Trauerbeflaggung für Poltawa in den Partnerstädten Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern (Archivbild von 2024). Foto: Ines Rudel

Eine Gedenkveranstaltung in der Filharmonie erinnert an die katastrophale Lage in der Ukraine und in der Partnerstadt von Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern.

An der Fassade der Filharmonie in Bernhausen ist am Dienstagabend, 24. Februar 2026, das Stadtwappen von Poltawa zu sehen. Es zeigt einen goldenen Bogen in seiner Mitte, von dem es heißt, er stehe für die Verteidigungsbereitschaft, die Wachsamkeit und den Schutz der Stadt im Osten der Ukraine. Ein starkes Symbol.

 

Die Unversehrtheit der gemeinsamen Partnerstadt von Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern ist nun schon seit vier Jahren durch die russischen Angriffe auf die Ukraine in Frage gestellt. Die Menschen in der knapp 300 000 Einwohner großen Stadt versuchen aktuell den dritten Kriegswinter zu überstehen, teils ohne Strom und ohne Wärme in den Wohnungen, bei Außentemperaturen von bis zu minus 20 Grad und in der stetigen Angst vor dem nächsten Angriff. Ein Leben im ständigen Ausnahmezustand.

OB Traub: Solidarität und Hilfsbereitschaft für Poltawa

Daran erinnerte am Dienstagabend Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub gleich zu Anfang einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Ausbruchs des Angriffskrieges vor vier Jahren. Im voll besetzten Konferenzsaal der Filharmonie in Bernhausen bat er zunächst seine Zuhörer, darunter auch einige ukrainische Bürger, sich den abendlichen Weg zur Halle noch einmal zu vergegenwärtigen.

„Wir können drei Merkmale dieses Weges betrachten“, betonte Traub: Das Aufbrechen von zuhause sei für jeden selbstbestimmt gewesen. Niemand musste zuvor nachsehen, welche Alarmstufe oder Bedrohungslage gerade herrsche. Ein zweites, so der OB, sei, „dass der Weg sicher war“. Keiner musste Sorge haben vor einem Luftangriff oder einer anderen militärischen Operation haben. Das dritte Merkmal sei der Raum selbst, in dem sich alle zusammengefunden hatten. Er sei kein Schutzraum, er sei beleuchtet und warm.

„Alles das ist für die Menschen unserer Partnerstadt Poltawa seit vier Jahren nicht mehr selbstverständlich“, erinnerte Traub, der damit gleich zu Beginn ein eindrückliches Bild in die Köpfe der Zuhörer projiziert hat. Dass die Freiheit, die Unabhängigkeit und die nationale Identität der Ukraine seit vier Jahren in Gefahr sei, bedürfe der Solidarität, Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft für das Land, betonte der Oberbürgermeister.

Poltawa: Niemand soll sich an Kriegszustand gewöhnen

Um zu unterstreichen, in welcher katastrophalen Lage sich die Menschen in der Ukraine befinden, zeigte auf Einladung der Stadt der aus Filderstadt stammende Kriegsreporter und Dokumentarfilmer Konstantin Flemig Filmsequenzen von seinen Reisen im Kriegsgebiet. Immer wieder hinzuweisen auf die tatsächlichen Zustände, so betont der Journalist, sei auch deshalb wichtig, damit niemand sich an diesen Kriegszustand gewöhne. „Das ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen“, sagte Flemig.

Kriegsreporter Konstantin Flemig stammt aus Filderstadt und berichtet aus der Ukraine. Foto: Torsten Schöll

Was dann folgte, war für manch einen im Saal nur schwer zu ertragen: Flemigs erster Filmausschnitt an diesem Abend zeigte einen Soldatenfriedhof im ostukrainischen Charkiw. An jedem Grab weht dort eine blau-gelbe Fahne. Wo diese fast unendlich scheinenden Gräberreihen enden, ist in den Bildern nicht zu erkennen. Eingerahmte kleine Fotos an den Gräbern zeigen die lächelnden Gesichter junger Männer.

Flemig traf auf dem Friedhof den Vater eines getöteten Soldaten: Er berichtet direkt vor der Kamera von seinem Schmerz über den gefallenen Sohn. „Allein in den wenigen Stunden, in denen wir auf dem Friedhof verbracht haben, sind vier Soldaten beerdigt worden“, kommentiert Flemig das Geschehen im Film.

Ukrainekrieg: eine halbe Million Todesopfer auf beiden Seiten

Der Krieg, so führt der Journalist weiter aus, habe auf beiden Seiten nach Schätzungen bislang knapp eine halbe Million Todesopfer gekostet, rund 1,5 Millionen Menschen wurden verletzt. Weil man sich das Leid hinter Zahlen einer solchen Größenordnung nicht vorstellen könne, sei es wichtig, Einzelschicksale darzustellen. Flemig zeigt an diesem Abend noch weitere Filmausschnitte, die das schmerzlich belegen.

Auf die häufig gestellte Frage, warum der Angriffskrieg Russlands auch ganz unmittelbar den Westen Europas betrifft, hat der Journalist eine klare Antwort: Seiner Ansicht nach sei es alles andere als Gewissheit, dass Russlands Aggression beendet wäre, wenn die Ukraine durch den Krieg in Einflussbereich Moskaus zurückgelangen würde. „Es kann genauso gut sein, dass es gerade dann weitergeht“, sagt Flemig. Die Unterstützung der Ukraine sei deshalb im ganz eigenen Interesse Europas.