Mit seinen Stolpersteinen hält der Künstler Gunter Demnig die Erinnerung an die NS-Opfer wach – auch in Esslingen. Nun wurden vier weitere Gedenktafeln verlegt.
Der Nationalsozialismus hat unsägliches Leid über unzählige Menschen gebracht, und auch nach all den Jahren sind viele Wunden nicht verheilt. Auch in der Familie von Juliette Kaechelé lebt die schmerzliche Erinnerung weiter. Die junge Elsässerin war von November 1940 bis Dezember 1941 gezwungen worden, als „Zivilarbeiterin“ in Esslingen zu arbeiten. Weil sie sich widersetzte und unerschrocken für ein freies Elsass eintrat, wurde sie denunziert, verhaftet, zum Tode verurteilt und schließlich hingerichtet.
Anne-Marie Willmann hatte erst mit elf Jahren von der Existenz und dem Schicksal ihrer Halbschwester erfahren. Gestern durfte sie mit ihren Söhnen Gilles und Marc dabei sein, als in Esslingen auf Initiative des Vereins Denk-Zeichen zwei Stolpersteine zu Ehren von Juliette Kaechelé gesetzt wurden. In der Plochinger Straße und in der Hindenburgstraße erinnern die Messingplatten nun an das Schicksal der Elsässerin. Zwei weitere Stolpersteine wurden zu Ehren von Lina Möck und Emilie Pfeiffer verlegt.
Europaweit 116 000 Stolpersteine
Rund 116 000 Stolpersteine erinnern bislang in mehr als 30 Ländern Europas an das Schicksal von NS-Opfern – Juden, Sinti und Roma, politisch oder religiös Verfolgte, Menschen mit Behinderung, Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe verfolgt wurden, als „asozial“ Stigmatisierte und Verfolgte wie Obdachlose oder Prostituierte, Zwangsarbeiter und Deserteure. Jedem NS-Opfer kann ein Stolperstein gewidmet werden. Diese 96 mal 96 Millimeter großen Gedenktafeln werden vor dem Wohnhaus angebracht, in dem das jeweilige NS-Opfer zuletzt freiwillig gelebt hat.
Anfang der 90er-Jahre hatte der Künstler Gunter Demnig die Aktion in Köln ins Leben gerufen, damit die Erinnerung an diese düstere Zeit nie verblasst. Inzwischen zieht sein Anliegen immer weitere Kreise. Allein in Esslingen soll bis zum Jahresende die Zahl von 80 Stolpersteinen erreicht sein. Dafür trägt der Verein Denk-Zeichen Sorge, der Schicksale recherchiert, Spender ermuntert, verlegte Steine pflegt und die Verlegung neuer Stolpersteine stets zum Anlass nimmt, Geschichte lebendig werden zu lassen und NS-Opfern die Ehre zu erweisen.
Dank für klare Haltung von Denk-Zeichen
Das liegt vielen am Herzen: Als Gunter Demnig nun die neuen Stolpersteine verlegte, waren viele gekommen, um ihre Verbundenheit zu zeigen – darunter der Bundestagsabgeordnete Sebastian Schäfer und der Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle.
Die nächsten Stolpersteine hat Denk-Zeichen bereits im Blick: Die Esslinger Initiative für Gemeinsinn sagte Reinhold Riedel vom Verein Denk-Zeichen zu, vier weitere Stolpersteine zu stiften. OB Matthias Klopfer lobte das Engagement des Künstlers und des Vereins Denk-Zeichen, dem er für seine klare Haltung dankte.
Dass man auf Juliette Kaechelé in Esslingen aufmerksam wurde, war ein Glücksfall. Sémil Berg war bei der Arbeit an der Gedenkstätte Plötzensee auf die Elsässerin aufmerksam geworden, die 1942 in Berlin hingerichtet worden war. Als sich Berg im Esslinger Stadtarchiv meldete, gab dessen Leiter Joachim Halbekann eine Biografie der elsässischen Widerstandskämpferin in Auftrag. „Dieser Fall zeigt, dass es noch immer vieles gibt, was wir über die Zeit des Nationalsozialismus nicht wissen. Gerade das Schicksal der Elsässer, die von den Nazis als Deutsche angesehen wurden und deshalb nicht als Zwangsarbeiter galten, obwohl sie zur Arbeit hier gezwungen wurden, ist noch viel zu wenig erforscht.“
Sémil Berg erinnerte vor dem Haus Hindenburgstraße 24, wo Juliette Kaechelé gearbeitet hatte, an den unbeugsamen Willen der Elsässerin, die sich dem NS-Regime konsequent verweigert und stattdessen mutig für ein freies Elsass gekämpft hatte, ehe sie wegen „Arbeitsverweigerung“ und „Aufruf zum Widerstand“ denunziert, verhaftet und hingerichtet wurde. Und vor der Plochinger Straße 124, wo Juliette Kaechelé bis zu ihrer Verhaftung gewohnt hatte, machte Berg deutlich, welchen Mut es erforderte, zu seiner Haltung zu stehen.
Erinnerung – schmerzlich und wohltuend zugleich
Für Anne-Marie Willmann und ihre Söhne Gilles und Marc war der Besuch in Esslingen ein besonders bewegender Moment. „Als ein Brief aus Esslingen kam, wusste ich zunächst nicht, wie ich darauf reagieren sollte“, verriet die Halbschwester von Juliette Kaechelé. Doch ihre Söhne haben sie bestärkt, gemeinsam der Einladung zu folgen. „Ich habe erst jetzt so richtig erfahren, was meine Schwester damals erleiden musste“, sagt Anne-Marie Willmann, die sich wundert, dass in Juliette Kaechelés Geburtsort Saint-Marie-aux-Mines bis heute nichts an das Schicksal ihrer Halbschwester erinnert. Umso wichtiger ist es ihr nun, die Stolperstein-Verlegung in Esslingen miterlebt zu haben: „Die Erinnerung ist schmerzlich, doch es tut gut, dass Juliette und ihr Schicksal in Esslingen nicht vergessen werden.“
Drei Namen – drei Schicksale – vier neue Stolpersteine
Lina Möck
Ein Stolperstein vor dem Haus Hindenburgstraße 38 erinnert an Lina Möck, die 1940 ermordet wurde. Sie wurde 1919 als erstes von vier Kindern des Metzgermeisters Konrad Möck und seiner Ehefrau Luise in Esslingen geboren. In früher Kindheit erkrankte Lina Möck an Hirnhautentzündung, was zu einer geistigen Behinderung führte. 1927 wurde das Mädchen in die Anstalt Stetten aufgenommen. 1940 wurde Lina Möck mit 59 anderen behinderten Frauen und einem Mann nach Grafeneck deportiert und ermordet.
Emilie Pfeiffer
Vor dem Haus Grabbrunnenstraße 10 wurde ein Stolperstein für Emilie Pfeiffer verlegt. Geboren wurde sie 1918 in Esslingen als Kind des Schlossers Georg Pfeiffer und seiner Frau Susanne. Emilie Pfeiffer arbeitete 1939 in einer Elektro-Großhandlung, als sie straffällig wurde – der Grund ist nicht bekannt. Aus einem Gefängnis wurde sie ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie 1942 starb – wohl als Opfer der „Aktion 14f13“, die die Tötung von Häftlingen vorsah, die als „krank“, „alt“ und „nicht mehr arbeitsfähig“ galten.
Juliette Kaechelé
Zwei neue Stolpersteine erinnern an Juliette Kaechelé – einer in der Hindenburgstraße 24, wo die Elsässerin arbeitete, und einer in der Plochinger Straße 124, wo sie wohnte. Juliette Kaechelé wurde 1920 in Saint-Marie-aux-Mines geboren und lebte von November 1940 bis Dezember 1941 als französische „Zivilarbeiterin“ in Esslingen. 1941 wurde sie wegen ihres Widerstands gegen das NS-Regime denunziert und verhaftet. Später wurde sie durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und 1942 hingerichtet.