In Holzgerlingen liegt einer der neusten von rund 70 000 Stolpersteinen. Foto: factum/Weise

Die Gemeinde Holzgerlingen erinnert an vier Menschen, die ermordet wurden, weil sie krank waren.

Holzgerlingen - Bei Unwissenden stößt die Szene stets auf Unverständnis. Diesmal sind es an die 120 Schaulustige, die augenscheinlich einen Handwerker mit einem Schlapphut umringen. Der Mann hebelt einen Pflasterstein aus dem Boden und zementiert Ersatz ein, dessen Oberseite in Messing glänzt. Selbstverständlich wird die Szene vor dem Pfarrhaus der Holzgerlinger Mauritiuskirche vom Publikum gewissenhaft fotografiert und gefilmt.

Allerdings ist der Mann mit dem Hut kein Handwerker, er ist der Kölner Künstler Gunter Demnig, bekannt als Erfinder des Stolpersteins. Den ersten davon hat Demnig vor mehr als 25 Jahren verlegt. Um die 70 000 Miniatur-Mahnmale zum Gedenken an die Opfer der Nazi-Diktatur hat er inzwischen im Boden verankert, zwei davon bei einem ersten Besuch in Holzgerlingen. Diesmal sind die Namen Magdalena Marie Schweizer, Maria Katharina Mesle, Fritz Rabel und Otto Gottlob Maurer ins Messing graviert, samt ihrem Geburts- und ihrem Todestag, dem ihrer Ermordung. Im Fall von Fritz Rabel liegen zwischen den beiden Daten lediglich neun Jahre.

Die Nazi-Lüge vom schönen Tod

Die vier Menschen waren Opfer der Gräuel, die die Nazis verharmlosend als Euthanasie verbrämten. Übersetzt steht das griechische Wort in etwa für den Begriff „schöner Tod, richtiger Tod“. Jene vier Opfer starben, weil sie wegen körperlicher oder geistiger Einschränkungen nicht Hitlers Ideal der Herrenrasse entsprachen.

Damals hätte sie wohl niemand glauben machen können, dass zu ihrem Gedenken einmal zu einem Gottesdienst gerufen wird. Das Schloss Grafeneck, gut 50 Kilometer von Holzgerlingen entfernt, gehörte zu den fünf Orten, an denen die Nazis 1940 und 1941 die Massenermordung erprobten. Fast 10 000 Menschen starben allein dort, hingerichtet mit Kohlemonoxid oder Giftspritzen. „Das Erschreckende ist, dass das allen klar war“, sagt die Holzgerlinger Stadtarchivarin Debora Fabriz. In historischen Akten sind die Beschwerden der Bevölkerung über den Geruch verbrannten Menschenfleisches dokumentiert. Die Leichen wurden im Krematorium verbrannt. Den Angehörigen wurden angebliche Krankheiten als Todesursache übermittelt – nebst einiger Habseligkeiten. Nichts als Schuhe, Hosen, Zahn- oder Haarbürsten blieben als Erinnerung.

Schweigen bis ins aktuelle Jahrzehnt

Im Fall der Familie Binder dauerte das Schweigen über das tatsächliche Geschehen bis ins aktuelle Jahrzehnt an. Magdalena Marie Schweizer war die Tante von Siegfried Binder. „Ihr wahres Schicksal kenne ich erst seit 2017“, sagt er. Nachdem Demnig sein Werkzeug zusammengeräumt hat, spricht der Bürgermeister Ioannis Delakos die letzten Sätze zur Zeremonie. Sie sei ein Anlass, „in Erinnerung zu rufen, wie leicht es passieren kann, dass wir wieder in eine solche Zeit zurückkehren“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: