkte, mit Knochen gespickte Mondlandschaft. Gibt es einen besseren Ort, einen besseren Tag, ein „nie wieder“ anzustimmen, den Wert der deutsch-französischen Freundschaft herauszustreichen, den Aufbau Europas voranzutreiben, als auf diesem gigantischen Schlachtfeld ein Jahrhundert danach?

3400 Jugendliche spielen das Grauen nach

Bevor Hollande und Merkel das Wort ergreifen, um des Krieges zu gedenken und die Lehren daraus zu ziehen, stellt sich der Filmemacher Volker Schlöndorff dieser Aufgabe. Auch er, der in Paris zur Schule gegangene Deutsche, will an diesem von Hoffnungslosigkeit gezeichneten Ort eine Botschaft der Hoffnung aussenden. Und Schlöndorff schafft das auch. Heerscharen vom Regisseur dirigierter deutscher und französischer Jugendlicher stürmen Hänge und Hügel hinab. Blecherne Schläge durchbrechen die Stille, den Gewehrsalven ähnlich, die ihre Altersgenossen hier einst in den Tod rissen. Der Tod hält reiche Ernte. Mehr als 3400 Jugendlichen sinken zu Boden.

Aber sie stehen eben auch wieder auf. Sie tun sich zusammen, verbünden sich, entscheiden sich zwischen Gräberfeldern für das Leben. Hollande, der von der Ehrentribüne aus zusieht, ist hier ganz Staatsmann. Im politischen Alltag läuft der auf Ausgleich Bedachte Gefahr, es niemandem Recht zu machen. Im Angesicht der Geschichte weiß er die Nation hinter sich. Da gibt es kein Vertun. Für den Auftritt in Verdun gilt das erst Recht. Hollandes geistiger Ziehvater hat hier längst den Weg abgesteckt. Vor 32 Jahren hatte der damalige sozialistische Staatschef Francois Mitterrand an gleicher Stelle die Hand Helmut Kohls ergriffen. Minutenlang verharrten die beiden schweigend Hand in Hand, besiegelten symbolträchtig, wofür Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1963 mit dem Elysée-Vertrag das Fundament gelegt hatten: die deutsch-französische Aussöhnung.

Es fehlt die Kraft für eine europäische Initiative

Wobei sich die Gastgeber sichtlich Mühe gegeben haben, das neuerliche Gedenken größer, ja grandioser erscheinen zu lassen als das alte. Die in Volker Schlöndorffs Inszenierung zu Tausenden Gemeinsames schaffenden Jugendlichen künden spektakulär vom erfolgreichen Wirken des deutsch-französischen Jugendwerks und dem dichten Beziehungsgeflecht der ehemaligen Kriegsgegner. Dass die Kanzlerin am späten Vormittag im Rathaus von Verdun empfangen wurde, ist schon als Premiere bedeutsam. Keinem ihrer Amtsvorgänger ist diese Ehre zuteil geworden ist. Und anders als 1984 haben Deutsche und Franzosen sich diesmal auch am Mahnmal für die toten Kinder der Stadt eingefunden.

In einem freilich bleiben Merkel und Hollande hinter Kohl und Mitterrand zurück. Anders als jene wagen sie sich nicht auf Neuland. Ja, sie führen das Werk der beiden nicht einmal fort. Mitterrand und Kohl hatten die europäische Einigung vorangetrieben, der EU den Weg gewiesen. Die politischen Erben sind dazu nicht in der Lage. Wegweisende gemeinsame europäische Initiativen? Fehlanzeige. Daran ändert auch nicht, dass Merkel und Hollande auf ihrer letzten Station vor dem Gang ins Beinhaus politische Würdenträger der Europäischen Union hinzugezogen haben. Mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sind die beiden im Dunkel des Memorials verschwunden. Hollande weiß, dass Entscheidendes fehlt. „Es geht darum, dass die deutsch-französische Freundschaft Europa von Nutzen ist, es gilt das europäische Ideal neu zu beleben“, hat er vor den Gedenkfeiern im Radiosender „France Culture“ gesagt. Dass er, zum Ende seines Mandats schwächer denn je, die Kraft zur gemeinsamen europäischen Initiative aufbringt, ist wenig wahrscheinlich.

Und so wirkt Verdun 2 trotz des ganzen Drumherums dann doch wie ein Remake von Verdun 1. Es steht mehr für Stillstand als für Fortschritt in den deutsch-französischen Beziehungen. Was nicht heißt, dass die nun auch von Hollande und Merkel verkündete Botschaft von den fatalen Folgen nationalistischer Verblendung an Aktualität verloren hätte. Das Gegenteil ist der Fall. In Deutschland, Frankreich und anderen einst am Ersten Weltkrieg beteiligten Ländern wie Österreich, Russland oder Großbritannien sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch, die aus der Schlacht von Verdun offenbar nichts gelernt haben.

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