Licht- und Objektkünstler Nikolaus Koliusis Foto: Thomas Niedermüller

Mit ärztlichem Bescheid wurden in Hitler-Deutschland von 1939 an systematisch Menschen ermordet. An das als „Euthanasie“ verscheierte Töten erinnert seit 2014 ein Gedenkort. Mitgestaltet hat ihn Nikolaus Koliusis.

Berlin - Tiergartenstraße 4. Eine Adresse des Schreckens. In einer Stadtvilla wird Ende der 1930er Jahre die erste systematische ­Massenvernichtungsaktion Hitler-Deutschlands geplant: die Ermordung von Menschen mit psychischen oder körperlichen Einschränkungen. Ärzte und Pfleger ermorden zwischen 1940 und 1941 in der „Aktion T 4“ 70 000 Menschen. Bis zu 300 000 Ermordete insgesamt sind die Schreckensbilanz des in seiner Dimension noch immer nicht gänzlich aufgearbeiteten „Euthanasie“-Programms.

Gedenken an der Adresse des Schreckens

Ein würdiger Ort der ­Erinnerung fehlt Jahrzehnte. 2014 wird der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde eröffnet. Der Stuttgarter Objektkünstler Nikolaus Koliusis hat gemeinsam mit Ursula Wilms (Architektur) und Heinz W. Hallmann (Landschaftsarchitektur) einen Ort der Spiegelung wie des Unbegreiflichen geschaffen. Im Zentrum: eine 31 Meter lange und 3,10 Meter hohe transparente und hellblau eingefärbte Glaswand. Sie steht frei – bewusst schutzlos.

Befürchtungen gab es viele. Doch auch fünf Jahre nach der Einweihung des Gedenkortes hat die Wand keinen Kratzer. „Auf das empfindsamste Stück der Stadt schlägt ­keiner ein“, sagt Nikolaus Koliusis. Und er ergänzt: „Die Leute sind nicht so schlecht“.

Wie Kunst wirkt

Hat das Blau doch jene geheime Kraft der „Stunde Blau“. Stimmt es, dass die Kunst vor dem Tag kommt? „Für und mit den Besuchern“, sagt Nikolaus Koliusis über seine Konzeption für die Tiergartenstraße, „konnte ich mit meiner Kunst einen Ort bestimmen , der groß und blau ist“. Dabei sei seine Kunst „kein Bild und auch kein Ding“. „Vielmehr“, sagt Koliusis, „ist dieser Ort ein Moment. ­Allerdings ein höchst verdichteter“.

An diesem Freitag, 30. August, wird dieser „sensible und fragile Ort“ (Koliusis) zum Ort der offiziellen Erinnerung. Gedacht wird den Opfern, gedacht wird aber auch des langen Weges zu diesem Ort und seiner eigenen Geschichte seit der Eröffnung vor fünf Jahren. Auch Nikolaus Koliusis wird an diesem Freitag sprechen. In seiner Arbeit, über seine Arbeit, über die „selbstverständliche interdisziplinäre Zusammenarbeit“ mit Ursula Wilms und Heinz W. Hallmann.

Ein leiser Ort ist entstanden – und bewährt sich. Ein Ort, der nicht zuspitzt, sondern Möglichkeiten der Begegnung aufzeigt. „Ich freue mich über die Kinder die den Ort im Spiel erleben“, sagt Nikolaus Koliusis, „und über die Paare, die sich gegenseitig durch das Blau entdecken“. Natürlich, es gibt auch dies – die Texte, die Filme, die Augenzeugenberichte über die viel zu lange verdrängte Mordmaschine.

Das Ziel: „Den Blick öffnen“

Das Ziel dieses Ortes aber bleibt für den Künstler Nikolaus Koliusis ein anderes: „Ich freue mich“, sagt er, „wenn jemand sagt, dies ist ein schöner Ort, beschreibt es doch, dass die Erinnerungskultur fortwährend ist, dass wir den Blick öffnen – sensibilisiert für die Zukunft“.

Wird das Doppelbödige von Trennen und Begegnen auch verstanden? Hartmut Traub, Neffe eines der „T4“-Opfer, notierte zur Eröffnung 2014: „Weder der nationalsozialistischen Abschiebung, Isolierung und Vernichtung noch der Nachkriegsgeschichte ist es gelungen, die Wände der Trennung blickdicht zu verschließen.“ Und er mahnt: „Für die gegenwärtige Gesellschaft gilt, dass auch sie – wenn auch nicht immer klar – durch die sichtbaren und unsichtbaren Wände moderner Diskriminierung das Elend ihrer Ausgrenzungen erkennen kann.“ In der Tiergartenstraße 4 hat die Kunst offenkundig ganz leise einen wirkstarken Ton gefunden.

Stichwort: „T 4“

Unter der Bezeichnung „Aktion T4“ wurden Menschen, die gemäß der nationalsozialistischen Rassen- und Volksgemeinschaftsideologie als minderwertig galten, Opfer von Mordprogrammen. Sie wurden mit dem Begriff „Euthanasie“ verschleiert. Nach der Zentrale der Mordaktion, einer Stadtvilla in der Berliner Tiergartenstraße 4, wurde das Mordprogramm „Aktion T4“ genannt. Die Opfer der „Aktion T4“ wurden von 9. Oktober 1939 an per ärztlichen Meldebogen erfasst.

Reichsweit wurden sechs T4-Vergasungsanstalten eingerichtet: Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim, Pirna-Sonnenstein. Von den etwa 200 000 Menschen, die den Programmen zum systematisch geplanten Massenmord zum Opfer fielen, starben durch die „Aktion T4“ rund 70000 Menschen.

Der Großteil des ehemaligen T4-Personals agierte von Ende 1941 an vor allem in den deutschen Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka.

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