Warnt vor Vorurteilen gegen Minderheiten: Innenminister Reinhold Foto: dpa

Es ist höchste Zeit, die Vorurteile gegen Sinti und Roma abzubauen, sagt Innenminister Reinhold Gall (SPD). Am 2. August 1944 wurden fast 3000 in Auschwitz ermordet.

Stuttgart - An seine Schulzeit denkt Aaron Weiß ungern zurück. „Scheißzigeuner, Wohnwagenschieber“ und andere Schimpfwörter bekamen er und sein Zwillingsbruder regelmäßig zu hören, Spielgefährten fanden sie selten. Heute träumt der 27-jährige Musiker von einer eigenen Musikschule. Mit Musik lässt sich oft mehr ausdrücken als mit vielen Worten. Für die Gedenkfeier für die in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma am Samstag in Stuttgart hat er ein Stück komponiert. Auch in Auschwitz erinnern an diesem Tag Politiker, Überlebende und Angehörige an den Völkermord.

Vor 70 Jahren, in der Nacht vom 2. auf den 3. August, wurden in dem sogenannten Zigeunerblock in Auschwitz-Birkenau die letzten dort gefangenen Sinti und Roma getötet. 2897 Personen, vor allem Frauen, Alte und Kinder. Zeitweise waren dort mehr als 23 000 Menschen eingepfercht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bis 1945 bis zu 90 Prozent der deutschen Sinti und Roma in Gaskammern, durch Erschießungen, Zwangsarbeit oder medizinische Experimente ums Leben kamen.

Aus dem Südwesten überlebten etwa 400 Personen, unter ihnen auch ein Großvater von Aaron Weiß. Sein anderer Großvater war in Wuppertal dem Abtransport in ein Vernichtungslager entgangen, weil ihn ein Polizist von der Deportationsliste gestrichen hatte. Die Rolle der Polizei beleuchtete denn auch Innenminister Reinhold Gall in seiner Rede. „Mich beschämt und entsetzt das Leid der Menschen, aber auch die Akribie, mit der Behörden die Verbrechen vorantrieben, und die Tatsache, dass sich so viele, zu viele , hinter Befehlen versteckten“, sagte der SPD-Politiker. 1938 hatte der damalige Innenminister in Stuttgart verfügt, dass Kinder als „zigeunerisch oder zigeunerähnlich“ eingestuft und zur Unterbringung in Heimen verurteilt wurden. Im Mai 1944 wurden 37 von ihnen aus einem katholischen Kinderheim in Mulfingen abgeholt und mit anderen nach Auschwitz gebracht.

Abgeschlossen ist für Gall das Thema noch lange nicht. Viel zu lange sei der Völkermord an den Sinti und Roma weder als solcher benannt noch anerkannt worden. „Die Zeit des Nationalsozialismus war gewiss der dunkelste Punkt der Verfolgung und Ermordung von Menschen, doch es wäre fahrlässig, Antiziganismus, Antisemitismus oder andere Formen von Menschenfeindlichkeit als ein in sich geschlossenes Kapitel dieser Zeit sehen“, mahnte Gall. Die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds zeige, dass Menschenverachtung bis in die Gegenwart reichen.

Auch Polizeischüler aus der Polizeischule Biberach sind unter den rund 200 Gästen. Sie haben sich in den vergangenen Wochen freiwillig mit dem Thema beschäftigt und versucht, mehr über die jungen Menschen zu erfahren, an denen in Mulfingen Rasseforschung betrieben wurde. Er wolle genauer wissen, was damals passiert sei, meint einer der Teilnehmer. Eine Kollegin sagt: „Ich habe selbst Migrationshintergrund, deshalb fand ich es sehr interessant, mich mit einer Minderheit zu be­fassen.“

Mit dem Ende des Nationalsozialismus war die Ausgrenzung der Sinti und Roma keineswegs beendet, sagt Thomas Schnabel, der Leiter des Hauses der Geschichte. Während­ die Täter teilweise ihre Karrieren fortsetzen konnten, wurde den Opfern jahrzehntelang eine Wiedergutmachung verweigert. In Kommentaren brandmarkten Juristen sie weiter als asozial, kriminell und fremdartig. Von der Polizei wurden sie als Landfahrer, später als mobile ethnische Minderheit gekennzeichnet.

„Rassistische Parolen gegenüber Sinti und Roma sind weit verbreitet“, sagt Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württemberg. Kaum einer wisse, dass es unter ihnen­ Anwälte, Sportler, Wissenschaftler gebe. Aus Furcht vor Diskriminierung verschwiegen viele ihre Identität. Nach einer neuen Studie der Universität Leipzig zum Rechtsextremismus stößt keine andere Minderheit auf so große Ablehnung.

Strauß hofft, dass sich das durch den Staatsvertrag ändert, den das Land mit den Sinti und Roma 2013 abgeschlossen hat. Darin wird anerkannt, dass diese seit mehr als 600 Jahren zur Kultur des Landes gehören und als Minderheit ein Recht auf ihre Kultur und ihre Sprache haben – wie Friesen, Dänen und Sorben in anderen Regionen. Ziel ist auch, Vorurteile und Klischees zu überwinden. Schüler in Baden-Württemberg sollen die Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma kennenlernen, auch eine Forschungsstelle ist geplant. Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma hat sich in dem Staatsvertrag verpflichtet, nichtdeutsche Sinti und Roma bei der Integration zu unterstützen. So hat in Mannheim eine Beratungsstelle ihre Arbeit aufgenommen.

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